Digitale Medizin: Bonn stellt Weichen für moderne Lehre

An der Universität Bonn lernten Studierende schon vor der Pandemie, wie virtuelles Behandeln funktioniert. Medizininformatik steht auf dem Lehrplan. Ein Besuch am Bonner Venusberg – noch „vor Corona“.

Die Medizinstudierenden sehen live per Tablet die erkrankte Stelle am Bein der Patientin. | picture alliance/Henning Kaiser für Deutsches Ärzteblatt

Die – fiktiven – Ärzte „Herr Dr. med. Müller“ und „Frau Dr. med. Krämer“ nehmen in einem kleinen Räumchen hinter dem Behandlungszimmer Platz. Vor ihnen auf dem weißen Schreibtisch: ein in einer Halterung verankertes Tablet. Seitlich hinter ihnen: eine Kamera, die aufzeichnen wird, was gleich passiert: Dr. med. Müller und Dr. med. Krämer, in Wirklichkeit beides Bonner Medizinstudierende, werden eine ältere Patientin via Videosprechstunde konsultieren – so sieht es das universitäre Rollenspiel vor. Diese, „Seniorin Schmitz“, sitzt demnach in ihrem Wohnzimmer irgendwo in einem rheinländischen Dorf, in Wahrheit aber nur drei Türen weiter in einem weiteren Lehrraum. Auch die Patientin wird von einer Kamera beobachtet. Die gesamte Szenerie – Ärzte und Patientin in Interaktion – wird im Doppelscreen auf eine große Leinwand im Hauptseminarraum ausgespielt, wo Studienkollegen von Dr. med. Müller und Dr. med. Krämer das Schauspiel an einem Konferenztisch beobachten.

Und los geht es: Dr. med. Müller stellt via Tablet die Verbindung her. Patientin Schmitz – in Gesellschaft ihrer Tochter – nimmt den Videoanruf an. „Können Sie uns hören?“, fragt der Student in seiner Arztrolle und blickt dabei auf den Tablet-Bildschirm. „Wir hören Sie sehr gut“, kommt es von Patientin Schmitz zurück, die laut Plan an einem Erysipel am Bein leiden soll. Was folgt, ist ein ziemlich „normales“ Arzt-Patienten-Gespräch, wie es in ähnlicher Form auch in der Praxis stattfinden könnte. Wie fühlen Sie sich? Seit wann haben Sie die Beschwerden? Schmerzt die Stelle? Haben Sie Fieber?

Das Ergebnis dieser virtuellen Sprechstunde: Keiner der Ärzte muss zum Hausbesuch rausfahren. Und Frau Schmitz muss sich auch nicht in die Praxis quälen. Stattdessen geht ein digitales Rezept an die Apotheke im Dorf und die Tochter von Frau Schmitz wird das Medikament für die Mutter dort abholen. Das studentische Ärzteduo klärt am Ende des Videoanrufs noch zur Einnahme des Medikaments auf, lässt die Tochter die betroffene Stelle am Bein mit der Kamera des Tablets umkreisen und vereinbart ein Folgegespräch.

Nach wenigen Minuten legt Dr. med. Müller auf. Die Verbindung ist gekappt, der virtuelle Hausbesuch beendet. Seit circa einem Jahr machen die Rheinländer am Institut für Hausarztmedizin Versuche wie diese. „Wir wollen Möglichkeiten und Grenzen der Telemedizin darstellen“, erläutert Prof. Dr. med. Birgitta Weltermann, Direktorin des Instituts für Hausarztmedizin der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. „Und damit den Studierenden zeigen, was sie in fünf oder sechs Jahren in der Medizin erwarten können – vielleicht.“ Eine PJLehrveranstaltung dieser Art sei „derzeit vermutlich einmalig in der Bundesrepublik“, sagt Weltermann.

Virtuelle Sprechstunden sind erst der Auftakt in das Zeitalter der digitalen Medizinlehre. Künftig folgt noch viel mehr. Das, was Weltermann derzeit mit Studierenden im PJ-Seminar in den Räumen der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg austestet, soll mit einfließen in etwas Größeres.

Die Universität Bonn hat kürzlich eine Zusammenarbeit mit der Universität Siegen in der Medizinerausbildung bekannt gegeben. Denn: Die Bonner wollen in der medizinischen Lehre neue Wege gehen, Studenten auf die Arztrolle von morgen vorbereiten und Lücken in der Versorgung der Hausarztmedizin schließen – vor allem auf dem Land. Der digitalen Medizin komme dabei eine Schlüsselrolle zu, wie es in Bonn heißt.

Junge Ärzte plädieren für die Einführung des Berufsbildes „Arzt für digitale Me­dizin“. Dieser müsse fundierte Kenntnisse über digitale Tools und digitale Gesundheitsan­wendungen haben und diese anwenden können, meint das Bündnis Junge Ärzte.

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Die Idee: In einem neu etablierten Studiengang „Humanmedizin Bonn-Siegen“, der einen Schwerpunkt auf die Allgemeinmedizin/Landarztmedizin legt, erhält neben der klassischen Medizinerlehre Digitales und Technisches viel Raum. Aspekte der digitalen digitalen Medizin wie virtuelle Hausbesuche, digitale Diagnostik und der Nutzen digitaler Gesundheitsdaten werden Themen sein. Und: Auf dem Lehrplan werden Fächer wie Medizininformatik und Medizintechnik auftauchen. Genau auf diesen Gebieten hat sich die Universität Siegen bereits einen Namen gemacht. Durch die Synergie der beiden Universitäten soll nun etwas Neues entstehen.

„Wir denken, dass wir für die Versorgung der Zukunft jetzt die Weichen stellen müssen. Digitale Kompetenzen und neue Rollenbilder der zukünftigen Mediziner müssen verstärkt abgebildet werden“, erläutert Prof. Dr. med. Bernd Weber, Prodekan für Lehre und Studium der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

Der Ansatz: Die etablierte medizinische Lehre aus Bonn, Bonner Innovationen auf dem Feld der digitalen Medizin sowie die digital und technisch ausgerichteten Inhalte des Standortes Siegen sollen in ein gemeinsames Curriculum einfließen. Für die Kombination dieser Bereiche werde es Zeit, so Weber. Die Struktur: Das vorklinische Studium und die klinisch-theoretischen Fächer finden in Bonn statt. Das anschließende klinische Studium erfolgt unter der Leitung der Universität Bonn an vier Siegener Partnerkliniken.

Langfristiges Ziel der Zusammenarbeit ist den beiden Hochschulen zufolge, in den ländlichen Regionen im Einzugsgebiet der beiden Universitäten eine stark digitalisierte, hochmoderne und flexible Gesundheitsversorgung aufzubauen. Von den Entwicklungen im neuen Studiengang „Humanmedizin Bonn-Siegen“ sollen später auch die anderen Studierenden des Standorts Bonn profitieren. Nach und nach werden erfolgreich erprobte Inhalte in den regulären Medizinstudiengang integriert.

Der Startschuss für das Studium zur Hausarztmedizin im Digitalzeitalter ist bereits gefallen. 25 Studierende haben das Studium zum Wintersemester 2018/19 aufgenommen, in diesem Herbst folgen die nächsten 25. Der Andrang auf den neuen Studiengang war nach Angaben der Universität Bonn groß. Zum Auftakt gab es 2.500 Bewerbungen auf die 25 Plätze.

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