Kind und Kittel: Endlich Ärztin!

Unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov hat es geschafft: Sie hat ihr Studium abgeschlossen und ist jetzt Ärztin! Aber zuerst musste sie noch den Endgegner besiegen und die praktisch-mündliche M3-Prüfung bestehen. "Wer sechs Jahre Medizinstudium geschafft hat, schafft auch das M3" sagt sie - und schildert im Beitrag ihre Erfahrungen und ihre Gefühlslage nach dem Abschluss.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov | privat / DÄV

Ich habe es geschafft, ich habe mein Studium abgeschlossen. Und es ist mir immer noch nicht ganz klar, was das zu bedeuten hat. Ich kann nicht sagen, wie ich mich fühle.

Eigentlich dachte ich, nach dem M3 passiert etwas Großes – entweder überschwängliche Glücksgefühle oder ein tiefes, tiefes Loch, eine Depression, ein Burnout. Aber nichts ist passiert, weder das eine, noch das andere. Vielleicht messen wir dem Abschluss einer Sache zu viel Bedeutung zu? Ist es nicht mindestens genauso bemerkenswert, etwas Neues anzufangen und dann durchzuziehen?

Aber genug philosophiert, ich bin Ärztin. Und mächtig stolz auf mich – die Monate vor dem M3 waren episch. Vor meinem Endgegner wurden mir noch so viele Steine auf den Weg geschmissen, ich bin so oft gestolpert, dass es mir kurz vor der Prüfung nur noch darum ging, überhaupt am Ort des Geschehens anzukommen, egal wie zerzaust ich sein würde (innerlich und äußerlich). Ob und wie gut ich bestehen würde, hatte schon gar keine Rolle mehr gespielt.

Der Anschaulichkeit halber nur einer der Steine: Drei Leute in meiner Umgebung kamen in Quarantäne – ich spürte schon die Gefahr, am Tag der Tage zuhause eingesperrt zu werden, im Nacken – doch brachen die Kontaktketten jedes Mal kurz vor mir ab. Meine Nerven…

Wenn man das Gute sehen will, hat dieser steinige Weg zum Tag des Examens mir viel Angst genommen, hat mich sozusagen geerdet, indem er mir gezeigt hat, dass das Leben woanders stattfindet, als in Büchern und in der Uni.

Vorbereitung aufs M3

Für die Vorbereitung auf das M3 möchte ich ein paar Tips geben. Denn ich war extrem gestresst, extrem ängstlich und hatte extrem wenig Zeit – eine gute Kombination – und ich habe es trotzdem geschafft! Die Prüfung wird vom Prüfling sehr überschätzt, und wie bei allen mündlichen Prüfungen kommt es sehr auf die Prüfer an. Die Protokolle sind also das Wichtigste. Während der heißesten Lernphase habe ich davon profitiert, Medien zu wechseln – also mal lesen, mal mir selbst flüsternd Fragen beantworten oder mal mit einer Kommilitonin Ausfragen spielen, mal Videos gucken oder Podcast hören – das kann man wunderbar beim Wäschefalten machen… Generell kann ich als Mutter von zwei Kindern empfehlen, das Lernen ein wenig in den Alltag einzuflechten. Aber auch nicht zu viel, sonst kommt man in eine Kopfkrise.

Apropos Kopfkrise, diese lässt sich leider nicht vermeiden. Insgesamt fand ich es am schwierigsten, mein Gehirn von “multiple-choice-Fragen beantworten” auf “eigene Antworten auf offene Fragen generieren” umzukrempeln. Als das geschehen war, lief es wie am Schnürchen. Dann riss das Schnürchen plötzlich ab… Dann fand ich es wieder und so weiter und so fort. All diese Krisen gehören zum Lernprozess dazu und… Mit Anstieg des Adrenalinspiegels steigt auch die Performance. Nur auf die Dauer wäre dieses Stresslevel nicht gut für den Körper und Geist (und für alle fühlenden Wesen um einen herum). So gesehen ist es gut, dass man ab Zuteilung der Prüfer nur vier Wochen Zeit hat.

Wer sechs Jahre Medizinstudium geschafft hat, schafft auch das M3

Und dann war es vorbei.

Elf Jahre Studium mit zwei Kindern, die mittlerweile 5 und 7 sind, einfach an einem Tag beendet. Keine Fanfare, kein Jackpot, einfach aus. Ich setzte mich ins Auto und fuhr nach Hause. Party machen war im November 2021 ja auch nicht.

Was mache ich jetzt?

Jetzt erst einmal gar nichts. Nach einem Jahr PJ in Vollzeit, zu Coronazeiten mit inkonsistenter Kinderbetreuung, in überlasteten Kliniken, sollte ich mir ein wenig Pause gönnen.

