Kind und Kittel: "Plötzlich PJ?"

Das M2 in Bayern wird verschoben. Ein Schock für unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov, die in den vergangenen Monaten tapfer versucht hat, Lernplan, Familienleben, Umzug und Ausgangssperre unter einen Hut zu bringen. Wie es ihr jetzt geht, schreibt sie hier.

Die Operation Karriere-Bloggerin und zweifache Mutter Natalja Ostankov schreibt regelmäßig über den Alltag zwischen Familie, Klinik und Studium. | Deutscher Ärzteverlag/privat

Weg. Vor mir ein großes Loch. Sie haben es tatsächlich abgesagt, das M2 wird um ein Jahr verschoben.
Ganz kurz erklärt: Normalerweise schreiben Medizinstudenten nach sechs Semestern klinischen Studiums ein schriftliches Staatsexamen, genannt M2, dann machen sie ein praktisches Jahr, und daraufhin wird ein mündliches Staatsexamen abgehalten, genannt M3. Nun sollen die Studenten ohne M2 sofort ins praktische Jahr gehen, danach M2 und M3 kurz hintereinander ablegen. So war das übrigens bis 2014; die Durchführung von M2 und M3 nach dem PJ wurde “Hammerexamen” genannt und aus guten Gründen abgeschafft. Die Vorbereitung auf zwei so fette Prüfungen hintereinander war für viele Studenten eine starke Belastung. Nun soll als Ausnahmeregelung ein Jahrgang wieder Hammerexamen abhalten – nicht, ohne sich vorher drei bis sechs Monate schon mal aus Jux und Tollerei auf das M2 vorbereitet zu haben.

Sieben Tage Ungewissheit

Der Entschluss wurde in der Bundesregierung gefasst, die Bundesländer aber durften jedes für sich entscheiden, ob sie die M2-Prüfungen im Alleingang doch durchführen. Ein kleiner Funken Hoffnung blieb also noch, letzte Woche. Doch anstatt Hoffnung zu geben, war dieser Funke eine brennende Qual. Keine zehn Pferde hätten mich noch dazu gebracht, morgens um 5:00 Uhr aufzustehen, um zu lernen und erst recht nicht, meinem Mann kostbare Zeit für sein Homeoffice abzuzwacken – für etwas, was höchstwahrscheinlich nicht stattfinden würde. Ganz abgesehen von diesem seltsam depressiven Gefühl, das langsam aber gewiss in mir aufstieg; diese innere Leere. Gleichzeitig war da dieser Funke, der immer wieder fragte: “Was, wenn doch?” Wenn doch, dann hätte ich sieben Lerntage verloren und müsste danach alles aufholen!

Letzten Freitag, nach einer ganzen Woche der Ungewissheit, wurde es dann auch in Bayern beschlossen:
Die M2 Prüfung wird auf April 2021 verschoben, die angemeldeten Prüflinge starten in das “vorzeitige Praktische Jahr nach der Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite”.

Puff. Mein Endgegner, zu dem ich zu gelangen ein halbes Jahr gekämpft habe, hat sich einfach in Luft aufgelöst.

Organisatorische Schwierigkeiten

Alle Fakultäten haben sich dafür eingesetzt, dass das Staatsexamen nicht verschoben wird. Der Marburger Bund hat an die Regierung appelliert, die Prüfung stattfinden zu lassen. Der bvmd hat gebeten, nicht zu verschieben und eine Petition mit über 70.000 Unterschriften eingereicht. Sie wurde abgelehnt. Keiner hört uns.

Wie so oft in letzter Zeit frage ich mich: Was passiert hier? Warum verschieben die Politiker die Prüfung, wenn doch alle sie anbetteln, es nicht zu tun?

Anscheinend lag das Problem an der Durchführung. Bei einer Prüfung mit je fünfzig bis hundert Personen in einem Raum ist es nicht so einfach, sich an die Auflagen des Infektionsschutzgesetzes zu halten. Möglich wäre es allerdings: Zur Zeit stehen so viele Gebäude leer – Universitäten, Schulen, Bibliotheken – dass jeder Prüfling ein eigenes Zimmer abbekommen könnte. Auch Aufpasser würde man genügend finden, bei der Anzahl an Kurzarbeit, die gemeldet wurde.

Das Bundesgesundheitsministerium hat gestern (30.3.2020) die Änderungen an der ärztlichen Approbationsordnung veröffentlicht, die während der COVID-19-Pandemie gelten. Sie sollen schon zum 1. April in Kraft treten. Was sich genau ändert, erfährst Du hier.

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Doch auf April 2021 zu schieben, war wohl einfacher; der organisatorische Aufwand für alle anderen Lösungen zu hoch. Für Bayern und Baden-Württemberg zumindest; denn in neun anderen Ländern wird geschrieben. In Sachsen und Sachsen-Anhalt dürfen die Studenten sogar selber entscheiden, ob sie schreiben wollen oder ins PJ starten. Das nenne ich mal fortschrittlich. Mit dieser bundes-uneinheitlichen Lösung kommt zusätzlich zu der Enttäuschung auch noch das Gefühl hinzu, den falschen Wohnort gewählt zu haben.

Nach vorne blicken

Das Gros derer, die sich zum Staatsexamen angemeldet hatten, gehen Mitte April ins PJ. Es gibt aber noch die Möglichkeit, sich für das Examen im Herbst anzumelden; also noch einmal ein halbes Jahr zu lernen und dann regulär (wenn bis dahin alles wieder regulär läuft) ins PJ zu starten. Ich wäge im Moment ab, was ich tun soll – wir haben eine Woche Zeit bekommen, um uns zu entscheiden. Das Problem: Ich weiß nicht, wann die Kindergärten wieder öffnen. Wenn das Staatsexamen am 15.-17. April mit fünfzig bis hundert Menschen in einem Raum verschoben wird, werden Schulen und Kitas mit hunderten von Kindern im Pausenhof wohl kaum am 20. April wieder öffnen.

Auf meine Frage, ob die Fehltage, die ich hätte, während der Kindergarten noch zu ist, von den regulären 30 Fehltagen abgezogen werden, konnte mir noch keiner eine sichere Antwort geben. Vermutet wird, dass sie zu den regulären Fehlzeiten zählen würden, weil dieser Zustand schon bei Antreten des PJ bekannt wäre. Wenn das tatsächlich so ist, habe ich eigentlich nur die Möglichkeit, zu schieben.

Zusätzlich spielt der Gedanke eine große Rolle, dass ich mich und meine Familie anstecken könnte. Die Sicherheit meiner Familie geht vor, zumal unsere Kinder (zumindest, sobald die Kontaktsperre wieder aufgehoben wird) jeden Tag die Köpfe eng mit den Nachbarskindern zusammenstecken; Nachbarn, bei denen die ein oder andere Oma mit im Haushalt lebt.

Wie hoch ist das Risiko? Wie machen das andere ÄrztInnen und PflegerInnen?

Fragen über Fragen, die hoffentlich im Laufe dieser Woche eine passende Antwort finden.

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