Medizinstudenten engagieren sich: Pépinière e.V. – die Heldenmacher

Die Mitglieder des Pépinière e.V. geben kostenlosen Erste-Hilfe-Unterricht an Brandenburger Grundschulen. Ein Interview mit dem Medizinstudenten, Mitbegründer und Vereinsvorsitzenden Philipp Humbsch aus Frankfurt (Oder).

Unter dem Motto "Jeder kann ein Held sein" lernen Schüler, wie sie im Notfall Erste Hilfe leisten können. Als Belohnung winkt am Ende ein "Heldendiplom". | Pépinière e.V.

Warum ist es so wichtig, Kinder an Schulen in Erster Hilfe auszubilden?

Philipp Humbsch: In Deutschland haben wir in den Krankenhäusern teure Geräte, mit denen Menschen im Notfall versorgt werden können. Leider hilft das nichts, wenn niemand den Notruf wählt und die Rettungskette in Gang setzt – und das passiert leider in vielen Fällen nicht. Bisher ist Erste-Hilfe-Unterricht für Grundschüler von der Kultusministerkonferenz nicht vorgesehen. Einen Grund dafür haben wir nicht gefunden – die Grundschüler sind lernbegierig, haben weniger Berührungsängste und wollen unbedingt praktisch arbeiten. Sie sind viel motivierter als viele, die den Erste-Hilfe-Schein nur für den Führerschein brauchen. Das ist für uns ein schöner Ansatz, auch schon bei Grundschülern das Wissen und die Bereitschaft zur Ersten Hilfe zu verbreiten.

Was lernen Grundschüler denn normalerweise überhaupt über Erste Hilfe?

Philipp Humbsch: Wenn wir nicht vor Ort sind, ist Erste Hilfe in der Grundschule kein Thema. Vielleicht gibt es hier und dort kleinere Initiativen, aber im Regelfall ist das in den Grundschulen völlig unbekannt. Wir sind da noch auf einem sehr wenig beackerten Feld – leider.

Wie läuft der Erste-Hilfe-Unterricht des Pépinière e.V. genau ab?

Philipp Humbsch: Wir haben unseren Erste-Hilfe-Kurs so verändert, dass wir schwer verständliche und entbehrliche Themen rausgenommen haben. Wir beschränken uns auf vier Themenkomplexe: Am wichtigsten ist der Eigenschutz. Die Kinder sollen verstehen, wo Gefahren sind und dass sie sich nicht in Gefahr begeben dürfen – Eigenschutz geht immer vor. Aber den Notruf kann jeder wählen – und den lernen sie dann auch. Das zweite Thema ist die Reanimation nach dem Schema „Prüfen, rufen, drücken“ – das ist ja eine richtige Kampagne zur Prävention beim plötzlichen Herztod. Dann noch die Verbandslehre und die stabile Seitenlage – diese vier Themenfelder werden größtenteils praktisch, aber eben auch theoretisch behandelt. Die Kinder müssen das Gelernte natürlich immer in einem Fallbeispiel anwenden. Die Schulung dauert drei Tage: Die ersten beiden Tage sind für die Ausbildung, am dritten Tag findet die Prüfung statt.

Wie läuft die Prüfung ab?

Philipp Humbsch: Wir haben vier Stationen aufgebaut – drei dieser Stationen behandeln die genannten Themenfelder. Die vierte Station haben wir für den örtlichen Katastrophenschutz reserviert. Es ist uns ein Anliegen, Nachwuchs für diesen Bereich zu gewinnen – z.B. für Feuerwehren, das THW oder andere Hilfsorganisationen. Am Ende der Prüfung bekommen alle ein „Heldendiplom“ – das ist für die Kinder ein ganz großes Ding. Die gesamte Ausbildung wird vom Institut für Sozialmedizin an der Berliner Charité begleitet, evaluiert und wissenschaftlich weiterentwickelt – wir möchten dazu auch eine Studie machen. 

