Die erste OP-Erfahrung: Worst Case Scenario

Operation Karriere-Bloggerin Elli will Chirurgin werden. Doch ihre erste OP-Erfahrung war ernüchternd – viele Dinge hätte sie gern vorher gewusst. Damit anderen das nicht passiert, gibt sie im Beitrag Tipps, was du vor deinem "Ersten Mal" im OP beachten solltest.

Operation Karriere-Bloggerin Elli Huber studiert im 8. Semester Humanmedizin. Da es in ihren Texten um sehr persönliche Themen geht, schreibt sie unter einem Pseudonym. | privat / DÄV

Seit dem ersten Semester des Studiums weiß ich, dass ich Chirurgin werden möchte. Und auch vier Jahre später hat sich daran nichts geändert. Ich musste jedoch feststellen, dass ich nicht dazu geboren wurde, stundenlang im OP zu stehen. Ich habe einen schwachen Kreislauf und eine noch viel schwächere Blase – das alles hat dazu geführt, dass ich nach meiner ersten OP-Erfahrung lange nicht mehr in den OP gegangen bin. Schlussendlich aber habe ich mich überwunden, mit vielen Ärzten geredet und geschafft, meine Angst zu überwinden.

Ich kann mich an meinen ersten OP-Tag erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Die Probleme fingen damit an, dass ich nicht einschlafen konnte. Immer und immer wieder kreisten meine Gedanken um die Angst, sich im OP zu blamieren. Es war meine erste Famulatur in der Orthopädie und es könnten so viele Dinge schief gehen, dachte ich mir. Alles was ich wusste, waren Infos aus Blogs und Erfahrungsberichten.

Die ersten Fragen kamen bereits in der Umkleide auf. Nachdem ich festgestellt hatte, dass es nur eine Art von Kasack und Hose gab, stand ich einer großen Auswahl an OP-Hauben gegenüber. Zwangsläufig musste ich nachfragen, welche ich zu tragen hatte und das war gut so, denn die Orthopäden tragen OP-Hauben, die über den Hals gehen, und das gilt auch für die Assistenz. Außerdem wurde mir empfohlen, unterhalb eine normale OP-Haube aufzusetzen, damit die Haare auch wirklich bedeckt bleiben. Das nächste Problem waren die Schuhe. Leider gab es keine „Gast“-Schuhe, also musste ich wieder nachfragen. Schlussendlich bekam ich die Schuhe von Gabriele, die angeblich an diesem Tag frei hatte. Man kann es nur hoffen.

Tipp Nr. 1: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig fragen!

Kaum war ich fertig eingekleidet und hatte meine Hände desinfiziert, spürte ich einen unangenehmen Druck auf der Blase.

Tipp Nr. 2: Bevor man sich umzieht, sollte man auf die Toilette gehen!

Danach begab ich mich auf die Suche nach dem richtigen Operationssaal. Das war zum Glück kein schwieriges Unterfangen, da diese einfach numerisch aneinandergereiht sind. Kaum angekommen, atmete ich einmal tief durch und drückte auf „Tür öffnen“, trat ein und verkündete lautstark meinen Namen und dass ich Medizinstudentin sei. Ein böser Blick der OP-Schwester folgte und ich wurde von ihr lautlos wieder nach draußen dirigiert. Dort erklärte sie mir, dass ich bei Betreten des OPs einen Mundschutz tragen muss und mich, wenn der Patient noch nicht narkotisiert ist, nicht vorstellen soll. Eine kleine Anmerkung am Rande: Da wir uns hier im Jahr 2018 befinden, war es noch gang und gäbe, dass der Mundschutz erst im Operationssaal aufgesetzt wurde. Sonst durfte man im OP-Bereich ohne MNS herumlaufen – was natürlich in der heutigen Zeit unmöglich ist.

Tipp Nr. 3: Vorstellen nicht vergessen, aber erst, wenn der Patient nicht mehr wach ist!

Nach guten zehn Minuten war es dann endlich so weit, dass ich mich waschen gehen musste. Ich habe also zuerst meine Hände gewaschen und dann chirurgisch desinfiziert. Hier hat mich der Chirurg netterweise über ein paar Sachen aufgeklärt, die ich zu diesem Zeitpunkt im Studium noch nicht gelernt hatte: Generell gilt, dass das Waschen mit Wasser und Seife nur zu Beginn des OP-Tages notwendig ist, um den groben Schmutz zu entfernen, danach werden die Hände „nur“ noch chirurgisch desinfiziert (Lesetipp: Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut (RKI)).

Desinfizieren ist für die Hände wesentlich gesünder als das Waschen, das zu kleinen Hautrissen und damit zu einer potenziellen Infektionsquelle führen kann. Aus diesem Grund wird mittlerweile auch auf Nagelbürsten verzichtet. Wobei ich hier je nach Krankenhaus sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe und mir angewöhnt habe, es einfach anzusprechen und nachzufragen.

