Auswendig lernen im Medizinstudium: die besten Tipps vom Gedächtnis-Weltrekordhalter

Du sitzt wieder vor einem Haufen medizinischen Lernstoffs und hast keine Ahnung, wie du dir das alles jemals merken sollst? Und ein bisschen mehr Freizeit und weniger Prüfungsdruck wären auch nicht schlecht? Mit den richtigen Lerntechniken ist das kein Problem mehr. Wir sprachen mit Fabian Saal, Arzt und Gedächtnis-Weltrekordhalter, wie du wieder Spaß am Lernen im Studium bekommst und warum Techniken wie ein Gedächtnispalast so sinnvoll sind.

Herr Saal, das Medizinstudium hat den Ruf, sehr lernintensiv zu sein. Sie sind selbst auch Mediziner. Wie haben Sie das Lernen im Studium empfunden?

Fabian Saal: Prinzipiell genau so: Es ist ein recht schwieriges Studium. Ich habe vor dem Medizinstudium Biologie studiert und kann das gut vergleichen. Das ist mir zugutegekommen, da ich dort schon mein Lernverhalten kennenlernen durfte, auch wie ein Studium so abläuft. Da war der Sprung vom Abitur zum Medizinstudium nicht so groß, wie er bei manch anderen vielleicht ist. Aber ich kann schon bestätigen, dass es ein sehr lernintensives Fach ist, man muss sehr viel auswendig lernen.

Welchen Unterschied gibt es beim Lernen zwischen dem Medizinstudium und anderen Studiengängen?

Fabian Saal: Also ich kann zum Vergleich nur mein Biologiestudium heranziehen. Dort muss man natürlich auch relativ viel lernen, aber im Medizinstudium ist es dann – auch in der kurzen Zeit – viel, viel mehr. Im Biologiestudium hätten viele bei der Stoffmenge wahrscheinlich gesagt: „Das geht nicht, das ist zu viel, wir müssen Klausuren verschieben.“ Aber im Medizinstudium ist das ganz selbstverständlich. Es gibt ja auch diesen Witz, dass man Medizinstudierenden auch einfach ein Telefonbuch hinlegt und sie das ungefragt auswendig lernen. Es gibt sicherlich auch noch andere intensive Studienfächer, keine Frage. Aber Medizin ist eines der schwierigsten Fächer, auch im Bereich des Auswendig-Lernens, da die Stoffmenge einfach so enorm groß ist. 

Welche Themen sind im Medizinstudium im Vergleich zu anderen besonders schwer zu lernen?

Fabian Saal: Schwer sind für viele Studierende beispielsweise Themen wie Biochemie und viele fürchten sich auch vor den naturwissenschaftlichen Fächern. Manche Fragen sich vielleicht auch, ob sie überhaupt Medizin studieren können, wenn sie gar nichts mit Physik oder Chemie am Hut haben. Da kann ich nur sagen: Ja, das geht auf jeden Fall. Man fängt bei null ein, wahrscheinlich lernt man Inhalte aber schneller als in der Schule. Man arbeitet alles ab und kann auch mit keinen oder wenig Vorkenntnissen gut durch das Medizinstudium kommen.

Für viele ist wohl auch Anatomie eine Herausforderung. Da kann man sich manches nicht einfach irgendwie herleiten, sondern muss es tatsächlich stupide auswendig lernen. Allein schon die Fülle der ganzen Muskeln, Nerven und Verläufe sind da eine Hausnummer. Im Medizinstudium geht es oft nicht darum, Dinge zu verstehen. Häufig ist viel Detail- und Faktenwissen gefragt, das man sich einprägen muss. Da reicht es nicht, wie im Biologiestudium, einfach nur einmal den Citratzyklus zu lernen. Dafür braucht es mehr. Natürlich ist es auch immer eine individuelle Frage. Die Einen finden das Fach spannender und können es leichter lernen, die Anderen das andere.

Wie ändert sich das Lernpensum im Verlauf des Studiums?

