Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 14: ATNR und ADHS.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov | Deutscher Ärzteverlag/privat

Meiner Meinung nach wird ADHS viel zu oft diagnostiziert. Es ist zu einer "Modekrankheit" geworden, und die steigende Prävalenz liegt womöglich vielmehr daran, dass Schulen für Kinder ungeeignet sind, als Kinder für Schulen. Wenn ich mir meine Kinder und deren Freunde ansehe, raufe ich mir die Haare bei der Vorstellung, dass diese Spielplatzraketen in ein paar Jahren stundenlang das tun müssen, was ihrer ungebändigten Natur am entferntesten ist: auf einer Stelle sitzen und zuhören.

Sehen wir uns zwei Beispiele an, bei denen vorschnell an ADHS gedacht wird, die aber gänzlich andere Gründe haben:

Ein Schüler ist der berühmte "Zappelphilipp". Kaum sitzt er an seiner Bank, fängt er an, mit den Füßen zu tippeln, auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Die Lehrerin schickt die Eltern mit Verdacht auf ADHS zum Kinderarzt. Da ihr Sohn im Kindergarten stundenlang im Stuhlkreis sitzen konnte, ohne "zappelig aufzufallen", wundert sich die Mutter sehr.

Ein Schüler schreibt bei Schreibübungen die ersten Wörter einer Zeile wunderschön, doch mit Fortschreiten der Zeile werden sie krakelig. In der nächsten Zeile wieder dasselbe – die ersten Wörter sind schön geschrieben, die letzten hingeschmiert. Die Konzentrationsspanne dieses Kindes muss ungewöhnlich kurz sein, denkt sein Lehrer – und schickt auch diesen Schüler mit Verdacht auf ADHS oder Legasthenie zum Kinderarzt.

Eine Alternativ-Diagnose gedanklich zulassen

Es fällt zugegebenermaßen schwer, in solchen Fällen nicht an ADHS zu denken. Doch seit dem Physiotherapieunterricht im Rahmen des Blockpraktikum Pädiatrie an der Uni weiß ich mehr und möchte dieses wertvolle Wissen teilen:

Der "Zappelphilipp" hatte in seiner Krabbelzeit vielleicht zu wenig Bodenkontakt. Denn durch Druck auf die Gelenke wird die Propriozeption ausgereift. Wer aus verschiedensten Gründen zu wenig Druck und Gewicht auf den Gelenken hatte (manche Säuglinge liegen wochenlang auf dem Rücken nach Operationen, manche krabbeln kaum, sitzen mehr und gehen dann sofort), dessen Propriozeption hatte wenig Zeit, um sich zu “kalibrieren”.

Der "Zappelphilipp" spürt seine Beine nicht, wenn er die Schulbank drückt. Im Stuhlkreis hat er sie sehen und mit den Händen spüren können und alles war gut. Aber in der Schule sitzt er an einem Tisch und sieht seine Beine nicht. Um sich zu vergewissern, dass sie noch da sind, muss er sie bewegen. Und das äußert sich zum Unleid seiner Lehrer durch Zappeln.

Und der Junge mit der krakeligen Schrift...kennt ihr die "Superman-Haltung"? So haben wir unseren Sohn genannt, wenn er als Säugling im Schlaf auf dem Rücken liegend einen Arm angewinkelt, einen ausgestreckt und den Kopf zum ausgestreckten Arm gewendet schlief. Eben wie Superman im Flug.

Bis besagter Physiotherapiestunde wusste ich nicht, dass das ein Reflex ist, der ATNR (asymmetrischer tonischer Nackenreflex). Dreht ein Säugling seinen Kopf zu einer Seite, streckt er den Arm derselben Seite aus und winkelt den anderen an. Ein frühkindlicher Reflex, der mit der Zeit verschwindet.

Sollte er zumindest. Doch aus verschiedensten Gründen bleiben manche der frühkindlichen Reflexe unterschwellig erhalten. Ein unterschwellig bestehender ATNR zum Beispiel kann beim Schreiben stören. Der Kopf folgt der schreibenden Hand und dreht sich nach rechts – der ANTR wird geweckt und will den rechten Arm ausstrecken. Natürlich streckt der Schüler seinen Arm nicht ganz aus, aber der er ist abgelenkt, was zu einem krakeligen Schriftbild führt.

Anstatt Kinder also auf Retalin zu setzen, ist ihnen sicher mehr geholfen, wenn der behandelnde Arzt ein wenig über den Tellerrand schaut.