Nukleare Abrüstung: Aktiv über die Medizin hinaus

Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges und in sozialer Verantwortung e.V.) protestierte im Juli in Büchel gegen die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland, darunter auch Sarah Wissing.

Sarah Wissing (vierte von links), 23 Jahre, Medizinstudentin in Homburg, nahm zum zweiten Mal an einer IPPNW-Aktion in Büchel teil. Mit ihr erinnerte die ärztliche Friedensorganisation auch an den 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. | Regine Ratke/IPPNW

Sarah, was hat Dich bewegt, Dich für nukleare Abrüstung zu engagieren?

Sarah Wissing:
Die humanitären Folgen des Einsatzes von Atomwaffen wären verheerend. Unzählige unbeteiligte Zivilisten würden sofort versterben, den Überlebenden und Verletzten könnte durch die zerstörte Infrastruktur keine Hilfe mehr geleistet werden. Dazu kommen die Langzeitschäden für Mensch und Umwelt durch ionisierende Strahlung. Das Leid, das der Abwurf einer einzigen Atombombe verursachen würde, wäre enorm, der Einsatz mehrerer Bomben hätte fatale Folgen für den Planeten und die gesamte Menschheit. Deswegen erachte ich das Verbot von Atomwaffen als essenziell. Die Sicherheit eines Landes durch eine Massenvernichtungswaffe schützen zu wollen, ist paradox. Das Drohen des Einsatzes verleitet den Gegner dazu, ebenfalls Atomwaffen besitzen zu wollen, um nicht unterlegen zu sein. Die Tatsache, dass Atomwaffenstaaten durch die nukleare Teilhabe Macht demonstrieren wollen, ist Ergebnis eines historisch gewachsenen Konflikts. Ich bedauere, dass das Streben nach Macht auf der Basis von Androhung von Leid größer ist als das Streben nach Ansehen durch wohlüberlegtes und friedfertiges Handeln.

Ein Teufelskreis...


Sarah Wissing: Ja, und nur durch ein globales verbindliches Verbot von Atomwaffen kann dieser Teufelskreis der Machtdemonstration durchbrochen werden. Hinzu kommt: Atomwaffen sind teuer. Trotz dem allgemein bekannt ist, dass ihr Einsatz katastrophale Folgen hätte, werden weiterhin Milliarden in ihre Instandhaltung und Modernisierung investiert. Dieses Geld fehlt an anderer Stelle und könnte für verbesserte Verhältnisse im eigenen Land oder auch zur Krisenprävention und Friedensarbeit eingesetzt werden.

Du bist bei ICAN/IPPNW aktiv. Warum?

Sarah Wissing:
Die IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges und in sozialer Verantwortung e.V.) und ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) bieten die Möglichkeit, aktiv für eine friedlichere Welt einzutreten. Auch wenn der Beitrag jedes Einzelnen gering ist, so kann man doch gemeinsam und mit Hartnäckigkeit auf Missstände aufmerksam machen. Mir bietet die IPPNW-Lokalgruppe eine Möglichkeit, mich mit anderen über aktuelle welt- und friedenspolitische Geschehnisse auszutauschen und mich mit Dingen außerhalb des Studiums zu beschäftigen.

Wie sehen Deine Aktivitäten konkret aus?

Sarah Wissing:
Zusammen mit meiner Lokalgruppe versuche ich, das Thema nuklearer Abrüstung etwas mehr in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken. So haben wir beispielsweise öffentliche Vorträge an der Uni organisiert. Aktuell arbeiten wir an der Unterzeichnung des ICAN-Städteappells und versuchen das Engagement bei der IPPNW und ICAN für mehr junge Menschen attraktiv zu machen.

Wie können insbesondere Medizinstudierende bei der IPPNW mitarbeiten?

Sarah Wissing:
An vielen Universitäten gibt es bereits studentische IPPNW-Gruppen, bei denen man sich einbringen kann. Wenn man herausfinden möchte, ob es in seiner Unistadt schon eine Lokalgruppe gibt, dann kann man sich dazu auf der Webseite der IPPNW unter dem Abschnitt Studierende informieren und Kontakt aufnehmen. Die einzelnen Gruppen legen unterschiedliche thematische Schwerpunkte, aber grundsätzlich kann sich jeder mit seinen Ideen einbringen oder auch einfach mit Gleichgesinnten über Themen sprechen, die außerhalb des klassischen medizinischen Bereichs liegen.