Fabian Saal: Das kommt auch oft auf die Lehrpläne der Universitäten an. Manche haben beispielsweise Anatomie und Biochemie zusammen, das ist dann ein besonders intensives Semester. Aber überall wird es gerade vor den Examina hart: der Druck, die Anspannung, die Stoffmenge, die man zu einem Zeitpunkt parat haben muss. Gerade das Physikum ist für viele die allergrößte Hürde. In der Klinik wird es dann etwas leichter, wenn man das Physikum bestanden hat, auch weil man das Lernen schon gelernt und sich selbst mehr strukturiert hat.

Wie beliebt ist gerade zu den Examina das Bulimie-Lernen? Also in kürzester Zeit viel Stoff lernen, den man sich aber nicht lange merken kann.

Fabian Saal: Das ist auf jeden Fall sehr beliebt oder vielleicht besser gesagt eher unbeliebt, aber man kommt kaum darum herum. Und viele wissen nicht wirklich, wie sie anders an die großen Stoffmengen rangehen sollen. Vielen geht es so, dass sie unglaublichen Zeitdruck haben und sich alles schnell in den Kopf prügeln. Gefühlt drei Tage nach dem Examen ist das Wissen dann schon wieder weg. Ich kenne das auch, habe dann aber Lerntechniken verwendet, um das Wissen auch langfristig im Gedächtnis behalten zu können.

Welche Lerntechniken gibt es?

Fabian Saal: Da gibt es viele unterschiedliche. Die meisten sind schon mal mit Eselsbrücken, Merksprüchen oder Akronymen in Kontakt gekommen. Das sind die bekanntesten. Die Techniken, die ich auch am meisten angewendet habe, sind die sogenannten Mnemotechniken. Dabei handelt es sich um bildhaftes, gehirngerechtes Lernen. Für Ziffern eignen sich gut Zahl-Bild-Systeme, bei denen man einfach die Ziffern in Bilder umwandelt und damit Geschichten bastelt.

Eine Technik, die ich auch in meinem Studium besonders häufig verwendet habe, ist die Loci-Methode, auch bekannt als Gedächtnispalast. Wer die BBC-Serie Sherlock gesehen hat, hat das auch schon gehört. Die meisten Techniken beruhen darauf, dass man sich Sachen in Form von Bildern merkt. Bei Gedächtnispalästen packt man die Dinge also einfach in einen Raum, den man selbst kennt, verbildlicht das Wissen und legt es in diesen Raum ab. Was häufig missverstanden wird: Beim Gedächtnispalast hat man nicht nur einen großen Palast oder ein großes Gebäude. Vielmehr nutzt man viele kleine Räume, viele Gedächtnispaläste. Das kann die eigene Wohnung sein, ein Ort auf dem Campus oder ein kleines Café. Am besten funktioniert es, wenn man seine eigenen Räume benutzt, die man gut kennt oder die Räumlichkeiten, die wir zum Beispiel in unseren Merkvideos verwenden, die man dann nicht selbst im Vorfeld kennen muss. Das kann assoziativ sein, also beispielsweise kann man sich das Thema Muskeln bildlich im Anatomie-Saal ablegen, muss aber nicht. Eigentlich geht jeder Raum für jedes Thema.

Lerntechniken für das Medizinstudium: 5 Fakten zu Gedächtnispalästen

  1. Wissen gedanklich in Räumen und Bildern ablegen: Daran erinnert sich unser Gehirn besonders gut.
  2. Am besten funktioniert der Gedächtnispalast mit Räumen, die man selbst gut kennt (z.B. die eigene Wohnung, ein Ort auf dem Campus usw.).
  3. Gedächtnispaläste eignen sich besonders für große Mengen an Lernstoff.
  4. Mit Gedächtnispalästen sparst du enorm Zeit, da du weniger wiederholen musst und die Lerninhalte deutlich schneller im Langzeitgedächtnis abspeicherst als mit dem „normalen“ Auswendiglernen.
  5. Das Lernen mit Gedächtnispalästen ist eine Abwechslung und macht Spaß, so kannst du dir Wissen viel langfristiger merken.

Unser Gehirn kann sich Bilder sehr gut merken, deswegen ist die Grundlage immer auf Bildern aufgebaut. Egal welche Lerninhalte man hat: Man wandelt diese in Bilder um und baut sich damit eine Geschichte oder einen Gedächtnispalast. Der Vorteil ist, dass man sich das Wissen viel, viel länger einprägen kann. Und es macht dabei auch noch Spaß, wenn man sich lustige Geschichten überlegt.

