ArbeiterKind.de – Wegbereiter für Studenten der ersten Generation

Der Weg ins Medizinstudium ist voller Fragen: Wie bekomme ich einen Studienplatz? Wie finanziere ich mein Studium? Und ist das überhaupt etwas für mich? Abiturienten aus Akademikerfamilien bekommen da meistens Hilfe von ihren Eltern. Doch wenn die Eltern nicht studiert haben, steht man oft allein da. Hier will die Organisation ArbeiterKind.de Hilfe bieten.

Bei ArbeiterKind.de engagieren sich inzwischen rund 6.000 Freiwillige. Unter anderem ist die Initiative auf Bildungsmessen (hier: Hochschulinformationstag Rostock) vertreten. | ArbeiterKind.de / Doreen Löffler

Die Zahlen sprechen noch immer eine deutliche Sprache: Von 100 Grundschulkindern aus nicht-akademischen Familien nehmen 21 später ein Studium auf, acht schließen ihr Studium mit einem Master ab, nur eines promoviert. Das ist das Ergebnis des Hochschulbildungsreports 2017/18, der vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V. und der Unternehmensberatung McKinsey&Company erarbeitet wurde. Zum Vergleich: Bei Kindern mit mindestens einem akademisch gebildeten Elternteil sehen die Zahlen ganz anders aus. Hier nehmen fast 75 Prozent ein Studium auf, fast jeder zweite erreicht den Masterabschluss und jeder Zehnte hat am Ende einen Doktortitel.

Wer als erster in seiner Familie studiert, zählt also an der Uni immer noch zu den Exoten. Vor allem der Einstieg ins Studium hat es in sich – und die Uni selbst erleben Studenten der ersten Generation häufig wie eine ganz andere Welt. Lena B., Medizinstudenten aus Münster, hat ihre Erfahrungen mit uns geteilt.

Sie haben als erste in Ihrer Familie ein Studium aufgenommen. Wie haben Sie sich vor Studienbeginn informiert?

Lena B.: Das Informationsangebot meiner Schule war ziemlich mau – ich musste selbst aktiv werden. Es gab auch niemanden, der mir da einen Schubs gegeben hat – die Motivation, Medizin zu studieren, kam aus mir selbst. Auf dem Hochschulinformationstag 2013 in Bochum habe ich mir dann das Medizinstudium angesehen und bin auch zum ersten Mal mit ArbeiterKind.de in Kontakt gekommen. Ich wollte eigentlich in Bochum studieren – ich stamme aus Dortmund und dachte, es wäre finanziell günstiger, weiter bei meinen Eltern zu wohnen und zu pendeln. Über Möglichkeiten der Studienfinanzierung wie BAföG oder Stipendien wusste ich gar nichts – davon habe ich erst bei ArbeiterKind.de erfahren. Das hat mir dann ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Wie hat Ihre Familie reagiert?

Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Aber andere Verwandte, zum Beispiel meine Großtante, waren schon überrascht, dass ich nach dem Abi keine Ausbildung angefangen habe. Da hieß es dann: „Du verdienst ja dann auch erstmal noch lange kein Geld und liegst Deinen Eltern auf der Tasche!“. Inzwischen habe ich aber ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und meine Eltern müssen mich nicht mehr so viel unterstützen, sondern können jetzt öfter in den Urlaub fahren, das ist schon ein sehr gutes Gefühl.

ArbeiterKind.de wurde im Jahr 2008 gegründet und schon vielfach mit Engagementpreisen ausgezeichnet. Inzwischen engagieren sich rund 6.000 Ehrenamtliche in 75 lokalen Gruppen. Sie bieten offene Treffen, Sprechstunden, Mentoring und Informationsveranstaltungen an Schulen, Universitäten und auf Bildungsmessen an. Das Angebot richtet sich nicht nur an Medizinstudenten, sondern an Studierende und Studieninteressierte aller Fachrichtungen.

Welche Rolle spielt denn die Herkunft, also der Beruf der Eltern, beim Studienbeginn überhaupt noch?

Der Beruf der Eltern spielt schon noch eine Rolle – vor allem kurz nach dem Abi spricht man darüber, wenn man sich an der Uni neu kennenlernt. Die Eltern meiner Kommilitonen waren häufig zum Beispiel Arzt, Richter oder Journalist – jedenfalls hatten sie akademische Berufe. Ich habe dann erzählt, dass mein Vater Metallarbeiter ist und meine Mutter halbtags als Bürokauffrau arbeitet. Dann waren die anderen erstmal still, weil sie damit nichts anfangen konnten. Ein anderer Punkt ist, dass „Vitamin B“ sehr wichtig ist – also, die richtigen Beziehungen zu haben. Viele Kommilitonen von mir haben zum Beispiel ein super Pflegepraktikum gemacht, weil ihre Väter irgendwo Chefarzt sind und entsprechende Verbindungen haben. Die waren dann schon bei ihrem Pflegepraktikum mit im OP oder sind mit den Ärzten mitgelaufen – das hatte ich nicht, auch wenn man trotzdem viel durch Eigeninitiative erreichen kann. Auch später bei Famulaturen hilft es, Kontakte zu haben – da sind die Studierenden, die jetzt in dritter Generation Arzt werden, einfach im Vorteil gegenüber denjenigen, die sich ohne Beziehungen einfach so bewerben.

