Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 13: Die drei K.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov

Früher durften wir Frauen nicht arbeiten. Wir durften nicht wählen. Oft durften wir auch nicht aussuchen, wen wir heirateten, sondern mussten froh sein, unter die Haube zu kommen. (Allein die Wortwahl sagt einiges aus: unter der Haube; nicht mit ihr, nicht neben ihr, sondern unten drunter.) Wenn wir dann glücklich verheiratet waren, ließ sich unser Aufgabenbereich mit den “drei K” umschreiben: Kinder, Küche, Kirche.

Natürlich wurde die Frau auch gewürdigt – wie sagt man so schön: “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.” Wieder dahinter. Die Frau ist vielleicht stark, aber sie bleibt im Schatten. Wenn eine Frau sich damals erdreistete, zu forschen, Romane zu schreiben oder sonstige Männersachen zu machen, so tat sie das unter dem Namen ihres Mannes oder einem männlichen Pseudonym. Oder sie blieb schlichtweg unbekannt. Wer kennt schon die Werke Clara Schumanns? Posthum, in unserem gleichberechtigten Zeitalter, wurde sie doch gewürdigt, indem ihr hübsches Gesicht eine Zeit lang den Hundertmarkschein schmücken durfte. Nichtsdestotrotz steckt in unseren Köpfen Robert und nicht Clara, wenn wir an Schumann denken.

Jetzt macht frau Karriere

Dem setzte die Emanzipation ein Ende. Symbolisch für das Joch der Männer entledigten sich Frauen ihrer Büstenhalter und warfen sie in hohem Bogen über den Zaun – und die Nassrasierer gleich hinterher.

Wir Frauen sind nun keine hübschen Püppchen mehr, die “stark” hinter ihren Männern in der Küche stehen. Nein, wir wählen, gehen arbeiten und machen Karriere. Die Karriere ist für Frauen heutzutage so wichtig, dass viele ihren Kinderwunsch bis ins hohe Alter aufschieben – es gibt ja genügend Mittelchen, falls es mit der Schwangerschaft doch noch brenzlig werden sollte: von In-Vitro-Fertilisation über intrazytoplasmatische Spermieninjektion oder gar social freezing. Bei Letzterem werden der Frau für viel Geld Eizellen entnommen und eingefroren, um sie zu dem Zeitpunkt, an dem die Karriere es erlaubt, befruchten und einsetzen zu lassen. Edelmütige Konzerne wie Google und Facebook übernehmen sogar die Kosten dieser Prozedur für ihre Mitarbeiterinnen – so erhalten sie sich ihr Frischfleisch.

Dr. Sylvia Putzke

Überall hört man es: Die Medizin wird weiblicher. Muss sich das Fach dann nicht auch auf Frauen einstellen? Beim Operation Karriere-Kongress in Bochum beschrieb Dr. Sylvia Putzke, Katharinen-Hospital Unna, ihre eigenen Erfahrungen mit der Karriereplanung.

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Hier möchte ich einschieben: Für Frauen, die den Kinderwunsch nicht aus Karriere-, sondern aus gesundheitlichen oder partnertechnischen Gründen aufschieben müssen, ist dieses Verfahren ein Segen. Warum aber der Name “social” freezing? Was hat das Einfrieren von Eizellen mit “sozial” zu tun?

Die neuen drei K: Kirche weicht Karriere

Weil Frauen jetzt müssen. Wir dürfen wählen, wir dürfen arbeiten – also müssen wir. Wenn nicht aus finanziellen Gründen (Kinder zu haben ist teuer, ich kenne kaum eine frische Familie, die am Monatsende nicht 0,00 Euro auf ihrem Konto hat), dann aus sozialen.

Während wir Frauen uns von dem Joch der Männer befreit haben, erlegten wir uns ein neues auf: die Karriere. Wir haben aus dem alten “KKK” nur eines ausgetauscht, die Kirche gegen die Karriere – und nennen das stolz ”Emanzipation”. In den meisten Familien kümmert sich die Frau nämlich trotzdem um Kinder und Haushalt. Karriere macht sie nebenher. Eine Frau hingegen, die nicht arbeitet, sondern ihre eigenen Ziele für das Wohl ihrer Kinder zurücksteckt, “sitzt mit den Kindern zu Hause”. Das Wort “nichtsnutzig” wird in diesem Ausdruck zwar aus Höflichkeit verschluckt, dennoch spürt Frau es deutlich.
Ein Zwischendrin ist selten zu sehen. Theoretisch gibt es die Möglichkeit, halbtags zu arbeiten, doch die wenigsten der mehr oder weniger erfüllenden Berufe sind darauf eingerichtet. Bewirbt sich eine Mutter für halbtags oder eine ledige Frau für ganztags, braucht ein Arbeitgeber nicht lange nachzudenken, wen er nimmt.

Kinder als Statussymbol

In der heutigen Zeit ist eine Frau Anfang Vierzig, die um 17:00 Uhr noch im Büro sitzt und ihre vier Kinder von ihrem Au-Pair aus dem Kindergarten oder der Schule abholen lässt, weil Mama noch die Teamsitzung zur prozessoptimierten Effizienzsteigerung zu Ende führen muss, nichts Besonders mehr.

Es stellt sich die Frage, wie sich dieser Karrierewahn vieler Mütter auf unsere Kinder auswirkt. Ist es sinnvoll, Kinder ganztags fremdbetreuen zu lassen? Ganz bestimmt nicht. Aber warum macht Frau sich vier Kinder, wenn sie sie nur am Wochenende zu Gesicht bekommt? Weil die Gesellschaft es verlangt. Kinder sind – so kann man überspitzt behaupten – nichts weiteres als ein Statussymbol wie Auto, Haus und Pool.

Doch diese Statussymbole sind unsere Zukunft. Und wer sich ein bisschen in Erziehungswissenschaften umhört, der begreift ganz schnell: Für die Entwicklung eines kleinen Menschen ist nichts wichtiger als die ungeteilte Liebe und Wertschätzung seiner eigenen, geliebten Eltern. Reicht es, diese Liebe nur am Wochenende genießen zu dürfen? Ich bezweifle es.

In unserer Blogger Zone finden sich unsere Bloggerinnen und Blogger, die regelmäßig auf Operation Karriere von ihren Erfahrungen aus Studium und Praxis berichten.