Welche Lerntechnik ist Ihnen persönlich am liebsten bzw. welche nutzen Sie am häufigsten?

Fabian Saal: Ich habe bestimmt zu über 90 Prozent die Loci-Methode oder Gedächtnispaläste angewendet. Immer dann, wenn es darum ging, etwas auswendig zu lernen.

Und welche Lerntechniken sind für das Medizinstudium besonders sinnvoll?

Fabian Saal: Wenn ich eine empfehlen müsste, dann definitiv die Gedächtnispaläste bzw. die Loci-Methode. Auch Gedächtnissportler, die sich unter Zeitdruck Ziffern einprägen müssen, nutzen zu 99 Prozent genau diese Gedächtnispaläste. Wenn es noch etwas Besseres gäbe, um sich in möglichst kurzer Zeit möglichst langfristig und effizient Sachen einzuprägen, dann wüssten es die Gedächtnissportler als erstes und würden diese Technik dann nutzen. Wenn man also möglichst viel, möglichst schnell und möglichst langfristig lernen will, kommt man an Gedächtnispalästen nicht vorbei.

Was muss man mitbringen, um diese Techniken lernen zu können?

Fabian Saal: Im Grunde kann das jeder lernen. Von Vorteil ist es, wenn man sich Sachen wie die Räume für Gedächtnispaläste gut vorstellen kann. Förderlich ist es auch, kreativ zu sein, weil die Techniken oft auf Kreativität beruhen. Ich habe aber auch schon Menschen im Coaching gehabt, bei denen Kreativität nicht so ausgeprägt war. Aber selbst dann funktioniert es. Anfangs können sich diese Menschen vielleicht etwas schwerer tun und es geht langsamer voran. Ich war früher auch nicht unbedingt kreativ. Aber das ist auch der Vorteil der Lerntechniken: Man wird durch das Anwenden auch in anderen Bereichen kreativer. 

Das größte Problem an den Techniken ist eher der Start: Am Anfang muss man eine gewisse Hürde überwinden, man muss sich Räume überlegen, man muss Wissen in Bilder umwandeln. Einigen dauert das zu lang, dann lernen sie doch lieber auswendig. Wenn man das aber ein wenig übt, ist es wie beim Fahrradfahren. Vielleicht fällt man anfangs ein oder zwei Mal hin. Aber wenn man es kann, düst man damit los und ist viel schneller als alle anderen am Ziel. Man braucht also die Motivation, die Techniken umzusetzen, anzuwenden und dranzubleiben.

Wann haben Sie angefangen, sich mit Lerntechniken zu beschäftigen?

Fabian Saal: Das ist eigentlich das Lustige. Ich habe von Grund auf ein schlechtes Gedächtnis. Das glauben viele gar nicht. Genau das war der Auslöser. Meine Schwester hat sich ein Gedicht zwei Mal durchgelesen und konnte es auswendig. Ich habe es mir gefühlt 100 Mal durchgelesen und hatte am nächsten Tag schon wieder die Hälfte vergessen. Wenn ich keine Lerntechniken anwende, dann geht Wissen bei mir auf einem Ohr rein und auf dem anderen direkt wieder raus. Im Fernsehen habe ich dann einen Gedächtniskünstler gesehen, der sich unglaublich viele Zahlen merken konnte und meinte, dass alles nur auf Techniken beruhe. Das hat mich direkt angefixt. Ich habe noch ein Buch dazu gelesen und die Techniken ausprobiert. Vorher konnte ich mir keine Handynummer merken, aber plötzlich konnte ich mir ohne Probleme 200 Ziffern einprägen. Das hat mich noch mehr motiviert und durch den kompetitiven Charakter bin ich auch zum Gedächtnissport gekommen. Mittlerweile habe ich auch zwei Gedächtnisweltrekorde aufstellen können. Das bereitet mir noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie schwer ich mich früher mit dem Lernen getan habe und wie weit man mit diesen Lerntechniken kommen kann.

Sie haben die Lernplattform „HappyHippocampus“ gegründet. Was genau ist das?

