Man fühlt sich wie eine demente Oma

Die Digitalisierung wird die Arbeit von Ärzten in der Zukunft stark verändern, deshalb tut man auch als Medizinstudent gut daran, sich mit Informatik zu beschäftigen. Gute Lehrangebote zur Medizininformatik gibt es allerdings wenige, da hilft es, sich auf die eigenen Stärken als Medizinstudent zu besinnen.

Paul Windisch begreift die (Medizin-)Informatik als Chance.

Die Erfahrungen, die man als Medizinstudent mit der (Medizin-)Informatik macht, sind meist einschüchternd oder wenig erfreulich. Im Lab-Meeting der Arbeitsgruppe, in der man an seiner experimentellen Doktorarbeit forscht, hat ein Bioinformatiker seine Präsentation mit bunten Heatmaps und verwirrenden Clustern vollgepackt. In der Zeitung liest man von einer Software, die CT-Bilder so gut auswertet, dass der Autor des Artikels allen Radio- und Pathologen bereits jetzt empfehlen würde, einen Taxischein zu machen wenn nicht selbstfahrende Autos auch diesen Job bald zunichte machen werden. Der Dozent im Medizininformatik-Seminar hat das Programmieren wahrscheinlich noch mit Lochkarten gelernt hat. Er langweilt mit einer Präsentation über die Probleme mit Datensicherheit, die durch die zunehmende Verbreitung von Telemedizin entstehen. Außerdem lässt er seine Studenten im “Praktikum” auf der Seite des DIMDI nach ICD-Codes suchen.

Man applaudiert trotzdem schließlich sind die Daten in "Nature" publiziert worden.

Viele Medizinstudenten kommen an dieser Stelle zu dem Schluss, dass sie die Frage, was sie von Informatik in der Medizin halten, von nun an mit “Abstand” beantworten werden. Doch der Vormarsch der Informatik in allen Lebensbereichen ist unausweichlich – und daher sehen sich einige Kommilitonen gezwungen, doch etwas tiefer in die Materie einzutauchen. Der Blick hinter die Kulissen offenbart Schreckliches: Hinter “neuronalen Netzwerken” verbergen sich keine simplen Synapsen, sondern Matrizen mit Tausenden von Elementen. Der Kampf um Datensicherheit wird mit Funktionen geführt, bei denen man schon den ersten Satz des zugehörigen Wikipedia-Artikels nicht versteht. Und warum sich der Arbeitsgruppenleiter freut, wenn auf der Heatmap einige Spalten ähnliche “Muster” haben, ist einem beim ersten Lab-Meeting auch nicht unbedingt klar. Man applaudiert trotzdem, schließlich sind die Daten in "Nature" publiziert worden.

Nach dieser Erfahrungen sind auch die meisten, die der Informatik eigentlich eine Chance geben wollten, abgeschreckt. Das lässt sich vor allem auf zwei Punkte zurückführen: Sie zweifeln an den eigenen Fähigkeiten in diesem Gebiet (insbesondere hinsichtlich der Mathematik) und die verwendete Fachsprache macht ihnen klar, wie sich eine demente Oma fühlt, die dem Gespräch zwischen Chefarzt und leitendem Oberarzt über mögliche Differenzialdiagnosen ihrer monoklonalen Gammopathie beiwohnt.

Die erste gute Nachricht...

Das ist auch nicht verwunderlich schließlich hat man versucht, komplexe Technologien zu verstehen, die das Resultat jahrzehntelanger Forschung sind. Die Konsequenz für alle, die grundsätzlich interessiert an medizinischer Informatik sind: Man sollte mit den Basics anfangen genau wie man sich erstmal ein bisschen Anatomie aneignen muss, bevor man operiert. Die erste gute Nachricht: Während von der Anatomie in der Vorklinik bis zum ersten selbstständig durchgeführten Whipple sehr viele Jahre vergehen, kann man in der Informatik schneller vorankommen. Die zweite gute Nachricht: Bereits mit grundlegenden Kenntnissen lassen sich Programme erschaffen, die einem das Leben erleichtern. Wer beispielsweise mal im Rahmen einer retrospektiven Datenanalyse, z.B. für die eigene Doktorarbeit, Daten aus hunderten ähnlich strukturierten Dokumenten (z.B. Arztbriefe, Verlaufsbögen...) extrahieren musste, hätte sich eine Software gewünscht, die diese Aufgabe für ihn übernehmen könnte und die Ergebnisse z.B. als Excel-Tabelle speichert. Ein solches Programm kann man bereits mit relativ rudimentären Programmierkenntnissen (und geringsten Mathematikkenntnissen) schreiben. Die Voraussetzungen unterscheiden sich praktisch kaum von denen für ein erfolgreiches Medizinstudium: Selbstständiges Lernen, grundlegendes Organisationsvermögen und eine Prise Frustrationstoleranz!

Paul Windisch absolviert aktuell sein praktisches Jahr an der Uniklinik Heidelberg, studierte zwischenzeitlich Informatik an der FernUni Hagen und bildet sich seitdem mit Online-Kursen v.a. zu Data Science Themen weiter. Neben seinem Studium ist er als Buchautor tätig. Gerade ist ein Lernskripts für die Zulassung zum Medizinstudium in Hamburg, Berlin und Magdeburg von ihm erschienen, dass er zusammen mit dem Medizinstudenten Deniz Tafrali geschrieben hat.

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