Kind und Kittel: "Zwischen Urlaub und Staatsexamen"

Für unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov ist es endlich soweit: Nach monatelangen Vorbereitungen, Lockdown und Lernstress darf die zweifache Mutter nun endlich zum Staatsexamen antreten.

Die Operation Karriere-Bloggerin und zweifache Mutter Natalja Ostankov schreibt regelmäßig über den Alltag zwischen Familie, Klinik und Studium. | Deutscher Ärzteverlag/privat

Die schlimmste Autofahrt seit langem. In meinem Brustkorb flimmert es. Google Maps führt mich durch mir unbekannte Straßen der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. So umfahren wir – Google und ich – den Stau auf dem mittleren Ring. Alle paar Minuten, ach was, alle paar Sekunden blicke ich auf den Bildschirm. Ankunftszeit 7:38. Sehr gut. Jetzt 7:40; oh nein, nicht dass es noch mehr wird. Ich muss doch noch einen Bäcker finden, bisher konnte ich nichts essen. Ob es gut ist, kurz vorher zu essen? Nicht dass das Blut im Bauch versackt, es soll doch ins Hirn.

Noch 17 Minuten, aber sie sind orange, grün wäre mir lieber. Mein gesamter Brustkorb wird von diesem nervösen Flimmern ausgefüllt, es nervt. Ich atme ganz langsam, ganz tief ein und dann ganz langsam, ganz lange aus. Es flimmert immer noch. Also nochmal – ich versuche eine Art Valsalva-Manöver, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Reset. Komm, beruhig dich.

Nicht denken, essen

Bei Bäcker Hasi kaufe ich schließlich mein Frühstück. Bäcker Hasi ist direkt um die Ecke, es kann nicht mehr viel passieren. Doch das Flimmern persistiert. Persistierendes Vorhofflimmern, was war noch einmal der Unterschied zum permanenten? Stop! Nicht denken, essen.

Ich bin drin, sitze an meinem Platz, da steht meine Nummer, die gleiche, die auf meiner Ladung steht. Bin da, geschafft.

Viel zu früh bin ich, war ja klar. Gemächlich, Ruhe vortäuschend, lege ich alle meine Sachen auf dem Tisch aus. Die angeknabberte Butterbrezel, Bleistifte, Radiergummi, Schokolade, Wasser, Kaffee. Kaffee, was habe ich mir dabei bloß gedacht? Mein Herz schlägt sich auch ohne Koffein schon an meinen Rippen wund.

Unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov lernt für das Staatsexamen – schon wieder. Denn im Frühjahr war die Prüfung wegen Corona ausgefallen. Wie es ihr diesmal bei der Prüfungsvorbereitung geht, schildert sie im Beitrag.

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Je länger ich sitze, desto ruhiger werde ich. Jetzt kann nichts mehr dazwischen kommen, keine Quarantäne, kein Unfall, kein Stau.

Das Staatsexamen, in Form eines Fragebogens, einer Bildbeilage und eines einzelnen Blattes mit ordentlich angeordneten Kreisen, Buchstaben und Zahlen, liegt nun vor mir. Langsam aber sicher wandert die Aufmerksamkeit meines Organismus’ aus dem Brustkorb in Richtung Gehirn, das Flimmern wandelt sich in nervöse doch konzentrierte Nervenaktivität um. Los geht’s.

Ich schreibe wirklich Staatsexamen. Echt jetzt

Kurz bevor ich abgebe, werde ich wieder nervös. Trotzdem gebe ich ab, packe vorsichtig zusammen und schleiche auf leisen Sohlen durch den riesigen Saal, die Messehalle C6, sonst wohl voller Anzugsfritzen, jetzt voller konzentrierter Studenten. Es scheint so irreal, ich schreibe wirklich Staatsexamen. Echt jetzt.

Als sich die Tür hinter mir schließt, atme ich durch. Aber die Nervosität bleibt. Tja, das wird wohl jetzt drei Tage lang so gehen.

Mein Handy piepst, ich bekomme eine Nachricht von meinem Mann. Ein Foto mit einer Notiz unseres Lehrers an uns: Zur Kenntnisnahme, dass unser Sohn in den letzten Tagen öfter als erwünscht aufgrund von schlechten Benehmens verwarnt werden musste. Bitte unterschreiben.

Mein Herz hört augenblick mit seinem nervösen Flimmern auf, nur um mir in die Hose zu rutschen. Kaum ist Mama aus dem Haus, gerät alles aus den Fugen. Das passt so gar nicht zu unserem Sohn, der eigentlich der vernünftige, ruhige Typ ist. Was soll ich jetzt tun? Ich will zu Hause sein, ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, er solle bloß nicht denken, ich wäre sauer. Ob mein Mann richtig reagiert? Hoffentlich schimpft er nicht. Wieder atme ich tief durch. Loslassen, Papa kann das schon. Trotzdem rufe ich an. Alles gut, die Männer haen das schon geregelt.