Fabian Saal: Das hat sich schon während des Studiums entwickelt. Meine Frau und ich haben einen YouTube-Kanal gestartet und ein paar erste Beispiel-Merkvideos hochgeladen. Heute produzieren wir mit HappyHippocampus effektive Merkvideos, bei denen wir die Lerntechniken, besonders eben die Loci-Methode bzw. Gedächtnispaläste, konkret am medizinischen Lernstoff anwenden und damit das Lernen im Medizinstudium revolutionieren wollen, wobei wir auch gerne von der „Lernrevolution“ sprechen. Unser Anspruch ist es, dass man nirgendwo Themen für das Medizinstudium schneller lernen kann als mit einem Merkvideo von uns. Man schaut sich diese Videos an und hat das Wissen danach langfristig parat. Man muss gar nicht wissen, was Gedächtnispaläste sind, wir bauen Räume vor und animieren sie oder denken uns schon Geschichten aus. In diesen Videos steckt meine ganze Fachexpertise der letzten 15 Jahre zu den Lerntechniken.  Das Tolle: Schon mehrere 1000 Medizinstudierende haben Biochemie und Anatomie erfolgreich mit unseren Merkvideos gelernt! Denn ich habe für mich gemerkt: Die Erfahrungen, die ich über 15 Jahre mit den Lerntechniken gemacht habe, möchte ich gerne weitergeben. Jeder kann sich diese Lerntechniken aneignen und ein gutes Gedächtnis antrainieren. Denn es ist einfach faszinierend, was jeder aus seinem Gedächtnis rausholen kann. Das ist keine Hexerei. Es wäre einfach schade gewesen, wenn das Wissen in irgendeiner Schublade verschwindet, ich irgendwo in der Klinik lande und die ganzen Studierenden davon nichts haben. So ist „HappyHippocampus“ entstanden. „Happy“ steht für das glückliche Lernen und der Hippocampus spielt beim Langzeitgedächtnis eine Rolle. 

HappyHippocampus ist eine Online-Plattform. Wie hat die Corona-Krise das Nutzerverhalten beeinflusst? Schließlich waren in dieser Zeit auch die Studierenden öfter online unterwegs. 

Fabian Saal: Dadurch, dass wir vorher auch schon gewachsen sind und jetzt noch wachsen und an Reichweite gewinnen, ist es schwer zu sagen, was ein Effekt von Corona und was normales Wachstum war. Ich glaube aber auch, dass es einen positiven Effekt hatte, weil durch Corona auch das Lernen viel mehr online stattfand und sich Studierende vielleicht viel mehr Videos online angeschaut haben. Da wir in Zukunft eben auch noch weiter wachsen wollen und noch viel schneller und viele weitere Merkvideos produzieren wollen, suchen wir auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sowohl Medizinstudierende als auch Leute, die schon fertig mit ihrem Medizinstudium sind, die uns bei unserer Vision unterstützen.

Wie ist das Feedback der Nutzer?

Fabian Saal: Durchweg positiv. Manche Nutzer sagen vielleicht: „Das ist aber etwas cringe oder kitschig gemacht.“ Denen gebe ich absolut recht. Vieles ist bewusst genau so gewählt. Überall, wo Emotionen involviert sind und unsere Sinne wecken, brennt sich das umso besser in unser Gehirn ein. Man muss sich also erst ein wenig auf dieses Bildliche, manchmal Verrückte und Lustige, einlassen. Einfach mal ausprobieren. Wer sich einen Eindruck machen möchte, wie schnell man sich Fakten in Biochemie oder Anatomie mit so einem Merkvideo von HappyHippocampus merken kann, kann sich gerne einmal diese Videos auf unserem YouTube-Kanal zu Citratzyklus, Plexus brachialis und Co. anschauen.

Wenn man es nicht versucht und einmal ausprobiert, verpasst man diesen fantastischen Effekt, wie gut es tatsächlich funktioniert. Das ist also mein Appell an alle Medizinstudierenden: Versucht es einfach. Das kann euch einfach so viel Zeit und Nerven sparen.

Der Experte

Fabian Saal ist Arzt, Molekularbiologe und Gedächtnis-Weltrekordhalter. Zusammen mit seiner Frau Felicitas Saal, Ärztin, Coach und ehem. Gedächtnistrainerin, gründete er die Online-Lernplattform „HappyHippocampus“ für Medizinstudierende.

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