Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 12: Zum Leben erweckt – meine Famulatur in der Anästhesie.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov

Zum Glück habe ich ein Krankenhaus gefunden, das in nur drei Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Und zum Glück war der September ungewöhnlich warm, sodass ich auch tatsächlich mit dem Fahrrad fahren konnte. So war es kein Problem, pünktlich um 7:30 Uhr zur Frühbesprechung der Anästhesisten, die mich liebevoll als Famulantin aufgenommen hatten, zu erscheinen.

Da meine zwei kleinen Lerchen stets gegen 06:00 Uhr aufwachen, bin ich das frühe Aufstehen gewöhnt. Ich habe keine andere Wahl, als um spätestens 06:30 Uhr aus den Federn zu kommen und zwar jeden Tag, auch am Wochenende. Daran hat sich also durch die Famulatur nichts geändert. Was allerdings anders war: Um genau 07:25 Uhr verließ ich das Haus und…. nach mir die Sintflut! Die Kinder anzuziehen, sie mit allen erdenklichen Tricks zum Zähneputzen zu überreden und sie mit noch viel größerer Geschicklichkeit dazu zu bringen, das Haus in Richtung Kindergarten zu verlassen – all das war nun nicht mehr meine Sorge, sondern Papas. Eine Erleichterung!

Mit einem Hauch der Freiheit radelte ich nun in die Klinik, hörte aufmerksam der Frühbesprechung zu und wurde dann einem der Ärzte als Anhängsel zugeteilt. Ich durfte bei der Vorbereitung der Narkose helfen, sprich EKG und Blutdruckmanschette anlegen, Zugang legen. Für mich, die wenig Erfahrung in der Klinik hat, eine dankbare Aufgabe. Ich durfte Patienten beatmen und sogar einige Male intubieren – bis ich dann nachmittags entlassen wurde und ohne Umwege zum Kindergarten radelte. Meistens verzichtete ich auf die Mittagspause, um meine Kinder früher abholen zu können. Hier habe ich gemerkt, was es heißt, zu arbeiten, während die Kinder im Kindergarten sind. Man hat keine Minute allein. Man funktioniert einfach. Arbeit, Kinder, Haushalt, schlafen. Am nächsten Tag: Arbeit, Kinder, Haushalt, schlafen. Manchmal bin ich abends länger aufgeblieben, aber das rächte sich dann mit exzessivem Gähnen am nächsten Tage.

Neue Eindrücke, neue Rolle – Selbstverwirklichung außerhalb der Familie

So anstrengend das klingt, es hat etwas Lebendiges. Obwohl die Famulatur mir nicht an allen Tagen Spaß gemacht hat, hatte ich nachmittags immer beste Laune, wenn ich Zeit mit meinen Kindern verbrachte. Ich freute mich darauf, mit ihnen zu spielen, war kreativer und ausgelassener als sonst. Wie kommt das?

Einerseits kam ich heraus aus der Komfortzone, die ich im letzten Beitrag beschrieben habe. Selbstverständlich ist es anstrengend, für zwei Kinder zu sorgen – von Komfort kann eigentlich nicht die Rede sein. Der Tagesablauf einer Mutter ist vollkommen fremdbestimmt, sie opfert viele Facetten ihres Lebens den Kindern, sie bemüht sich, sie sorgt sich und das Feedback, ob sie alles richtig macht, kommt erst in 20 Jahren.

Da ich diesen „Job“ schon seit vier Jahren mache, habe ich mich eingelebt und kenne mich aus. Der Alltag schleicht sich ein, es passiert wenig Neues. Zum Beispiel läuft man als Mutter Gefahr, recht einseitige Kontakte zu pflegen. Die Nachbarinnen im Hof, die Mütter im Kindergarten, die Freundin, die auch ein Kind hat. Mit all denen plänkelt man über Schlafenszeiten, Fernsehzeiten, Schokoladensüchtlinge und Erziehungs-Fauxpas. Kurzum, alles dreht sich um eines: Kinder.

In der Famulatur war ich dann in einer neuen Umgebung. Ich wurde mit völlig neuen Situationen und Herausforderungen konfrontiert, die mich zum Nachdenken brachten – nicht nur medizinisch, auch sozial. Klar, ich habe auch in meinem Mama-Alltag herausfordernde Situationen, zur Genüge! Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: In der Klinik wurde ich zum Nachdenken gebracht nicht über Erziehung, nicht über Kinder; ich strengte mich nicht für meine Kinder an, sondern für mich.

Was tun? Schaffe ich das?

Hier und da bekam ich Aufgaben, die die Verantwortung überstiegen, die ich mit meinem Wissen und Können eigentlich übernehmen kann. Was tun? Schaffe ich das? Hier und da gab es Krankenschwestern, denen es nicht passte, dass sich ein nichtsnutziger Student in ihre Arbeit einmischte und die sich absolut keine Mühe gaben, ihren Unmut zu verstecken. Was tun? Wie gehe ich damit um?

Die Famulatur hat mich persönlich weitergebracht, in einem Bereich, der nichts mit meiner Familie zu tun hat, sondern nur mit mir. Zuhause gibt es das nicht, zuhause definiere ich mich durch die Familie, hier war ich plötzlich ich – ich allein – in einer völlig neuen Rolle. Und das ist es, was „zum Leben erweckt” wurde. Ein kleiner Teil von mir, der im Mama-Alltag nur zurücksteckt, wurde lebendig.

Am Ende kommt es natürlich auch den Kindern zugute, eine in ihrer persönlichen Entwicklung nicht stagnierende, sondern eine sprühend lebendige Mutter genießen zu dürfen.

Alles in Maßen. Für einen Monat ist eine Famulatur machbar, zumal die Ärzte wirklich viel Verständnis hatten und ich nicht immer bis zum bitteren Ende bleiben musste. Aber auf die Dauer wäre eine Halbtagsstelle ideal. Denn es bringt leider nichts, eine sprühend lebendige Mutter zu haben, die man nur am Wochenende zu Gesicht bekommt...

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