Es braucht ein Staatsexamen, damit Mama sich mal Urlaub nimmt

Damit ich nicht jeden Morgen 75 Kilometer fahren und auf der Autobahn Panikattacken erleiden müsste, habe ich mich für die drei Tage bei meiner Mama in München einquartiert. Allein unterwegs, für mehr als einen Tag, das hatte ich das letzte Mal vor fünf Jahren. Also war mein Plan, nicht nur Staatsexamen zu schreiben, sondern meinen Urlaub vom Mamasein so richtig auszukosten – so schnell kommt eine solche Gelegenheit nicht wieder um die Ecke… Manchmal erwischte ich mich während der Prüfung sogar dabei, nicht viel Zeit mit Zaudern verschwenden zu wollen, um noch schön viel vom restlichen Tag zu haben! Doch ich riss mich zusammen, schrieb schön ordentlich mein Examen und schlich mich trotzdem jeden Tag vor Ablauf der Prüfungszeit aus dem Saal.

Ein Haken gab es aber an der Sache – ich hatte verlernt, es mir gut gehen zu lassen. Ich wusste nicht wohin mit mir, irrte im Regen in München herum. Fuhr U-Bahn, schmökerte ziellos in einem Buchladen, verplemperte Zeit vor Schaufenstern, telefonierte… bis plötzlich Abend war und ich mich verwundert ärgerte, ob das denn nun Entspannung hieß. Habe ich meine Zeit etwa richtig gut genutzt? Im Nachhinein weiß ich: Gerade das – Zeit nicht gut zu nutzen – ist Entspannung.

Doch in meinem “Urlaub” ärgerte ich mich. Ich spürte keine Änderung in mir, kein “Jetzt bin ich aber erholt!”
Vielleicht lag es ja auch an dem offiziellen Grund für meinen “Urlaub”? Wie soll man denn auch zwischen den Prüfungstagen entspannen, was für eine Schnappsidee.

Letzter Tag

Ich traue mich nicht, tief durchzuatmen, weiß nicht, ob ich lächeln soll. Obwohl die Sonne einladend scheint, der Moment perfekt erscheint, um sich zu freuen, passiert nichts in mir. Ich gehe einfach die Straße entlang, fühle mich wie in einer Blase, die Außenwelt scheint weit weg von mir, Geräusche kommen nur gedämpft in meinem Kopf an. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich muss – voraussichtlich – nie wieder Staatsexamen schreiben. Nie mehr Amboss büffeln. Nach einem ganzen Jahr Lernen scheint das unwirklich, viel zu unwirklich.

Es ist vorbei. Doch irgendwie habe ich mir das Gefühl danach anders vorgestellt, etwas pompöser. Stattdessen beschleicht mich die Erleichterung nur zaghaft; aber stetig.

Nachdem ich um 14:00 Uhr mein Fragenheft abgeholt habe (erst nach Prüfungsende darf man es mitnehmen und als Erinnerung oder zum Abgleich mit anderen behalten), mich an den restlichen feiernden Studenten mit Abstand vorbei gequetscht und ins Auto gesetzt habe, kommt sie, die Erleichterung. Mit einem “Wuhuu!” starte ich den Motor, Scheiben runter, Radio an und mit Vollgas auf die Autobahn nach Hause.

Ein bisschen traurig ist es dann doch, dass keiner der Wartenden vor der Halle C6 auf mich gewartet, kein kühles Bier für mich gedacht war. Aber ich fühle mich zu alt dafür, gehöre einfach nicht dazu. Irgendwie ist mir dieser Teil des Student-Sein durch das frühe Familiegründen verloren gegangen.

Zuhause hingegen werde ich so warm empfangen, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Die ganze Bande spielt wie so oft bei gutem Wetter im Hof, kleine Krausköpfe fahren Roller, malen Straßenkreide… Als ich aussteige, kommt meine Nachbarin und langjährige Freundin mit einem Blumenstrauß auf mich zu und drückt mich fest.
Ich bin angekommen, in meiner Hood. Und richtig angekommen ist nun auch die Freude und Erleichterung über das hinter mich gebrachte.

Ach ja, und selbstverständlich wartete im Gefrierfach schon seit drei Tagen ein guter Wodka darauf, in Form eines Moscow Mule mit mir und meinem Mann zu feiern….

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