„Kann mal einer den Kindergarten rumführen?“

Operation Karriere-Bloggerin Eileithyia studiert im 10. Semester Medizin. Obwohl sie die Arbeit mit den Patienten liebt, kämpft sie seit Jahren mit Ängsten – vor allem beim Unterricht am Krankenbett. In diesem Beitrag geht es um ihre Erfahrungen in der Famulatur.

In der griechischen Mythologie ist Eileithyia die Göttin der Geburt und Beschützerin gebärender Frauen. Unsere Autorin möchte Gynäkologin werden. Da es in ihrem Blog um sehr persönliche Themen geht, schreibt sie unter einem Pseudonym. | privat / DÄV

„Kann mal einer den Kindergarten rumführen?“

Mit diesen Worten wurde ich in meiner ersten Famulatur begrüßt. 

Erste Famulatur – das heißt Aufregung pur. Gerade wenn man jung und am unteren Ende der Krankenhaushierarchie ist, lässt man sich leicht herumschubsen, achtet nicht auf sich, sondern nimmt alles hin, wie es ist. Famulus, das heißt Diener. Und so wurden wir teilweise auch behandelt.

Jeden Morgen stand ich in der Frühbesprechung und mir war schwindelig. Vor Angst. Kreislauf am Boden. Wir Famulanten standen hinter den Chefs, die am Kopf einer langen Tafel saßen. Es gab auch jeden Morgen Frühstück - natürlich nicht für die Famulanten. An den langen Seiten des Tisches haben die Oberärzte Platz genommen, an die Bücherregale gequetscht in zweiter Reihe saßen die Assistenten. Jeden Morgen wurde mindestens ein Arzt vor allen anderen auseinander genommen. Während keiner sich traute, laut zu atmen und der stellvertretende Chef noch etwas gedöst hat. Ich habe nicht einmal gewagt, meine Wasserflasche aufzuschrauben – sie könnte ja zu laut sein. Und habe mich, um nicht umzufallen, auf den Boden gehockt. Zu Füßen der Chefs. 

Zwei meiner vier Wochen Herzchirurgie war ich im OP-Saal meist als zweite Assistenz. An sich natürlich eine tolle Möglichkeit – wäre da nicht diese Bilderbuchhierarchie. Es ist purer Psychodruck, wenn der Operateur die OP-Schwester und seinen Assistenzarzt ankeift und zu dir nett ist. Du dienst nur dem Kontrast. Psychodruck, um den Nachfolgern gleich klar zu machen, mit welchem Druck sie für die nächsten 30 Jahre zu rechnen haben, wenn sie in der Welt der Herzchirurgie bestehen wollen. Kein sanftes Heranführen, sondern Survival of the fittest. 

Hierarchie im Klinikum nimmt Freude am Arbeiten

In meiner ersten OP als Assistenz haben sich die beiden Operateure, während ich mit ihnen am Tisch  stand, über mich aufgeregt, weil meine Hand gezittert hat, wodurch es natürlich nur schlimmer wurde. Sätze wie: „Dann sollen die jemanden schicken, der es kann“, stärken nicht gerade das Selbstbewusstsein. Und dass derselbe Operateur beim nächsten Mal sehr nett zu mir war, zeigt nur, wie sehr man von der Willkür einzelner Oberärzte abhängig ist.

Dabei läuft ohne die PJler, die Famulanten und die Pflegepraktikanten im Krankenhaus nichts. Die Ärzte brauchen Leute, die den anfallenden Kleinmist erledigen. Und wenn man dafür ein „Danke“ bekommt oder etwas beigebracht bekommt, das Gefühl hat, wertgeschätzt zu werden, dann ändert das schon eine ganze Menge. Wertschätzung ist das, was die Menschen dazu bringt, mehr zu leisten, als sie leisten müssen – dazu, über sich hinaus zu wachsen. Der Gegenspieler ist der Druck, die Angst, die verbreitet wird. Diese Angst hat es mir lange unmöglich gemacht, unvoreingenommen an die Arbeit im Krankenhaus und die Menschen, mit denen ich dort zusammenarbeite, heranzugehen. An Lernen war gar nicht zu denken.

Es geht auch anders

Nach dieser Famulatur habe ich ernsthaft überlegt, mein Studium abzubrechen. Das war nicht das, was ich mir unter Medizin vorgestellt hatte. Eine größere Diskrepanz zu meinen Erlebnissen im FSJ hätte ich mir kaum vorstellen können. Diese Zeit in der Herzchirurgie hat sich dermaßen in meinen Kopf eingebrannt, dass jedes weitere Praktikum, jeder Kontakt mit autoritären Oberärzten für mich ein nahezu unüberwindbares Hindernis darstellte, auf das mein Körper in der Regel zumindest mit Präsynkopen reagierte.

Doch man darf sich nicht den Mut nehmen lassen von der Hierarchie, dem Druck und unangemessenen Umgangsweisen in manchen Häusern oder auf einigen Stationen, denn es geht anders! Aktuell absolviere ich mein PJ in der Geburtshilfe. Und was soll ich sagen? Ich gehe gerne jeden Morgen da hin. Das Team ist nett und hilfsbereit, ich bekomme jeden Tag mit wie Babys geboren werde, und gehe für die Sectios sogar gerne in den OP-Saal. 

Und wenn es doch mal wieder schwierig wird, dann erinnere ich mich daran, was mich oben hält: Die kleinen Situationen, in denen ein Patient ehrlich danke sagt. Die Momente, in denen man zuhören und da sein kann. Das ist es, was Medizin für mich ausmacht.

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