Den Verein Pépinière e.V. gibt es seit August 2016. Die Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, Kenntnisse der Ersten Hilfe kostenlos zu verbreiten. Das französische Wort „Pépinière“ bedeutet „Baumschule“ – der Name bezieht sich auf eine Akademie, in der früher Militärärzte für die preußische Armee ausgebildet wurden. Mehr Infos und Kontaktmöglichkeiten online unter heldenmacher.org.


Was für eine Studie ist da genau geplant?

Wir haben 2.000 Kinder in der Kohorte der Studie – das ist weltweit die größte Studie zu diesem Thema. Wir evaluieren jede Schulung und wollen die Daten auch veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir eine neue Empfehlung der Kultusministerkonferenz erreichen – vielleicht sogar eine verpflichtende Aufnahme der Ersten Hilfe in den Lehrplan der Grundschulen.

Wie reagieren die Kinder auf den Unterricht? Wie ist der Lernerfolg?

Philipp Humbsch: Die Kinder reagieren meistens begeistert, weil es für sie ganz anders ist als der normale Schulunterricht. Die ganze Schule nimmt teil – so ist es ein sehr prägendes Erlebnis. Ab der dritten Klasse gibt es tatsächlich einen effizienten Lernerfolg. Den jüngeren Schülern fehlt noch die Physis, die Thoraxkompression richtig durchzuführen und auch das Verständnis für die Körperfunktionen und die verschiedenen Rettungstechniken ist schwierig. Aber auch die Kinder der ersten und zweiten Klasse lernen schon den Notruf – und das kann wirklich ab der ersten Klasse jeder. Wir haben also Lernerfolge in allen Klassen und das motiviert uns, weiter zu machen.

Philipp Humbsch

Philipp Humbsch kämpft dafür, dass auch Grund- und Förderschüler eine Erste-Hilfe-Schulung bekommen und ehrenamtliches Engagement kennenlernen. Jetzt wurde er dafür zum „Studenten des Jahres 2018" gekürt.

weiterlesen

Welche Projekte sind für die Zukunft geplant?

Philipp Humbsch: Wir haben in unserem Projekt „Jeder kann ein Held sein“ inzwischen über 3.300 Kinder ausgebildet. Das ist eine schöne Zahl – allerdings gibt es allein bei uns in Brandenburg über 200.000 Schüler, und die können wir nicht alle erreichen. Ein Plan ist, die Lehrer zu qualifizieren, damit sie die Erste-Hilfe-Ausbildung an den Schulen übernehmen können. Dafür fehlt uns im Moment allerdings noch die Finanzierungsgrundlage. Außerdem engagieren wir uns für Prävention in der Breite: Dafür arbeiten wir mit den ÖPNVs der verschiedenen Landkreise zusammen. Das Projekt heißt „#heldkannjeder“. Dafür hängen wir in Busse und Bahnen Plakate, wie die Fahrgäste Erste Hilfe leisten können und wie wichtig das ist. Ein anderes Projekt ist „Verbinden lernen“, damit wenden wir uns an Rentner und geistig und körperlich eingeschränkte Menschen, zum Beispiel in Behindertenwerkstätten. So wollen wir Menschen in gefährdeten Gruppen auf die Notsituation vorbereiten – denn gerade diese Menschen haben ein hohes Risiko, irgendwann auf Erste Hilfe angewiesen zu sein; sie werden aber aktuell überhaupt nicht in die Prävention eingebunden.

Wie kann man den Verein unterstützen?

Philipp Humbsch: Wir leben nur von Spenden und Preisgeldern – für die Schulen soll der Unterricht kostenlos bleiben. Aktuell wollen wir eine Stiftung gründen, um für Sponsoren ein attraktiverer Partner zu sein. Derzeit hat der Verein 16 Mitglieder, 50 sind im Helferpool aktiv. Der Verein betreut auch die „Jeder kann ein Held sein“-AG an der Charité. Wir hoffen aber auch auf Interesse von anderen Fakultäten und Universitäten, die das Projekt auch bei sich durchführen können. Wir freuen uns über Spenden, aber auch über helfende Hände, am besten mit medizinischer Fachkenntnis. Uns helfen aber auch Sachspenden wie Verbandsmaterialien, Handschuhe oder Desinfektionsmittel – da sind wir auf stetigen Nachschub angewiesen.