Digitale Medizin: Bonn stellt Weichen für moderne Lehre


Zurück im Lehrsaal. Dr. med. Müller und Dr. med. Krämer kehren zu ihren Kommilitonen an den Konferenztisch zurück und dürfen nun wieder Studenten sein. Auch die Schauspielpatientinnen Schmitz und Tochter gesellen sich dazu. „Und, wie war es?“, fragt Weltermann in die Runde. Und fast alle haben etwas zu sagen.

Dr. med. Krämer: „Es war sehr gut, dass eine Angehörige mit dabei war. In Eins-zu-eins-Gespräch fände ich eine solche Situation schwer.“

Dr. med. Müller: „Man kann schlechter unterbrechen, weil man sich nicht persönlich gegenübersitzt. Wenn ein Patient viel redet, könnte das schwierig werden.“

Tochter: „Beide Ärzte waren sehr emphatisch. Es war eine normale Unterhaltung, trotz der Technik. Ich fühlte mich gut aufgehoben.“

Patientin Schmitz: „Der freundliche Gesichtsausdruck der Ärztin kam sehr gut rüber. Keiner ist dem anderen ins Wort gefallen. Es war so, als säße man in der Praxis.“

Beobachtender Student: „Es muss sich noch viel entwickeln, bis das flächendeckend funktioniert. Es hakt an vielen Stellen, zum Beispiel beim E-Rezept. Wenn man das nicht löst, kann man das ganze Prozedere gleich in die Praxis verlagern.“

Beobachtende Studentin: „Es war wie erwartet. Gespräche via Tablets, das kennt unsere Generation. Es ist ein netter Kompromiss. Aber es wirkt nicht so zwischenmenschlich wie in der Praxis.“

An die beiden „Ärzte“ gewandt fragt Dozentin Weltermann: „Können Sie sich vorstellen, so zu praktizieren?“ Bei Herrn Dr. med. Müller fällt die Antwort klar und knapp aus: „Auf jeden Fall.“ Frau Dr. med. Krämer offenbart Interessantes: „Ich hätte vorher gedacht: nein. Aber jetzt denke ich, ja, das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen.“

Allein das kurze Rollenspiel und die Feedbackrunde machen deutlich: Bis virtuelle Hausbesuche die Hausarztmedizin durchdrungen haben, ist es noch ein weiter Weg. Denn die „Möglichkeiten und Grenzen“, die Wiedemann in ihrem Seminar aufzeigen will, liegen in Deutschland derzeit noch dicht beieinander. Die Technik muss funktionieren. Patienten müssen mitmachen. Ärzte offen sein. Eventuell MFA geschult werden, die Ärzte bei der Telemedizin unterstützen. Schlechte Akustik, schlechte Bildqualität, wacklige Bilder – das sind eher die kleineren Probleme, die es auf dem Weg in das Zeitalter der digitalen hausärztlichen Versorgung zu lösen gilt.

Immerhin: Die Theorie sitzt bei der neuen Ärztegeneration bereits. Die anwesenden Studenten sind über die modernen medizinischen Ansätze gut informiert. Was ist Telemedizin? Antwort: „Elektronische Kommunikation zwischen Arzt und Patient.“ Was für Formen die Studenten kennen? „Videosprechstunde, digitale Diagnostik.“ Was ist mit Blick auf Technik und Sicherheit wichtig? „Der Arzt muss einen zertifizierten Anbieter wählen. Er muss über andere Personen im Raum aufklären, darf keine Aufzeichnungen erstellen.“

Die Fragen nach Definition, Nutzen, Verfahren, Technik, Datenschutz, Zulassungen, Voraussetzungen und zugelassene Behandlungen kann Weltermann in ihrem Seminar schnell abhandeln. Telemedizin, das wird deutlich, ist für junge Medizinstudenten kein böhmisches Dorf.

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Weltermann und die Verantwortlichen der Universität Bonn wollen die Studierenden mit neuen, modernen Studieninhalten auf die Herausforderungen der digitalen Medizin einstellen und die Landarztmedizin stärken. Hier gilt die Telemedizin bekanntlich als Hoffnungsträger.

Doch: Ein Allheilmittel sieht Weltermann in der digitalen Medizin nicht. „Haben Sie stets ein waches Auge, ob das auch wirklich funktioniert“, mahnt sie die Studenten. Und erarbeitet mit ihnen gemeinsam eben nicht nur die Möglichkeiten einer Videosprechstunde, sondern auch deren Besonderheiten und Grenzen.

Eine der Besonderheiten liegt hier: „Sie müssen lernen, den Patienten vor der Kamera zu lenken“, sagt die Professorin. Es geht um Aufforderungen wie: „Würden Sie Ihrer Mutter bitte helfen, die Hose auszuziehen?“ „Könnten Sie bitte die Lichtquelle anders drehen?“ „Ich möchte bitte das zweite Bein zum Vergleich sehen.“ „Können Sie die Kamera bitte anders ausrichten.“

Auch die Grenzen sind schnell benannt. Denn klar ist: Bei einer telemedizinischen Konsultation ist einiges anders. Hören? Passt. Sehen? Passt. Fühlen? Fehlanzeige. Riechen? Fehlanzeige. Es fehlen Ihnen zwei Sinne. Abtasten, zum Beispiel, geht nicht. Und damit gibt es Sachen, die wir in einer telemedizinischen Konsultation nicht abklären können“, macht Weltermann deutlich. „Akute Bauchschmerzen zum Beispiel, das geht via Telemedizin nicht.“

Und weiter: „Im Zweifel: zum Patienten rausfahren. In dem Moment, wo ich ein Videogespräch führe, bin ich für die Sicherheit des Patienten verantwortlich.“

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