Medizinstudium 2020: Ein besonderes, aber kein verlorenes Jahr

Vielerorts blieben und bleiben die Hörsäle leer. Das Wintersemester 2020/21 wollen die medizinischen Fakultäten vermehrt mit digitalen Vorlesungen und interaktiven Lehrformaten bestreiten.

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Eine neue Normalität kehrt trotz der COVID-19-Pandemie ein – auch an den Hochschulen. Die Kultusminister der Länder haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, wollen den einzelnen Hochschulen aber Freiräume lassen. Das Credo der Minister: Sommer- und Wintersemester 2020 werden zwar nicht als gewöhnliche Semester in die Geschichte eingehen, sollen aber auch nicht verloren sein für die Studierenden.

Dies gilt auch für das Medizinstudium. Für die Universitätsmedizin ist die Zeit der Pandemie eine besondere Herausforderung. Denn zuvor gab es nur wenige Pilotprojekte und Modellstudiengänge an den medizinischen Fakultäten, die sich mit der digitalen Vermittlung von Kompetenzen im Humanmedizinstudium beschäftigt hatten.

Digitale Vorlesungen, interaktive Lehrformate

Plötzlich bestand und besteht dringender Handlungsbedarf. Jetzt läuft in der Medizin trotz der zusätzlichen Anstrengungen in Krankenversorgung und Forschung der Lehr- und Prüfungsbetrieb im Wintersemester 2020/21 wieder an – und zwar bereits häufig mit digitalen Vorlesungen und interaktiven Lehrformaten, wie Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), dem Deutschen Ärzteblatt Medizin studieren berichtete.

Stolz sind die medizinischen Fakultäten vor allem auf das Projekt „Nationale Lernplattformen für digitales Patienten-bezogenes Lernen im Medizinstudium“, das vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit einer halben Million Euro gefördert wird. „Über eine Plattform, die der MFT gemeinsam mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin kurzfristig geschaffen hat, können die Fakultäten untereinander digitale Lehrmaterialien austauschen“, erläutert der MFT-Präsident. Grundlage hierfür sei eine Katalogisierung der Lehrinhalte auf der Basis des bereits implementierten Nationalen kompetenzorienten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM). Noch bestehende Lücken im inhaltlichen Angebot sollen kurzfristig geschlossen werden. Koordiniert werde das Projekt von der Medizinischen Fakultät in Göttingen. Konkret werden den Fakultäten durch das Projekt alternative digitale Lernformate zur Verfügung gestellt, mit denen Medizinstudierende ersatzweise trainieren können. „In unseren Studien konnten wir zeigen, dass digitale Simulationen von Arzt-Patienten-Kontakten zu einem langfristigen Lernerfolg führen können. Ein besonderer Schwerpunkt des aktuellen Projekts ist der Umgang mit akut erkrankten Personen“, erklärt Tobias Raupach, Leiter des Bereichs Medizindidaktik und Ausbildungsforschung im Studiendekanat der Universitätsmedizin Göttingen.

Studierende sind grundsätzlich optimistisch

Grundsätzlich optimistisch sind auch die Medizinstudierenden. Sie sehen in der erzwungenen Ausnahmesituation während der Pandemie eine Chance, die langfristig genutzt werden sollte. „Wir begrüßen, dass die Universitäten viele Ressourcen in die nun stattfindende digitale Lehre investieren“, sagt Tobias Löffler, Bundeskoordinator für Medizinische Ausbildung der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), dem Deutschen Ärzteblatt Medizin studieren. Viele Studiendekanate seien sehr engagiert. „Wir freuen uns, dass einige von uns vorgeschlagene Lehrmethoden nun umgesetzt werden.“ Auch Medizinstudierende seien an den verschiedenen Standorten in die Entwicklung dieser neuen, digitalen Lehrkonzepte eingebunden.

