Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 15: Kinder, Winter, Weihnachten.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov | Deutscher Ärzteverlag/privat

Eigentlich wollte ich dieses Semester meine letzten beiden Klausuren schreiben. Dann wäre ich Klausuren-frei – auch wenn immer noch ein Berg Seminare und Praktika vor mir liegt.

Doch das Timing war winterlich-weihnachtlich-knapp.

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier

Winterlich, weil Kinder im Winter typischerweise 90 Prozent der Zeit krank sind. Anfang Dezember wollte ich eigentlich anfangen zu lernen, doch wurden wir reihum krank: Erst eins (mein Sohn), dann zwei (meine Tochter), dann drei (ich), dann vier (mein Mann), dann steht das Christkind vor der Tür! Und wenn das Christkind dann da ist, sind Ferien. Der Dezember fiel zum Lernen also flach. Ich nahm mir vor, trotz Ferien – was ja hieß, dass der Kindergarten geschlossen war und mein Mann an nicht-Feiertagen trotzdem arbeiten musste – pro Tag eine Stunde zu lernen.

Jeder Student kann bestätigen, dass es nicht einfach ist, zwischen Weihnachten und Neujahr zu lernen. Die Familie kommt zusammen, alte Freunde tauchen wieder in der Heimatstadt auf, Vorbereitungen und Nachbereitungen wollen gemacht werden... Wenn ich mich dann doch mal vom Familientrubel zurückzog, um zu lernen, bin ich innerhalb kürzester Zeit über meinem Laptop eingeschlafen. Zwei Kinder zu unterhalten, die ein Aktivitätslevel auf Kindergartenniveau gewohnt sind, und das bei miesem Wetter, macht einfach müde. Nach einem kurzen Powernap wurde ich dann von “Mama, wo biiiiiiist du?” und “Schhh, Mama lernt!”-Rufen geweckt.

Einfach nebenher lernen?

Also versuchte ich die “Nebenher-Technik” – die Gelegenheiten zu nutzen, wenn die Kinder scheinbar friedlich spielten oder Serien guckten. Nachteile: Sobald ich meinen Laptop aufmachte, wurden die Kinder sofort in den Bann des magischen Strahlens des Bildschirms gezogen. “Mama, ich will!” Und es wurde wild auf meiner Tastatur herumgehackt. Sie mit einer alten, nicht angeschlossenen, fake-Tastatur abzuspeisen – darauf fielen sie nicht rein. Gut, dann druckte ich mir die Vorlesungsfolien eben aus und versuchte, oldschool mit Blatt und Textmarker “nebenher” zu arbeiten. Im Nu waren meine Textmarker verstreut, zerknabbert oder als Papierflugzeug-Halteapparat zweckentfremdet. Ach ja, nicht zu vergessen, der Boden: schön leuchtende Neonfarben in Streifen, Wellen und Kreisen.

Vorteile der Nebenher-Technik: Lernen durch Assoziationen. An die Nebenwirkungen von beta-Laktamantibiotika kann ich mich genau erinnern, weil meine Tochter in dem Moment, in dem ich sie mir einprägte, ihren klebrigen Apfelsaft auf meine Unterlagen verschüttete...

Alles zusammengenommen habe ich in den Ferien so rund drei Stunden gelernt. Viel zu wenig. Als der Kindergarten wieder losging, hatte ich abgezählt genau sechs Vormittage und Abende, um auf zwei Klausuren zu lernen. Da das unmöglich zu bewältigen war, habe ich mich von einer verabschiedet, um wenigstens die andere sicher zu bestehen. Somit musste ich mich auch von dem “Klausuren-frei” verabschieden. Schmerzhaft. Doch keine Zeit für Trauer.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so kondensiert gelernt zu haben. Eigentlich bin ich eher der Typ, der viel zu früh anfängt – aus Angst, dass die Zeit nicht reichen wird. Und der dann ein paar Tage vor der Prüfung die Wohnung putzt – Prokrastination umgekehrt. Zudem bin ich der Typ, der ungern von seinen Gewohnheiten abweicht. Ach was, ungern. Niemals. Aber Kinder sind wahre Lebens-Lehrmeister. Sie lassen einem hin und wieder keine Wahl, als etwas Neues auszuprobieren oder wichtige Dinge zu riskieren.

Und siehe da, ich habe bestanden. Trotz Kinder, Winter und Weihnachten. Oder gerade deshalb?