Q-Fieber: Wenn die Kuh Fieber hat – lernen mit Eselsbrücken

Wie schafft man es, sich komplexe medizinische Begriffe zu merken? Ein Trick ist, sich die Inhalte möglichst bildlich vorzustellen. So arbeitet zum Beispiel die Lernplattform „Meditricks“. Im Interview erklärt Unternehmensgründer Dr. Michael Seifert, wie das genau funktioniert.

Herr Dr. Seifert, auf Ihrer Webseite meditricks.de gibt es lustige, bunte Bilder und Videos. Wie passt das zu den medizinischen Inhalten, die man damit lernen soll?

Dr. Michael Seifert: Hinter den Bildern stecken zwei Dinge: Das erste ist eine Recherche von medizinischen Themen. Außerdem stecken in den Bildern jede Menge Eselsbrücken, Merkhilfen und Memo-Techniken. Eine Eselsbrücke, die unter Medizinern ganz bekannt ist, ist zum Beispiel: „Es fuhr ein Kahn im Mondeschein im Dreieck um das Erbsenbein…“, um sich die Handwurzelknochen zu merken. Ein Gedächtnisweltmeister würde sagen, diese Eselsbrücke ist umso effektiver, je bildlicher man sich die vorstellt. Man sollte sich wirklich diesen Kahn vorstellen, wie das Licht des Mondes darauf fällt, und wie dieses Schiff dann im Dreieck um irgendein ein grünes, schrumpeliges Erbsenbein fährt. Die bildliche Vorstellung aktiviert viele Hirnareale und festigt so die Eselsbrücke. Darauf bauen wir auf: Wir zeichnen Merkhilfen – deshalb sind unsere Bilder so bunt und lustig. Dadurch verstärken wir die dahinterliegende Eselsbrücke. Die Merkhilfen beziehen sich immer auf ein Thema. Da gibt es ja immer einen bestimmten Umfang an Informationen, Fakten und Zusammenhängen, die man wissen sollte. Und all diese Informationen kann man mit einer Eselsbrücke versehen und zu einer bunten Bildwelt machen – beispielsweise zu bestimmten Krankheiten wie Herpes oder Q-Fieber wie im Beispielvideo.

Wie funktionieren denn diese Memotechniken – wie arbeiten Gedächtnisweltmeister eigentlich?

Dr. Michael Seifert: Es gibt ein paar Techniken, wie man Merkhilfen konstruieren kann. Der Clou ist dabei, dass wir darauf getrimmt sind, Informationen zu vernetzen. Unser visuelles Gedächtnis ist sehr gut – Signale wie „Wo ist das Wasser?“ oder „Wie sieht reifes Obst aus?“ können wir evolutionsbiologisch leicht entschlüsseln und uns sehr lange merken. Das nutzt man in den Memotechniken aus: Man verbindet schwer zu merkende abstrakte Begriffe mit leicht zu merkenden Bildern. Nehmen wir beispielsweise das Tigecyclin, ein Antibiotikum: Das ist erstmal ein lateinisch basiertes Fremdwort und weckt nicht viele Assoziationen. Aber wenn wir aus dem Tigecyclin einen Tiger auf einem Rad vom englischen Wort „cycle“ machen und uns einen Rad fahrenden Tiger vorstellen – das vernetzt und stimuliert ganz viele Areale im Gehirn. Es hat auch eine humorvolle, emotionale Note. Das ist viel einfacher, als sich die abstrakte Buchstabenkombination „Tigecyclin“ zu merken. Das ist erstmal der simpelste Baustein einer Memotechnik. Gedächtnisweltmeister können sich ja zum Beispiel hunderte Nachkommastellen von Pi merken, indem sie eine so genannte Routenmethode verwenden, um die Ziffern in die richtige Reihenfolge zu bringen. Dazu stellen sie sich einen Raum und einen Weg vor, den sie entlanggehen – und bestimmte Objekte am Wegesrand, die für die Ziffern stehen. Das funktioniert, weil unser Lokalisationsgedächtnis so stark ist. Wir greifen unter anderen auch dieses Prinzip auf, indem wir unsere Meditricks räumlich aufteilen und Geschichten zu den Eselsbrücken erzählen.

Ist es wissenschaftlich belegt, dass das funktioniert?

Dr. Michael Seifert: Der Aspekt wird für uns auch immer wichtiger. Wir starten im Oktober eine Kooperation mit der medizinischen Psychologie hier in Freiburg – da wird es zwei Doktorarbeiten geben, um zu erforschen ob und wie Meditricks besser wirkt als klassisches textbasiertes Lernen. Dass Eselsbrücken und Memotechniken helfen, sich Sachen zu merken, ist wissenschaftlich schon erforscht. Wenn man Gedächtnisweltmeister in einer Studie gegen eine Kontrollgruppe antreten lässt, ist es wirklich erstaunlich, wieviel mehr die sich merken können. Andere Studien zeigen, dass visualisierte Eselsbrücken, wie wir sie haben, deutlich besser abschneiden als klassisches, textbasiertes Lernen. Einige Studien belegen auch, dass solche Techniken nicht nur dabei helfen, sich Wissen schnell ins Gehirn reinzupauken – sie helfen auch dabei, komplexe Zusammenhänge zu behalten und besser zu verstehen.

Der Grundstock der Bilder stammt ja noch aus Ihrem eigenen Studium, oder?