Der Klimawandel ist in aller Munde – nicht erst seit der „Fridays for Future“-Bewegung. Darauf, dass Umwelt- und Klimaschutz auch wichtig für die Gesundheit sind, möchte das bvmd-Projekt „Mensch und Umwelt“ aufmerksam machen, erklärt Projektleiterin Sylvia Hartmann im Interview.

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Ist das zeitlich während des Medizinstudiums gut möglich?

Sarah Wissing:
Natürlich ist bei Medizinstudierenden Zeit ein eher knappes Gut, deswegen kann man, wenn man sich prinzipiell für Friedensarbeit und Global Health interessiert, an den Veranstaltungen, Vorträgen, Workshops teilnehmen, die von der deutschlandweiten Gruppe oder den Lokalgruppen angeboten werden. Ein Beispiel dafür wäre die Global Health Summer School, die jedes Jahr in Berlin stattfindet, oder das Projekt Famulieren und engagieren, das es Studierenden ermöglicht, eine Famulatur im Ausland mit Friedensarbeit und sozialem Engagement im Gastland zu verbinden. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit, studentisches Mitglied der IPPNW zu werden und so die Organisation zu unterstützen.

Du hast diesen Sommer an einer Aktion in Büchel teilgenommen. Wie Du die Aktion erlebt?

Sarah Wissing:
Ich konnte im Juli nur für zwei Tage nach Büchel kommen, da die Aktionswoche direkt vor unserer Klausurenphase lag. Trotz dem der Protest in Büchel durch die Corona-Pandemie unter veränderten Bedingungen stattgefunden hat, war es in meinen Augen ein sehr konstruktives und motivierendes Wochenende. Es war inspirierend, die Geschichten derer zu hören, die sich schon seit Jahrzehnten für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzen, und an Workshops teilzunehmen.

Welche waren das?

Sarah Wissing:
In einem Workshop haben wir anhand des sehr plastischen Beispiels eines Atombombenabwurfs auf Berlin die Folgen eines atomaren Angriffs erarbeitet. Die selbe Thematik wurde auch im Theaterstück „Little Boy – Big Taifoon“ von Hisashi Inoue aufgegriffen, das in einem anderen Workshop vorbereitet und anschließend vorgetragen wurde. Das Stück erzählt den Atombombenabwurf auf Hiroshima aus Sicht von drei kleinen Jungen. Dieses sehr authentische und ernste Stück ließ einem durch seine anschaulichen Beschreibungen Schauer des Grauens über den Rücken laufen und hinterließ eine bedrückende Stille. Ich denke aber, dass genau diese Art der Auseinandersetzung mit atomarer Rüstung das Thema greifbar macht und zeigt, dass es einfach keine atomaren Massenvernichtungswaffen geben sollte. Insgesamt waren die zwei Tage in Büchel eine gut investierte Zeit. Ich bin froh, dass es jedes Jahr die Möglichkeit gibt, Präsenz gegen Atomwaffen zu zeigen und sich mit anderen Engagierten auszutauschen und zu vernetzen.

Was bedeutet Büchel für Dich als Studentin?

Sarah Wissing: Als ich vor einigen Jahren das erste Mal von Büchel hörte, wusste ich nicht, dass dort amerikanische Atombomben gelagert sind. Aber Büchel macht das abstrakte Thema Atomwaffen greifbarer und verdeutlicht, dass es nicht nur weltpolitisch von Bedeutung ist. Das militärische Gebiet inmitten der idyllischen Landschaft ist ein Sinnbild für die schlummernde Gefahr, die von den Atombomben ausgeht. Außerdem zeigen die dortigen Mahnwachen und Demonstrationen Zusammenhalt. Man trifft auf Menschen ganz unterschiedlichen Alters, die sich für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen.

Fakten:

Mehr als 6.000 Ärzte und Ärztinnen, Medizinstudierende und Fördermitglieder engagieren sich in der IPPNW Deutschland. Weltweit setzen sich mehrere Tausend Mediziner für eine friedliche, atomtechnologiefreie und menschenwürdige Welt ein. Für ihr Engagement erhielt die IPPNW 1985 den Friedensnobelpreis.

Mehr Infos: www.ippnw.de

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Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.