Kind und Kittel: Ein Blick in die Chirurgie

"Chirurgie ist nichts für mich", das dachte Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov zumindest bisher – nicht zuletzt wegen der familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen. Ob ihr Blockpraktikum etwas an dieser Einstellung geändert hat, schildert sie im Beitrag.

Die Operation Karriere-Bloggerin und zweifache Mutter Natalja Ostankov schreibt regelmäßig über den Alltag zwischen Familie, Klinik und Studium. | Deutscher Ärzteverlag/privat

“Macht bloß nicht Medizin!” flüsterte uns ein gestresster Assistenzarzt zu, als er uns aus dem Aufzug entgegen rauschte. Die Haare verwuschelt, die Kitteltaschen voll mit Merkblättern, Reflexhammer, Diagnostikleuchte und der “Checkliste Chirurgie”. Zu spät, dachten wir Studenten im zehnten Semester, gerade dabei, das letzte Blockpraktikum abzuleisten: Chirurgie.

Der Dozent unseres Kurses, zu dem uns der Aufzug brachte, war auch nicht besser dran. Nachdem er uns erklärt hatte, wie eine Gefäßanastomose gemacht wird, holte er – während wir unsere Köpfe über die Tische beugten, um uns an Strohhalm-Arterien zu versuchen – einen trockenen Zwieback aus seinem Kasack und knabberte drauf los.

Kaum Zeit für die Mittagspause?

“Ist das dein Mittagessen?”, fragte einer der Studenten sowohl empathisch, als auch um seine eigene Zukunft besorgt. Daraufhin erzählte der Dozent uns, dass er sich jeden Tag Gedanken darüber mache, wie es zu organisieren sei, dass jeder Arzt, ob Stationsarzt oder Operateur, seine gesetzlich vorgeschriebenen 30 Minuten Mittagessen garantiert bekomme. Aber bis jetzt habe er keine Lösung gefunden. Deswegen freue er sich auf seine Elternzeit, die nächste Woche beginnen würde. Ich musste mir auf die Zunge beißen, um meinen Kommentar darüber, dass die Elternzeit nicht unbedingt einfacher als der Klinikalltag ist, herunterzuschlucken. Ich wollte dem frischgebackenen Papa nicht seine letzte Hoffnung nehmen.

Am Nachmittag wurden wir auf die Operationssäle aufgeteilt, teilweise standen wir allein mit Operateur und Assistent am OP-Tisch und durften mitassistieren. Hier war die Atmosphäre eine ganz andere als oben auf Station. Der Thrill, Chirurg zu sein, flatterte durch die Luft. Das Team war gut drauf, obwohl eine Neck-Dissection bevorstand, die mindestens 10 Stunden dauern würde. Die Abläufe liefen wie geschmiert und ich fühlte mich in eine Welt versetzt, die mir bisher genauso unbekannt wie uninteressant war. Chirurgie ist nichts für mich. Die Arbeitsbelastung, die frauenfeindliche Atmosphäre, die Arroganz, die von oben herab auf den armen Assistenzarzt tropft und nicht zuletzt das nötige Geschick, das ich nicht besitze; all diese Klischees wanderten durch meinen Kopf. Doch vielleicht hatte ich mit dem Team Glück, vielleicht aber ändert sich tatsächlich auch bei den Chirurgen etwas. Denn selbst ich fand es plötzlich spannend, zu sehen, wie der (lebendige) Mensch von innen aussieht und was man alles mit einer Operation retten kann. Im Gegensatz zur Inneren ist es ein Handwerk, eine Technik, die zu beherrschen viel Anerkennung mit sich bringt.

Für Nora Müller (Name geändert) war immer klar: Sie möchte jung Mutter werden. Als Gastautorin schildert sie im Beitrag, mit welchen Herausforderungen eine Schwangerschaft während des Medizinstudiums verbunden ist.

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Mir standen drei Stunden Stehen bevor und ich traute mich nicht nach einem Hocker zu fragen, doch der wurde mir ganz selbstverständlich mit einem sterilen Tuch bezogen und hingeschoben. Und als das Unumgängliche passierte, mir fiel etwas auf den Boden, bekam ich statt Ärger einen neuen Haken gereicht. Kurzum, ich war positiv überrascht und fasziniert von den Chirurgen.

Mit Faszination warb auch jeder einzelne Dozent der verpflichtenden Morgenvorlesung – eine sehr unbeliebte Kombination für Studenten: verpflichtend und morgens. Wie dem auch sei, heutzutage sind 70 bis 80 Prozent der Medizinstudenten weiblich und das macht vor allem der Männerdomäne Chirurgie zu schaffen: Den Chirurgen fehlt, mehr als anderen Disziplinen, Nachwuchs. Und so bemühten sich die Dozenten darum, uns unentschiedene Studenten für die Chirurgie zu faszinieren.

Faszination hin oder her, meiner Meinung nach reicht es nicht, einfach Werbung dafür zu machen, wie toll das Fach ist. Um Nachwuchs zu locken, sollte man sich auch Gedanken darüber machen, wie es zu organisieren ist, dass Assistenzärzte wie der Dozent aus dem Anastomosekurs ihre Mittagspause nicht regelmäßig opfern müssen.

Und was ist mit Teilzeit?

Nach ein paar Tagen, an denen wir uns Werbung über Werbung anhören hatten müssen, war ich soweit, dass ich mal nachfragte, was denn konkret getan wird, um die Arbeitsbedingungen zu ändern. Was es zum Beispiel an Teilzeitangeboten für Mütter gäbe.

Stolz erzählte mir der Dozent im Osteosynthesekurs davon, dass bei ihm in der Klinik eine Kita angeschlossen sei. Und dass eine Mutter immer um “Punkt 17:00 Uhr” geht, um ihr zweijähriges Kind abzuholen. Punkt 17:00. Da kann man einem Zweijährigen gerade noch einen Gutenachtkuss auf die Stirn drücken und das war’s. Oder dass zwei Mütter sich eine Stelle teilen, eine käme nachmittags, die andere vormittags. Ich frage mich nur, was es einer Mutter hilft, nachmittags zu arbeiten, wo doch spätestens ab der Schule alle Kinder vormittags außer Haus sind.

Obwohl Chirurgie wirklich fasziniert, ist noch viel Bedarf, sowohl an Nachwuchs als auch an vertretbaren Arbeitsbedingungen. Und… nicht nur in der Chirurgie.

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