Dr. Michael Seifert: Ja, genau. Mein Geschäftspartner Paul von Poellnitz und ich haben während unseres Studiums die Memotechniken in den USA kennengelernt. Paul hat dann angefangen, sich für das Hammerexamen, wie das damals noch hieß, Eselsbrücken auszudenken und passende Bilder zu zeichnen. Ich habe damals auf das USMLE gelernt – das amerikanische Staatsexamen. Dafür habe ich einen US-amerikanischen Anbieter einer Plattform genutzt, die unserer jetzt sehr ähnlich ist. Das Ganze unterliegt natürlich einer gewissen Sprach-Spezifität, weil die Reime natürlich nur in einer Sprache funktionieren. Paul hat seine selber gezeichneten Bilder online angeboten und hat sich dazu entschieden, das professionell zu machen. Wir haben uns über eine gemeinsame Freundin kennengelernt und beschlossen, das gemeinsam zu machen. Und letztes Jahr haben wir dann unser Unternehmen gegründet.

E-Learning ist mehr als ein Buzzword. Di­gi­ta­le Lehr­an­ge­bo­te un­ter­stüt­zen Stu­die­ren­de ganz praktisch. Durch Vi­de­o­auf­zeich­nun­gen von Vorlesungen können sich Studierende zeit- und orts­un­ab­hän­gig – und so oft sie wollen – Lerninhalte ansehen.

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Wer denkt sich die ganzen Eselsbrücken aus?

Dr. Michael Seifert: Das ist unser Ideengeber-Team wozu Paul und ich gehören, das aus vielen Medizinstudenten besteht, die auch bei uns arbeiten. Man startet erstmal mit einer Recherche zu einem Thema und hat dann diese Information vor sich und muss sich dann überlegen, welche Eselsbrücke dazu passt. Da hat man mehrere Möglichkeiten. Die zwei wichtigsten sind, Reime zu finden oder auf phonetischer Basis Begriffe zu finden, die ähnlich klingen, wie der Tiger beim Tigecyclin. Oder man findet Sinnbilder. Den Tod stellt man dann zum Beispiel als Sensenmann oder als etwas Schwarzes dar. Diese Technik, mit Reimen oder mit Sinnbildern zu arbeiten, beherrscht man nach einer Weile wie eine Sprache. Aber manchmal ist das auch schwierig – wir arbeiten gerade an neuen Eselsbrücken zur Biochemie, und manche Enzyme machen es uns wirklich schwer. Dafür nutzen wir die Schwarmintelligenz in unserem internen Chat und helfen uns gegenseitig.

Woher kommen die Zeichnungen?

Dr. Michael Seifert: Die Zeichnungen kommen aus unterschiedlichen Händen, auch von Medizinstudierenden. Einer unserer Zeichner ist Giulio De Matteis, ein Arzt in Berlin, der auch an der Uni Brandenburg unterrichtet. Giulio hat vor dem Medizinstudium in Rom Comics studiert und ist damit für Meditricks super geeignet. Er versteht die ganze medizinische Fachsprache und er kann zeichnen wie ein Weltmeister. Viel kommt aus seiner Feder, und wir arbeiten auch mit anderen professionellen Illustratoren zusammen. Die Zeichner sind mittlerweile Profis – am Anfang haben wir das selbst gemacht, aber das sah einfach nicht so elegant aus.

Welche medizinischen Fachrichtungen können Sie aktuell schon abbilden und was soll noch dazu kommen?

Dr. Michael Seifert: Wir haben keine harten Grenzen entdeckt, was man abbilden kann. Unser Ziel ist es, zu allen Fächern der Medizin die wichtigsten Inhalte abzubilden. Aktuell haben wir Inhalte zur Inneren Medizin, zur Pharmakologie, Infektiologie und Mikrobiologie. Zur Infektiologie und Mikrobiologie haben wir jetzt auch ein Buch herausgegeben. Wir haben Inhalte zur Pädiatrie und jetzt starten wir auch mit der Vorklinik durch. Wir wollen Meditricks studiumsbegleitend machen und für jedes Semester interessant sein. Dazu versuchen wir, breit zu streuen und die wichtigsten Aspekte aus möglichst vielen Fächern abzudecken. Gleichzeitig konzentrieren wir uns auf einige Fächer, bei denen wir in die Tiefe gehen können. Zwei dieser Fächer sind Infektiologie und Pharmakologie. Komplett ist es natürlich nie.

Sie haben im August 2017 ein EXIST-Gründerstipendium der Bundesregierung bekommen. Wie hat sich Ihr Unternehmen seither entwickelt?

Dr. Michael Seifert: Gut! Wir haben uns entschieden, es erstmal ohne Investor zu probieren und organisch zu wachsen. Das Gründerstipendium finanziert derzeit drei Vollzeitstellen. Wir brauchen jetzt den so genannten „Break even point“ – also den Punkt, an dem man schwarze Zahlen schreibt. Das Stipendium läuft im August nach einem Jahr aus – und es sieht so aus, als ob wir das knapp schaffen können. Es bleibt spannend – aber nach so kurzer Zeit ist es für uns absolut genial, dass wir uns überhaupt überlegen können, es aus eigener Kraft zu schaffen. Wir freuen uns sehr und hoffen jetzt, dass wir den Übergang so hinbekommen.