Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 8: Zwei Welten

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov

Jeden Morgen ist es auf’s Neue schwierig – sowohl organisatorisch als auch emotional. Zur Organisation: Früher klingelte mein Wecker eine halbe Stunde, bevor ich aus dem Haus musste. Heute...

Heute klingelt mein Handywecker – den ich unter meinem Kissen versteckt habe, damit nur ich ihn höre – anderthalb Stunden, bevor ich aus dem Haus muss. Er klingelt, ich schalte ihn sofort aus und krieche in Zeitlupe aus dem Bett. Dabei ziehe ich erst vorsichtig meinen linken Arm unter dem Kopf meiner Tochter hervor, befreie mich ganz sachte aus der Umarmung meines Sohnes, stopfe ihm als Attrappe meine Decke unter und schlüpfe dann auf leisen Pfoten aus dem Zimmer. Ja, wir schlafen alle zusammen, das wird im Elternjargon harmlos als „Familienbett“ bezeichnet. Danach mache ich mich in rasantem Tempo fertig, denn wenn ich einmal aufgestanden bin, dauert es nicht lange, bis die beiden die Leere im Bett spüren und ebenfalls aufstehen.

Die eine Welt: Vorlesen im Familienbett

“Mama, du hast gestern versprochen, mir Leo Lausemaus vorzulesen!” – “Ich meinte abends, Schätzchen!” – “Mama, versprochen ist versprochen!” – dagegen kann ich nichts mehr einwenden – eine Leserunde für den Großen.

“Mama, Miiiiiilch!” Eine obligatorische Stillrunde für die Kleine, die eigentlich schon fast zu groß dafür ist. “Schatz, hast du mein Portemonnaie gesehen?” – “Im Flur auf der Kommode oben rechts.”

Dann noch Rucksäcke für den Kindergarten packen: Pausensnacks, Wasserflaschen, Sonnenhütchen... Nähert sich der Abschied, kommt die emotionale Schwierigkeit. Ich werde nervös, wenn ich unserer Kleinen erklären muss, dass Mama jetzt zur Uni geht und erst abends wieder kommt. Unser Großer verträgt es schon, ohne mit der Wimper zu zucken, doch die Kleine weint noch immer, wenn ich gehe. Also machen wir es kurz und knackig – je schneller ich die Tür hinter mir schließe, desto schneller beruhigt sie sich.

Wenn ich einmal weg bin, ist es nicht so schlimm. Ich weiß, dass sie gerne in die Kita geht und auch die Zeit mit Papa genießt. Trotzdem ist ihr Weinen beim Abschied ein Stich ins Herz, der mich stark in Versuchung führt, alles hinzuschmeißen und zurückzulaufen. Aber was wäre dann? Ich möchte doch auch ein eigenes Leben haben, möchte mein Studium nicht ewig hinter mir herschleppen. Und da ich im Juni nur ein bis zwei Mal zur Uni musste, hielt sich der Abschiedsschmerz in Grenzen.

Gehe ich dann zur S-Bahn-Station, begleitet mich das ständige Gefühl, etwas vergessen zu haben. Mein Kopf hat mittlerweile abgespeichert, folgendes immer einzupacken: Windeln, Feuchttücher, Pflaster, Wechselklamotten in den Größen 86 und 116 und Knabberzeug. Nichts dergleichen befindet sich nun in meiner Tasche. Stattdessen: Kittel, Block, Stift, Laufzettel. Das erklärt dann wohl dieses nagende Gefühl, etwas vergessen zu haben.

Und dann: Abtauchen in eine völlig andere Welt, die Uni

Beim ersten Mal nach meiner Pause fiel mir der Übergang wirklich schwer. Zwar waren die anderen Studenten nicht so jung, wie ich erwartet hatte – immerhin bin ich noch G9-Jahrgang, kommt hinzu, dass ich nach dem Abi ein Jahr verbummelt habe und dann, ja dann die Kinder. Ich dachte, ich würde ein Fossil unter jungen Springinsfelden sein. Doch gerade in Medizin gibt es immer wieder Studenten, die schon ein paar Wartesemester oder eine Berufsausbildung auf dem Buckel haben.

Das Alter ist es demnach nicht, was uns trennt. Aber die Welten. Während meine Kommilitonen Famulaturen machen, renne ich zwei Kindern hinterher, die Fahrrad, respektive Laufrad lernen wollen. Während sie in die Bibliothek gehen, koche ich Spaghetti Bolognese für vier Personen und beantworte gleichzeitig endlose “Warum?”-Fragen. Während sie für einen Single-Haushalt einkaufen, versuche ich mit überfülltem Einkaufswagen, den berühmten Trotzanfall im Supermarkt zu überleben. Während sie den Tag in einer Bar ausklingen lassen, singe ich meinen Kindern "Lalelu" vor. Während sie in Grüppchen zusammenhängen und über die Party vom Wochenende reden, stehe ich daneben und habe nichts zu sagen.

Da Übung bekanntlich den Meister macht, fällt es mir mit jedem Mal leichter, in die andere Welt abzutauchen. Was den Abschied betrifft, macht die Regel hier leider eine Ausnahme und es wird noch nicht leichter. Trotz allem lohnt es sich. Wenn ich zur Uni gehe, freue ich mich über den frischen Wind, der mir entgegen weht, weil ich endlich mal die häusliche Umgebung verlasse und etwas ohne meine Kinder tue – und auch nicht für meine Kinder, sondern für mich. Und wenn ich von der Uni zurück komme, kann ich es kaum erwarten, meine Kinder in die Arme zu schließen.

Die Balance ist es, die das Leben lebenswert macht.

In unserer Blogger Zone finden sich unsere Bloggerinnen und Blogger, die regelmäßig auf Operation Karriere von ihren Erfahrungen aus Studium und Praxis berichten.