Diese ist auch wichtig, um mir klar zu werden, wie ich weiter machen will. Vor dem PJ war ich mir ziemlich sicher, dass ich etwas außerklinisches machen möchte, etwas, wo die Arbeitsbedingungen für Mütter besser sind. Journalismus, online medizinische Texte schreiben, Forschung, irgendeine Nische finden, in der ich mein medizinisches Wissen nutzen, aber trotzdem gemütlich halbtags arbeiten kann. Vielleicht sogar von zu Hause aus. Aber bloß nicht in die Klinik! Ich hatte meine Liebe zur Arbeit mit Patienten noch nicht entdeckt und wollte den Markt außerhalb der Klinik erforschen, der so unglaublich groß und bequem und gleichzeitig abstrakt wirkt…

Während des PJs aber hatte ich das Glück auf einer Station zu landen, in die ich mich einfach verliebt habe. Das Team, die übersichtliche Bettenanzahl, die Atmosphäre. Und ich hatte die Chance, mich auszuprobieren, ohne Verantwortung tragen zu müssen. Für alle, die fluchend im PJ stecken, möchte ich das an dieser Stelle gesagt haben: Dafür ist das PJ wirklich Gold wert!

Zudem habe ich am eigenen Leib erfahren müssen, dass die medizinische Ausbildung mit dem Studium bei Weitem nicht abgeschlossen ist. Auf dem Papier bin ich Ärztin, in der realen Welt fühle ich mich aber nicht so. Nicht, solange ich nicht eine gewisse Zeit praktisch gearbeitet habe, am besten in der Klinik. Und daher möchte ich auf dieser Station anfangen – gut wissend, dass das nicht der beste Weg für die Familie ist, denn es wird mich sehr beanspruchen, ich werde Dienste machen müssen und es gibt zwar die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, dennoch sind die Teilzeitmodelle ein bisschen unbequem. Als Stationsärztin um 14:00 aus der Klinik heraus zu spazieren, ist recht unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, ein oder zwei Wochen Vollzeit zu arbeiten und sich danach eine Woche Freizeitausgleich gönnen zu dürfen. Wie das mit dem Beruf meines Mannes zu vereinen ist, weiß ich noch nicht. Aber es wird sich ein Weg finden.

Im Hinterkopf habe ich bei diesem Weg die Allgemeinmedizin, für die ein klinisches Jahr ausreichend ist und der Rest der Weiterbildung ambulant absolviert werden kann. Doch will ich meine Pläne noch nicht so weit spinnen. Wir werden sehen, was das klinische Jahr so bringt – ein Schritt, ein Besenstrich.

Die Zwickmühle

Schwierig ist zusätzlich die Mamazwickmühle, wie ich sie nenne. Momentan arbeitet mein Mann in der IT Vollzeit und freiberuflich, was heißt, er wird pro Stunde bezahlt. Wenn ich anfange zu arbeiten, so geht das nur, wenn mein Mann ein wenig zurücktritt. Es ist unvorstellbar, dass ich im Krankenhaus mit Diensten etc. arbeite und mein Mann gleichzeitig eine 40-Stunden-Woche vollzieht. Klar, das geht, wenn die Kinder bis in den frühen Abend in der Fremdbetreuung sind, aber wer meine bisherigen Beiträge kennt, weiß, dass ich das nicht anstrebe.

Sobald mein Mann aber weniger arbeitet, kommen wir in die Miese, weil sein Stundenlohn höher ist (traurig ist das!) als mein Assistenzarztgehalt. Mein Mann darf also nur eine bestimmte Anzahl an Stunden weniger arbeiten, damit wir am Ende nicht mal besser davonkommen – obwohl beide Elternteile berufstätig sind.

Ich mache mir bei diesen Rechnungen selbst den Vorwurf des “Jammerns auf hohem Niveau”. Denn wir nagen nicht am Hungertuch, wir wohnen in einer schönen Kleinstadt (keine Großstadt, kein Speckgürtel, die nächste große Stadt ist 75 km entfernt), jedes Kind hat sein Zimmer, wir Eltern hätten auch ein Schlafzimmer, wenn das nicht von den Kindern erobert worden wäre. Wir haben ein Auto (ein verbeulter alter “Flitzer”, der 20 Jahre auf der Haube hat, und mein erstes Auto überhaupt war).

Doch – beide Elternteile haben studiert, arbeiten in einem als gut bezahlt angesehenen, akademischen Beruf (bzw wollen damit anfangen). Sollen wir denn in eine kleinere Wohnung umziehen, damit ich anfangen kann, zu arbeiten? Ist das nicht paradox?

Dieses Problem kenne ich übrigens von einigen Müttern, die in Zeiten der Inflation, der horrenden Mieten und stagnierenden Gehältern “versuchen” ins Berufsleben zu starten und dabei eine anspruchsvolle Tätigkeit ausüben wollen.

Insofern ist es nicht immer einfach, die Verantwortung für eine vierköpfige Familie zu haben, die ihren Platz braucht, ihr Essen, ihre Bastelkurse und Musikschulen, bevor man oder frau ihren Karriereweg eingeleitet hat.

Aber wo ein Wille, dort ein Weg. Oder, wie meine Tochter im Sommer sagte, als sie beim Wandern eine Abkürzung über einen steilen Felsen nehmen wollte und ich sie fragte, ob sie da hoch klettern könne: “Ich will, ich kann!”

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