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Da ich zum Desinfizieren anscheinend Unmengen Desinfektionsmittel verwendetet hatte, wurden meine Hände partout nicht trocken, also stand ich etwas peinlich berührt herum und wartete gemeinsam mit der OP-Schwester darauf, dass ich bereit zum Anziehen war. Die Zeit nutzte ich, um ihr zu sagen, dass das mein erstes Mal im OP wäre. Das war auf jeden Fall eine gute Idee, denn dadurch leitete sie mich langsam durch das Kittelanziehen inklusive des Hinweises, welches Band ich festzuhalten habe. Leider aber hielt ich es nicht fest genug und es rutschte mir durch die Finger, was dazu führte, dass ich einen neuen Kittel brauchte. Also nochmal das ganze Prozedere. Dann wurde ich zum Tisch gelotst und mir wurde erklärt, was ich alles berühren darf und was nicht. Außerdem wurde ich mit dem Sauger und dem Elektrokauter vertraut gemacht.

Tipp Nr. 4: Sagen, wenn man etwas zum ersten Mal macht.

Und dann war es so weit. Der Hautschnitt war gesetzt und die OP im vollen Gange. Es war aufregend und gleichzeitig unspektakulär. Und es stank fürchterlich. In dem Moment war ich dankbar für das Krankenpflegepraktikum, in dem ich geruchstechnisch sehr abgehärtet wurde.

Die Operation war eine Hüft-TEP, bei der man als 2. Assistenz auf der kontralateralen Seite des OP-Gebiets steht, wodurch man zwangsläufig in die klischeehafte Rolle des Hakenhalters fällt. Als erste OP war es trotzdem spannend, jedoch eher wegen der ungewohnten Situation als aufgrund der Dinge, die ich sehen konnte – das war nämlich faktisch nichts.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass meine Gedanken immer mehr abschweiften, ich immer öfters zu Uhr schaute und das Gefühl hatte, dass mir ein bisschen schwindlig wurde. Da wurde mir klar, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.

Tipp Nr. 5: Kurz vor der OP eine Kleinigkeit wie z.B. einen Müsliriegel essen.

Ich hatte die letzten 30 Minuten wie angewurzelt dagestanden und mich möglichst nicht bewegt, um ja nichts falsch zu machen. Langsam meldete sich mein Kreislauf. Also begann ich vorsichtig meine Beine zu bewegen. Es wurde aber leider nicht besser.

Tipp Nr. 6: Kontinuierliches Bewegen der Beine von Beginn an. Außerdem können Kompressionsstrümpfe bei langen OPs helfen.

Die OP ging bereits dem Ende zu und ich dachte mir, dass ich das nicht mehr durchhalten werde, aber da sprach der Operateur mich plötzlich an und fragte, ob ich denn nähen könnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich es noch nie gemacht hätte, aber es sehr gerne lernen würde. Also durfte ich mich zu ihm stellen und er leitete mich an. Das war mein absolutes Highlight und durch den Positionswechsel beruhigte sich mein Schwindelgefühl wieder. Ich durfte die Hautnaht machen und das Pflaster kleben, doch dann wurden meine Knie weich. Ich presste noch ein „mir ist schwindlig“ heraus, trat schnell ein paar Schritte zurück und fand mich an der Wand wieder, bevor es schwarz wurde.

Tipp Nr. 7: Wenn einem schwindlig wird, unbedingt Bescheid geben und wegtreten! Es gibt nichts Schlimmeres, als am Tisch zu kollabieren.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Boden, der Anästhesist und der OP-Pfleger über mir. Einer tupfte meine Stirn ab. Es war grauenhaft und unglaublich peinlich. Langsam setzten sie mich auf. Der Operateur begleitete mich in den Aufenthaltsraum, er gab mir etwas zu trinken und einen Traubenzucker. Je besser ich mich fühlte, desto klarer wurde mir, was passiert war und ich konnte es nicht glauben. Der Operateur sagte etwas von wegen Glück im Unglück. Immerhin war ich rechtzeitig vom Tisch weggetreten. Für mich war es eine unglaublich unangenehme Erfahrung und ich hatte danach lange Angst wieder umzukippen und womöglich nie als Chirurgin arbeiten zu können.

Nachdem ich aber immer wieder mit anderen Studierenden und Ärzten darüber gesprochen hatte, musste ich feststellen, dass das häufiger passiert, als ich dachte. Ich weiß, dass ich Chirurgin werden möchte und habe gelernt meiner Angst in die Augen zu schauen und sie so zu bekämpfen. Ich hatte in den darauffolgenden Famulaturen nie wieder Probleme und hatte seitdem immer große Freude beim Assistieren.

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