Literatur und Kunst im Medizinstudium: Blick über den Tellerrand

Der „Blick über den Tellerrand“ und „Skills für meine ärztliche Gesprächsführung“ – das waren neben allgemeiner Neugier die Hauptgründe, die Medizinstudierende in den Skill- Lab-Kurs „Erzählungen in der Medizin“ der Uni Mainz trieb.

Studenten

In der Unibibliothek nach Klassikern suchen - eher eine Beschäftigung für Geisteswissenschaftler. | Skynesher_iStockphoto

Dieser Kurs ist anders: Die Medizinstudierenden lesen gemeinsam eine Kurzgeschichte, einen Romanausschnitt oder ein Gedicht und analysieren dann den Text. „Es ist echt irre spannend, wie eine Handvoll Menschen, die den gleichen Text gehört haben, diesen komplett anders empfinden und bewerten“, meint eine Studentin, die an dem freiwilligen Skills Lab des Universitätsklinikums Mainz „Erzählungen in der Medizin“ teilnimmt. Diesen bieten die Autorinnen – die Medizinstudentin Miriam Halstein und die Literaturwissenschaftlerin Dr. Anita Wohlmann – bereits seit zwei Semestern an: sechs wöchentliche Termine zu je 75 Minuten.

Bereits in der Diskussion mit den Teilnehmern üben sie das Aushalten von Ambiguität, das Anerkennen verschiedener Perspektiven und der respektvolle Umgang mit abweichenden Interpretationen eingeübt. Neben Texten kommen auch Hörspielausschnitte, Gemälde und Fotografien zum Einsatz. Im Anschluss an die Diskussion gibt es eine Schreibaufgabe, die einlädt, das analysierte Werk, die Diskussion, das eigene Handeln, das Arzt-/Ärztin-sein an sich oder schwierige Situationen im medizinischen Alltag zu reflektieren.

Das interdisziplinäre Konzept des Kurses orientiert sich an geisteswissenschaftsnahen Kursen des amerikanischen Medizinstudiums, wie sie im Rahmen des „Program in Narrative Medicine“ stattfinden. Rita Charon, Internistin und Literaturwissenschaftlerin, etablierte in den 2000er Jahren dieses Programm an der Columbia University in New York City. Die narrativ-basierte Medizin versteht sich dabei als Ergänzung zur evidenz-basierten Medizin, nicht als Ersatz oder Alternative. Sie ist aus der Medical-Humanities-Bewegung heraus entstanden, die sich seit den 1960er Jahren in den USA dafür einsetzt, die Medizin mit den Humanities – also Geistes-, Kunst- und Sozialwissenschaften – zu bereichern. Es geht um die intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Disziplinen, Raum für Reflexion und die Entwicklung von Kreativität im Zusammenhang mit zentralen Fragen in der medizinischen Praxis. Zum Beispiel: Was bedeutet es, schlechte Nachrichten zu überbringen? Was lösen unterschiedliche Patienten in mir aus? Was für ein Arzt/eine Ärztin möchte ich sein?

Die Narrative Medizin zeichnet sich durch eine besondere Nähe zur Literaturwissenschaft aus. Patientengeschichten werden gehört, weitererzählt, für Besprechungen und Arztbriefe neu erzählt. Konsile und Labortests werden gelesen, Diagnosen werden mitgeteilt, Krankheitsgeschichten werden gemeinsam mit den Patienten geschildert. Der geschickte, multiperspektivische Umgang mit Patientenerzählungen wird häufig als eine der zentralen Fähigkeiten genialer DiagnostikerInnen identifiziert und findet dennoch im Studium keinen Raum. Diese Lücke versucht die Narrative Medizin mit Methoden und Ansätzen der Literaturwissenschaften zu schließen.

Der Kurs in Mainz ist gut angenommen worden: Alle Teilnehmenden waren zufrieden bis sehr zufrieden. Ihr Wunsch: „Weg vom reinen Auswendiglernen, hin zur Arbeit mit Informationen und der Schärfung von Wahrnehmung“

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