Auslandssemester in Ungarn: Andere Länder, andere Sitten

Eva Kettig hat es für ihren Erasmus-Aufenthalt zufällig gen Osten verschlagen. Budapest entpuppte sich als perfektes Ziel, auch wenn das ungarische „Dankesgeld“ der Patienten irritierend für sie war.

Donaubrücke Budapest

Eva Kettig hat es für ihren Erasmus-Aufenthalt nach Budapest verschlagen. | Pixabay

Ungarn? Warum denn das? Diese Frage hörte Eva Kettig von vielen Kommilitonen in Deutschland, als sie erzählte, wohin für sie die Erasmus-Reise geht. Und auch für sie war es ein „Sprung ins kalte Wasser“. Eine Woche vor Abflug hatte sie im Fernsehen eine Dokumentation über Ungarn gesehen. Ansonsten wusste die 24-Jährige im Vorfeld nicht viel über das Land, in dem sie die nächsten fünf Monate verbringen würde.

Von Tag eins an entpuppte sich Budapest jedoch als idealer Ort, um dort ein Semester zu studieren und zu leben. „Die Stadt ist wunderschön und sehr international. Und sowohl die Budapester als auch die vielen ausländischen Studenten, die in die Stadt kommen, sind sehr offen“, sagt die Medizinstudentin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Die Ungarn lieben die Deutschen. Deutschland ist für sie eine Art gelobtes Land. Viele wollen irgendwann bei uns leben. Deshalb wird man als Deutsche sehr herzlich aufgenommen.“

Mit offenen Armen empfangen

Auch an der Semmelweis-Universität, wo Kettig studierte, empfing man die Fränkin mit offenen Armen. Es gibt dort eine aktive Gruppe von Studenten, die sich um die ausländischen Studenten kümmert. Sie organisieren Stadtrallyes, nehmen Neuankömmlinge mit auf Partys, zeigen ihnen die schönsten Kneipen der Stadt und sind Ansprechpartner, wenn im Unialltag mal etwas hakt. Das Medizinstudium in Ungarn unterscheidet sich inhaltlich kaum vom deutschen und ähnelt dem Studieren in problemorientierten Lerngruppen: „Stand das Thema Augenheilkunde auf dem Lehrplan, wurden Patienten mit Erkrankungen wie Bindehautentzündungen oder Hornhautentzündungen aufgesucht“, erläutert Kettig. Auf intensiven und frühen Patientenkontakt wird in der ungarischen Ausbildung viel Wert gelegt. Ab dem fünften Semester sei er fest ins Studium integriert, erzählt Kettig. „Für einige Studierende war es ungewohnt, so früh mit den Patienten in Kontakt zu kommen. Ich war davon aber sehr positiv überrascht. Man bekommt intensive Eindrücke.“

Kettig tauchte in Budapest sogar noch tiefer in die medizinische Praxis ein. Am Ende ihres Aufenthaltes absolvierte sie auf eigene Initiative noch Blockpraktika in den Fächern Urologie, Orthopädie und Innere. Als einzige Studentin begleitete sie das jeweilige Ärzteteam zu Visiten und Untersuchungen. In der Orthopädie hat sie es dabei besonders gut angetroffen. „Die Atmosphäre im Team war sehr gut, und ich war in viele Abläufe integriert. Ich wurde regelmäßig an den OP-Tisch gerufen und durfte sogar selbst nähen.“ Ein Sprachproblem gab es weder innerhalb noch außerhalb des Universitätsalltags. Viele Ungarn sprechen hervorragend deutsch, gerade die ältere Generation. Und da die Stadt so international ist, „kann auch fast jeder Englisch“. Das Studium absolvierte Kettig komplett in englischer Sprache, eine Option, die ausschlaggebend für ihre Bewerbung in Budapest war. In der Klinik versuchte sie sich ab und an mit ungarischen Wortfetzen durchzuschlagen.

Ein Assistenzarzt verdient nur 330 Euro netto

Irritiert war Kettig allerdings über eine besondere Eigenart des Gesundheitswesens in Ungarn. Patienten zahlen den Ärzten dort eine Art Dankesgeld. Es ist eine Praxis, die seit vielen Jahren in der Kritik steht, aber bis heute Alltag ist. „Nach einer Behandlung geben sich Arzt und Patient die Hand und einige Forint-Scheine wechseln den Besitzer. Das hat schon Mafia-ähnliche Züge.“ Nicht nur Kettig steht dieser Sitte ablehnend gegenüber, selbst die einheimischen Ärzte sind keine Freunde der Praxis. „Niemand, mit dem ich über das Dankesgeld gesprochen habe, findet es gut. Aber Ärzte verdienen in Ungarn so wenig, dass sie von ihrem Gehalt nicht leben können. Deshalb nehmen sie es an.“ Ein Assistenzarzt verdiene nur 330 Euro netto im Monat. Und das, obwohl das Leben in Budapest nicht viel billiger ist als in einer größeren deutschen Stadt. Auch wer auf der Karriereleiter schon hochgeklettert ist, für den ist das Arztsein – zumindest aus materieller Sicht – kein Traumberuf. „Einer der Professoren erzählte mir, dass er gerade einmal 1  100 Euro netto im Monat hat. Dabei konnte er Auslandserfahrung und einen Ehrendoktor vorweisen.“

Der geringe Verdienst der Ärzte führt dazu, dass viele eine Doppelbelastung stemmen. Sie arbeiten sowohl im staatlichen Gesundheitswesen als auch im privaten Sektor. „Nach einer 24-Stunden-Schicht im Krankenhaus noch zum Dienst in der Privatpraxis anzutreten, ist für einen ungarischen Arzt keine Seltenheit.“ Noch gravierendere Auswirkungen hat die dürftige Honorierung der ärztlichen Leistung in der Patientenversorgung. „Wer viel zahlt, bekommt auch eine bevorzugte Behandlung. Desto weniger Menschen liegen beispielsweise mit auf seinem Zimmer.“ Da nicht jeder Geld zu viel hat, um es den Ärzten – und auch den Schwestern – zuzustecken, werde das Dankesgeld auch in Naturalien bezahlt. Ein Patient, beobachtete Kettig, brachte einen Sack Walnüsse mit in die Klinik.

Es gibt das, was verfügbar ist

Nicht nur durch die Eigenart des Dankesgeldes ist Kettig bewusst geworden, dass Deutschland in Sachen Medizin ein Luxus-Umfeld bietet. „In Deutschland bekommt jeder Patient, was er braucht. In Ungarn gibt es das, was verfügbar ist.“ Spezielle Medikamente müssten regelmäßig aus dem Ausland besorgt werden. Und auch bei Themen wie Mehrbettzimmer (8er-Zimmer sind nicht selten) und Wartezeiten (sechs Stunden ist die Regel) seien die Deutschen sehr verwöhnt.

Der Aufenthalt in Ungarn hat Kettig gleichermaßen wachgerüttelt wie begeistert. Und sie ist sich sicher, dass sie nicht das letzte Mal als Medizinerin im Ausland war. Gerade plant die Studentin eine Famulatur in Ecuador, und einen Teil ihres praktischen Jahres möchte Kettig in Südafrika verbringen. „Und später arbeite ich vielleicht mal für Ärzte ohne Grenzen.“

Quelle: Dieser Aritkel ist erschienen in: Medizin studieren, 3/2014, S.12

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