Ecuador: Zwischen Medizin und Schamanismus



Gegen 15 US-Dollar führt der wortkarge Mann eine Konsultation durch. In seinem stark abgedunkelten und nur mit einer einzelnen Kerze beleuchteten Raum, hängen zahlreiche getrocknete Pflanzen, unter anderem eine Engelstrompete. Angesprochen auf die Giftigkeit der Engelstrompete, die unter anderem große Mengen an Atropin und Scopolamin enthält, entgegnet der Schamane: „Die Pflanze ist nicht giftig, sie ist dazu da, um in die Zukunft zu schauen.“

Neben den vielen Pflanzen stehen ein gutes Dutzend Flaschen mit verschiedenen Ölen auf einem wackligen Holztisch. Die Öle werden gemischt und während der Konsultation über Kopf, Hals und Nacken des Patienten gegossen und verschmiert. So reinigt der Schamane den Körper und Geist des Patienten. Neben den Flaschen steht dann noch eine Packung mit rohen Eiern. Die Eier werden über die erkrankten Körperteile gerieben, da sie besonders gut negative Energie aufnehmen, durch die die Krankheit verursacht wird.

Alternative Behandlung zwischen Homöopathie und andiner Medizin

Ganz ohne Eier kommt man am Fuße des höchsten Berges Ecuadors, Chimborazo, in Riobamba aus: Das Hospital Andino Alternativo de Chimborazo wirkt zunächst wie ein ganz normales Krankenhaus. Nur die grelle rot-weiße Fassade sticht aus der grauen Häuserfront hervor. Tatsächlich werden hier die meisten Patienten im Haupthaus nach westlichen Therapievorstellungen behandelt. Doch in einem zweiten Gebäude, umgeben von einem äußerst gepflegten Garten mit Springbrunnen, sind alle möglichen alternativmedizinischen Strömungen untergebracht: Von Homöopathie, Biomagnetismus und Iridologie, über Reiki, Bachblütentherapie und ionische Detoxifikation bis hin zu Akupunktur, Lymphdrainagen und Chiropraxis wird ein in Evidenzgraden kaum überschaubares Potpourri angeboten. Das in mehreren Hochglanzflyern dargestellte Angebot für zehn bis zwanzig US-Dollar richtet sich vor allem an Touristen und Großstädter. Natürlich findet sich in der „area complementaria“ auch ein Bereich für andine Medizin und Schamanismus.

Pj in Afrika

Für ein PJ mal eben nach Äthiopien? Für Leipziger Medizinstudenten ist das nichts besonderes. Seit vielen Jahren kooperiert die Medizinische Fakultät Leipzig mit der Partneruni in Gonder, die im äußersten Nordwesten des Landes liegt.

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Maria Yuquilema ist eine der sechs Schamanen des Hauses, von denen stets zwei oder drei Dienst haben. Sie ist eine kleine Frau, die die typische Quechua-Kleidung mit Hut und wollenem Poncho trägt. Die Patienten würden bei ihr vornehmlich mit Aufgüssen und Salben behandelt werden, Rituale führe sie äußerst selten durch, erklärt sie und zupft dabei Kräuter für ein Dampfbad. „Im Durchschnitt kommen etwa 17 Patienten pro Woche. Die meisten kommen aus Quito.“

13 Dollar für eine Behandlung

Maria hat ihr Handwerk in einem Dorf gelernt, ist dann aber an das Hospital Andina in der 150.000-Einwohnerstadt Riobamba gekommen. Als in ihr Behandlungszimmer ein älterer Mann in Begleitung seiner Schwiegertochter kommt, sucht sie routiniert Blütenblätter und Kräuter in verschiedenen Schalen zusammen. Der Mann, Manuel, leidet an Gelenkbeschwerden und Schmerzen in den Extremitäten. So beginnt die Schamanin eine Salbe in Manuels Extremitäten einzumassieren. Dabei muss der Patient immer wieder Atemanweisungen befolgen. Nach etwa 30 Minuten ist die Behandlung vorbei und Maria kassiert 13 Dollar.

In Riobamba ist das indigene Erbe von Schamanismus und andiner Medizin vor allem ein Wellnessprodukt neben vielen anderen alternativmedizinischen Behandlungen geworden. In Otavalo wird versucht, zum Wohle des Patienten so viele medizinische Strömungen wie möglich miteinander zu kombinieren. In Nuevo Rocafuerte tief im Amazonas hingegen existieren diese Strömungen nur nebeneinander.

Zum Abschied aus dem kleinen Dorf im Urwald erzählte Bernabéu einen Witz, der die Entwicklung von Schamanismus und westlicher Medizin in Ecuador gut zusammenfasst: Auf dem Fluss begegnen sich ein Boot voll mit Touristen und ein Boot voll mit Indigenen. „Wohin fahrt ihr?“, fragen die Indigenen die Touristen. „Wir sind krank, wir fahren zum Schamanen. Und ihr?“ „Wir sind krank. Wir fahren ins Krankenhaus.“

Tim Vogel hat einen Teil seines Praktischen Jahres in Ecuador an der Universitätsklinik Cuenca absolviert. Nebenbei erhielt er auch Einblicke in die Arbeit der Schamanen.



Foto: Tim Vogel

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