PJ-Blog: Meine Mafia

Nach reichlich Theorie im Studium endlich im PJ in den Alltag eines Arztes eintauchen – ein Traum für jeden Medizinstudenten – oder? Fräulein Licht berichtet regelmäßig auf www.operation-karriere.de von ihren Erfahrungen an der Klinik. Teil 21: "Meine Mafia".

Operation Karriere-Bloggerin Fräulein Licht

Hier bloggt Fräulein Licht

Liebes Krankenhaus,

vor meiner Abreise hatte ich mir über eine dubiose Internetfirma eine Wohnung organisiert. Der Vermieter war Tschetschene und hatte mir per E-Mail aufgetragen, einem Freund von ihm 1000 Euro für die Miete für drei Monate zu überweisen. Nach langer Diskussion und der Angst, in St. Petersburg gar keine Wohnung zu haben und unter einer Brücke schlafen zu müssen (es gibt hier keine Schwesternwohnheime am Krankenhaus, alle Ärzte wohnen in eigenen Wohnungen), habe ich dann 1000 Euro abgehoben und sie zu einem Western Union-Shop gebracht und gehofft, dass mich mein bisheriges Glück auch hier nicht verlassen wird. Der tschetschenische Vermieter hatte nämlich kein eigenes Konto und konnte Geld nur über Western Union bekommen (man geht mit Bargeld zu einem Shop, bezahlt, und das bezahlte Geld ist am nächsten Tag in allen Western Union Shops weltweit von der entsprechenden Person abholbar – ganz ohne dass man eigenes Bankkonto haben muss). Dafür hat er versprochen, dass ein Freund von ihm mich am Flughafen abholt (dieser Freund sollte Deutsch und Englisch sprechen).

Und da fingen meine Probleme schon wieder an. Zwar hatte der Freund am Flughafen auf mich gewartet (eine Stunde, da mein Flug ja Verspätung hatte), aber er sprach weder Deutsch, noch Englisch, sondern nur Russisch, naja, Deutsch sprach er fünf Worte, nämlich Hallo du, ich bin Anton, was er auch sogleich auf Englisch übersetzte: Hello, you, this is Anton. Und das war es. Alles weitere verhandelten wir mit Händen und Füßen. Und dann rief er einen weiteren Freund an, der uns mit einem tiefergelegten roten Auto vom Flughafen abholte. Es war die tschetschenische Mafia, zumindest glaube ich das, der Fahrer des tiefergelegten Autos hatte eine Waffe bei sich, vielleicht ist das aber auch so üblich unter Vermietern, falls ich Stress mache. Klischeehaft dröhnte russische Hip Hop Musik aus den Boxen, beide hatten ihre Ellenbogen aus dem Fenster gelehnt und fuhren, naja, wie soll ich das beschreiben, das trifft es, glaube ich, ganz gut.

Und schon da dachte ich, ich muss sterben!!! Aber dem war nicht so. Sie setzten mich dann vor der Wohnung ab, gaben mir die Schlüssel und verschwanden (ohne Vertrag, nichts). Und jetzt lebe ich in einer großen Wohnung mit dem ältesten und schäbigsten Kühlschrank in ganz Russland, ABER er funktioniert.

Fräulein Licht (24) studiert Medizin in Münster und hat Ende 2015 ihr Praktisches Jahr an der Klinik begonnen. Alle Blog-Inhalte beruhen auf den Erfahrungen der Bloggerin im PJ und geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Die Namen von eventuell vorkommenden Personen wurden geändert.

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