"Die Kliniken müssen für uns attraktiv sein"

"In 20 Jahren seid ihr unsere Patienten – verscherzt es euch nicht", schreibt der Medizinstudent Deniz Tafrali und fordert von Chefärzten und Oberärzten einen respektvolleren Umgang mit dem Nachwuchs.

Deniz Tafrali absolviert derzeit das PJ in Graz und Cambridge.

Was bringt Kinder dazu, Doktor spielen zu wollen? Lassen wir Freud jetzt mal außen vor. Bei vielen Kollegen sind es die Eltern, die selbst praktizieren. Bei manchen sind es andere Vorbilder, seien es Verwandte, Familienfreunde oder Fernsehstars. Warum sollte sonst sogar Jürgen Schäfer in all seinen Auftritten stets seinen Alter Ego als „deutscher Dr. House“ als Marketingstrategie nutzen? Dieses illusionäre Bild des spektakulären Alltags der Ärzte wird nicht nur vom Fernsehen und Streaming-Portalen mit ihren Arzt-Serien befeuert, sondern auch von unserer Gesellschaft. In so gut wie jeder Umfrage ist immer noch der Beruf des Arztes derjenige mit dem höchsten Ansehen. Was ist also der Ansporn für jährlich über 40.000 Menschen in Deutschland, Medizin studieren und Arzt werden zu wollen?

Das interessanteste Studium von allen

Ohne Frage sind spannende Krankheitsbilder, Therapien und turbulente Ereignisse im Arbeitsleben der Grund Nummer 1 für das Ergreifen des Berufs Arzt – man googele nur mal nach Sirenomelie, Epidermodysplasia verruciformis oder Vagina duplex. Ihr wollt noch mehr? Dann sucht vielleicht noch nach Osteogenesis imperfecta, Progerie und dem Teratom. Außerdem erlebt man in der Klinik statistisch häufiger als im normalen Leben Extremfälle menschlicher Handlungen. Begonnen von unbelehrbaren Thailandreisenden mit von Mückenstichen übersäten Beinen, die sich fragen wie es sein kann, dass sie auf einmal Dengue-Fieber bekommen, bis hin zu tragischen Fällen, in denen sich Krebspatienten plötzlich und ohne Vorwarnung aus dem Patientenzimmer im dritten Stock in den Tod stürzen. Seien es die COPD-ler in der Raucherecke vor der Thoraxchirurgie oder Patienten mit Adipositas permagna, die seit Wochen nichts mehr gegessen haben wollen – langweilig ist der Beruf des Mediziners sicher nicht.

Wertschätzung durch die Mitmenschen

„Ich studiere Medizin.“ Und schon leuchten die Augen des Flirts an der Bar. „Wow, das ist ja so cool.“ „In welche Richtung willst du dann mal gehen?“ Oder: „Ah, ich hab‘ da mal eine Frage: Wie ist das, wenn man XY hat, kann da was passieren?“ Man fühlt sich durch das Interesse an seinem Berufsbild automatisch kompetent und gewertschätzt – auch wenn man „nur“ im ersten Semester Medizin studiert. Auch die Eltern sind meist stolz, denn wer behauptet nicht gern, sein Sohn ist ein Heiliger im weißen Mantel, der mit strengem Blick königlich durch die Klinikkorridore stolziert, während er im Sekundentakt Patientenleben rettet, indem er gezielt Spritzen voll Wunderheilmittel auf kranke Menschen wirft.

Felix Otto

"Wie geht eigentlich Krankenhaus?", fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

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Doch es ist nicht alles Gold was glänzt. Zunächst einmal verdient der junge Mediziner sein täglich Brot statistisch oft mit Stationsarbeit – und die besteht woraus? Papierkram. Und Bürokratie. Und Papierkram. Stationsärzte verbringen gefühlte 80 % ihres Arbeitsalltags vor dem PC oder am Schreibtisch – mit dem Festhalten der täglichen Ereignisse in Form eines Patiententagebuchs im SAP-Programm (Dekurs), mit dem Verfassen von Arztbriefen, mit dem Schreiben von Befunden, mit dem Vorbereiten der Visite, mit dem Nachbereiten der Visite und, und und…

Da hat es dann natürlich auch sehr geholfen während des gesamten Studiums jegliche Prüfung per Multiple-Choice-Format zu absolvieren, oder? Nein. Stattdessen verfasst man tagein tagaus Texte – und zwar wichtige Texte. Juristisch relevante Texte, besonders im Falle von Behandlungsfehlern. Gut, dass man in jeder Klinik als Anfänger genaue Instruktionen bekommt, wie man diese lästige, doch wichtige Arbeit zu erledigen hat. Oder etwa nicht? Nein. Meist wird das einfach von einem erwartet. Holla, die Waldfee.