Jetzt kommt es der bvmd zufolge auf eine bundesweite Umsetzung an. „Wir appellieren an die Verantwortlichen der Fakultäten, die Ressourcen national zu bündeln, um für alle Studierenden schnellstmöglich ein umfassendes digitales Studium zu ermöglichen“, betont Löffler. Die Standortwahl der Studierenden dürfe keinen Einfluss auf ihren Studienverlauf haben. „Außerdem müssen die nun geschaffenen digitalen Konzepte umfangreich evaluiert werden, um sie auch nach der COVID-19-Pandemie nachhaltig weiterzuentwickeln.“

Das Bundesgesundheitsministerium hat gestern (30.3.2020) die Änderungen an der ärztlichen Approbationsordnung veröffentlicht, die während der COVID-19-Pandemie gelten. Sie sollen schon zum 1. April in Kraft treten. Was sich genau ändert, erfährst Du hier.

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Vielerorts berichten die Studierenden aber auch lediglich über „Notlösungen“ während des Sommersemesters 2020, bei denen viele Schwachstellen zutage traten. Das sollte sich aus ihrer Sicht nun im Wintersemester ändern: „Die Fakultäten hatten nun genügend Zeit, sich auf dieses Semester vorzubereiten. Wir erwarten ausgeklügeltere Konzepte bezüglich der Hygienemaßnahmen, der Bereitstellung von Tests und Schutzausrüstungen für Studierende und natürlich gut funktionierende Lehre mit einem Mix aus Präsenzunterricht und digitalen Lehrmethoden“, sagte Tim Schwarz, Vizepräsident der bvmd für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, dem Deutschen Ärzteblatt Medizin studieren. Hierbei wünscht er sich vor allem, dass die vielen Positivbeispiele für hoch qualitative und zukunftsgerichtete digitale Lehre nicht einfach wieder fallen gelassen, sondern nachhaltig etabliert werden. "Wir Studierenden sind gerne dazu bereit, uns tatkräftig einzubringen. Es ist essenziell, dass auch Studierende in die lokalen und nationalen Entscheidungsprozesse einbezogen werden.“

Mehr Flexibilität für Nebenjobs und Promotion

Auf bessere Absprachen, eine sinnvolle Kombination aus praktischem Unterricht am Patienten und Online-Angeboten sowie auf gerechte Klausurterminierungen im jetzt angelaufenen Wintersemester drängt auch Christian Wolfram, Vorsitzender des Ausschusses der Medizinstudierenden im Hartmannbund. Dabei verweist der Medizinstudent auf eine Umfrage des Hartmannbundes unter Medizinstudierenden zu dem Thema. Von den 841 Umfrageteilnehmern berichtete mehr als die Hälfte im Sommer, dass ihnen das Online-Semester eine viel freiere Zeiteinteilung ermöglicht habe, sodass sie sich verstärkt dem Verfassen der Promotion oder auch ihren „Nebenjobs“ widmen konnten. Der Zugewinn an zeitlicher Flexibilität sei aber auch mit einigen, teils gravierenden, Einschränkungen einhergegangen, so Wolfram. Etwa 80 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass ihnen durch den mangelnden direkten Patientenkontakt und die fehlende Ausbildung im Labor Lücken in der Ausbildung entstanden seien. Ungefähr 45 Prozent der Studierenden hätten das Semester dadurch als weniger oder sogar deutlich weniger produktiv empfunden als gewöhnlich. Eine schlechte Informationskultur der Fakultäten, mangelnde Kommunikation der Fachbereiche untereinander und oft nur sporadisch vorhandene Technikkompetenzen der Dozierenden hätten die Lehrqualität nach Meinung der Studierenden in diesem Semester stark gemindert. Oftmals sei die Qualität der Lehre vom Engagement einzelner Dozierenden abhängig gewesen.

Auch die medizinischen Fakultäten sehen bei der Gestaltung der digitalen Lehre noch Luft nach oben. „Es ist bei Weitem nicht damit getan, die Vorlesungsfolien auf einen Server zu laden“, bekräftigt Cord Spreckelsen, Medizininformatiker und Leiter der Arbeitsgruppe Digitale Lehre am Universitätsklinikum Jena. Stattdessen müsse noch deutlich in Hard- und Software investiert werden.

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