Mein Zebra

Nach reichlich Theorie im Studium endlich in den Alltag eines Arztes eintauchen – ein Traum für jeden Medizinstudenten – oder? Christiane Licht berichtet hier regelmäßig von ihren Erfahrungen als Ärztin im In- und Ausland. Teil 72: Mein Zebra.

Christiane Licht entschied sich nach ihrem 3. Staatsexamen für Work & Travel als Ärztin.

Liebes Krankenhaus,

gut gelaunt und sonnengebräunt startet unser heutiger Tag in der Studienambulanz in Vladivostok (ich hätte nicht gedacht, dass es in der fast östlichsten Stadt Russland so gutes Wetter geben kann). Natürlich zeigen wir als erstes unserem Oberarzt und den Schwestern und auch allen anderen Leuten hier im Haus, die Bilder vom Strand, wie dieses hier zum Beispiel:

Danach ging es aber auch gleich wieder an die Arbeit. Heute haben wir einen jungen Patienten mit einer sehr spannenden Anamnese. Ein 23-jähriger Sportler fühlt sich seit einiger Zeit schlapp und kraftlos. Seit ungefähr zwei Wochen bringt er auch an der Uni, an der er Sport studiert, zunehmend schlechtere Leistungen. Er kann sich zu nichts mehr motivieren und ist auch nicht mehr so fit, wie früher. Erst dachte er, dass er einfach alt wird, aber sein Trainer meinte, dass er das auf jeden Fall mal abklären lassen sollte. Und da erwacht das Medizinerherz auch schon zum Leben. Bei dieser typischen Geschichte, denken wir alle drei sofort an eine HCM/HOCM - vor allem beim Sport hat der Patient häufiger Probleme und fühlt sich unwohl - an eine verschleppte Endokarditis oder an eine orthostatische Dysregulation – je nachdem, was er für komplizierte Übungen macht. Und sogleich gingen wir motiviert an die Arbeit und organisierten ein Ultraschallgerät und eine Blutdruckmanschette. Doch zur Überraschung aller war der Mann kerngesund, wie man es von einem Sportstudenten ja eigentlich auch erwarten sollte. Und dann saßen wir drei anfangs so topmotivierten jungen Ärzte etwas ratlos im Büro des Oberarztes, der uns zwar für unseren medizinischen Eifer lobte, aber den allseits bekannten Medizinerspruch etwas anders zitierte: „Wenn man Hufgetrappel hört, dann sollte man zuerst an Pferde denken und nicht an Zebras. Wenn man aber weit und breit keine HCM- oder Endokarditis-Pferde gefunden hat, dann ist es wohl an der Zeit auf Zebrajagd zu gehen.“

Und so schnappten wir uns alle unsere Safariausrüstung und begaben uns in der Bibliothek auf die Suche nach medizinischen Zebras.

Christiane Licht hat in Münster Medizin studiert und schildert hier ihre erste Arbeitserfahrungen als Ärztin. Alle Blog-Inhalte beruhen auf den Erfahrungen von Christiane Licht und geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. 

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