Und dann wäre da das Gehalt des Jungmediziners. Im ersten Jahr der Assistenzarztzeit gibt es nach dem Tarifvertrag ca. 16 € pro Stunde/netto für einen der verantwortungsvollsten Berufe, den man sich vorstellen kann. Über die Arbeitszeiten brauchen wir gar nicht zu reden, man google nur mal „Opt-Out Medizin“.

Die Hierarchie im Klinikum

Der Begriff des Oberarztes stammt ursprünglich aus dem Militär. Und obwohl es fundamental wichtig ist, leitende Personen in hierarchisch höher gestellten Positionen zu haben, die jüngere, untergeordnete Kollegen unterrichten und anleiten, sowie in bestimmten Situationen über ein Weisungsrecht verfügen, ist es trotzdem veraltet und falsch, seine Klinik wie eine militärische Ausbildungsstätte zu führen. Denn wenn wenn man als Medizinstudent bei einer stinknormalen OP wie ein dummer Esel stumpf und stumm Befehle ausführen muss und keine Fragen stellen darf, oder wenn eine Stationsärztin einen zurechtstutzt, weil man ihr berichten will, dass ein Patient kaffeesatzartig Blut erbrochen hat, so sind das keine Lappalien, sondern ernsthafte Fehler im System. Das Ausleben einer Hierarchie muss eine Grenze haben, man sollte seinen Frust nicht an seinen Assistenten und Studenten auslassen dürfen, ansonsten suchen diese sich eine andere Stelle.

Eine Forderung

Es gibt eine anhaltend hohe Nachfrage an Medizinerinnen und Medizinern. Die Situation eines jeden jungen Arztes ist deswegen überaus vorteilhaft. Denn wieso sollte ich anfangen in einem Klinikum zu arbeiten, dass mir als Assistenzarzt gerade mal das Gehalt nach dem Tarifvertrag zahlt, mir kaum Fortbildungsmöglichkeiten gibt und in dem die Hierarchie analog zur militärischen Hackordnung der Bundeswehr gehandhabt wird? Warum sollte ich mir kein schönes Leben erlauben, in dem ich mit Lob gefördert, statt mit ewigem Tadel geschmäht werde? Da ist mir der Ärztemangel an den Kliniken herzlich egal. Die Kliniken müssen für uns attraktiv sein und nicht umgekehrt, wir haben genügend Möglichkeiten.

Liebe ältere Kollegen, Ärzte und Professoren, sowie Klinikumsdirektoren: In 20 Jahren seid ihr unsere Patienten verscherzt es euch nicht. Denn es kann ja wohl nicht sein, dass ganze 35 % der PJler keinen Ansprechpartner während ihres ersten Tertials haben. Außerdem ist es überaus fragwürdig, dass 65 % der Medizinstudenten im 6. Jahr nicht von der Aufwandsentschädigung im PJ leben können und teilweise einem Nebenjob nachgehen, während 50 Stunden-Wochen in der Klinik für sie aber die Regel sind. Unser Beruf ist wichtig, doch wir sind auch nur Menschen. Zeigt euren Studenten und Assistenten, dass ihr sie trotz ihres vermeintlichen Unwissens wertschätzt und behandelt sie besser. Glaubt uns, es lohnt sich.

Deniz Tafrali seit 2013 Medizinstudent an der Universität Graz. Er gründete im Oktober 2015 das Internetunternehmen get-to-med, eine Lernplattform mit Aufgaben und Lösungen zur Vorbereitung auf den Medizinertest in Österreich (MedAT) und im August 2018 ein weiteres Internetunternehmen namens crocdoc, das Seminare und Fortbildungen im medizinischen Bereich vermittelt. Er ist seit 2017 als Autor für Elsevier tätig und absolviert derzeit sein praktisches Jahr in Graz und Cambridge.

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