Hatten Sie den Eindruck, dass Ihre nicht-akademische Herkunft das Studium für Sie schwieriger gemacht hat?

Das Wissen, das man sich aneignen muss, ist ja für alle gleich. Insgesamt braucht man als Arbeiterkind vielleicht etwas mehr Willen und Motivation dafür. Ein Unterschied ist aber der allgemeine Arzt-Habitus – das Selbstverständnis und die Art, wie man sich auch in der „besseren Gesellschaft“ bewegt: Zum Beispiel, als ich zum ersten Mal auf dem Mediziner-Ball an unserer Fakultät war – mit Standard-Tanz und Drei-Gänge-Menü: Da habe ich schon gemerkt, dass das nicht so ganz meine Welt ist. Auf so einem Parkett kann man sich vielleicht leichter bewegen, wenn man das schon als Kind mitbekommt und vielleicht auch öfter zu solchen Veranstaltungen mitgenommen wird. Bei meiner Familie gab es zu feierlichen Anlässen immer Kartoffelsalat und Würstchen – das ist einfach etwas anderes.

Haben Sie sich diesen akademischen Habitus denn inzwischen angeeignet oder fühlen Sie sich eher weiter als ein Teil der bodenständigen, nicht-akademischen Welt?

Inzwischen lebe ich wohl in zwei parallelen Welten. In Münster habe ich natürlich mehr mit der akademischen Welt zu tun und habe mir viele dieser Dinge inzwischen angeeignet. Sobald ich in Dortmund bin, bin ich dann wieder ein Teil der Familie und der Welt von früher. Allerdings habe ich zu den Schulfreunden nicht mehr so viel Kontakt. Wenn ich da mal von meinem Leben erzähle, ist es für die anderen kaum vorstellbar, dass ich jetzt mit meiner Doktorarbeit anfange und ein Auslandssemester gemacht habe – das ist ja alles für Medizinstudenten ganz normal. Meine Eltern sind auch eher einfache Leute und wundern sich, wenn ich mal Fremdwörter benutze – aber alles sehr liebevoll. Sie sind schon sehr stolz auf mich und lassen sich inzwischen auch mal was von mir erklären.

Welche Vorteile haben Sie denn durch ihre nicht-akademische Herkunft?

Ich kenne ja inzwischen beide Welten und kann ganz gut dazwischen wechseln. Ich schaue vielleicht weniger auf die Patienten herab, wenn sie aus einfachen Verhältnissen kommen und nicht so gebildet sind – und wenn ein Patient mal laut und ausfallend wird, kann ich als Arbeiterkind anders auf ihn eingehen und zurückschimpfen. Ich habe da vielleicht auch weniger Berührungsängste und kann die Sorgen der sozial schwächeren Menschen besser verstehen. Außerdem weiß ich, dass mein Erfolg auf meiner eigenen Leistung beruht – das macht mich schon auch stolz. Man muss manchmal mehr tun, wenn man Arbeiterkind ist – es sollte aber nicht genutzt werden, um sich selbst nur in einer Opferrolle zu sehen. Wichtig ist, dass man sich nicht abkapselt, sondern eben auch voneinander lernt.

Im Verein „Aufklärung gegen Tabak e.V.“ bieten Medizinstudenten an vielen Fakultäten ein Wahlfach an, in dem angehende Ärzte lernen, ihre Patienten bei der Rauchentwöhnung zu unterstützen. Was der Verein noch alles macht, erklärt Vorstandsmitglied Fabian Buslaff im Interview.

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Welche Unterstützung bietet ArbeiterKind.de Studenten der ersten Generation?

ArbeiterKind.de möchte das leisten, was Schüler und Studenten aus nicht-akademischen Haushalten nicht so greifbar in ihrer Nähe haben. Die Ehrenamtlichen waren häufig selbst in dieser Situation – entsprechend können sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus Rat und Hilfe anbieten. Zum Beispiel gibt es in vielen Städten Stammtische, bei denen man sich austauschen kann – aber bei einzelnen Fragen kann man uns auch einfach eine Mail schicken. Wir sind auch auf Bildungsmessen präsent, und wir halten Vorträge oder Unterrichtsstunden an Schulen, wo wir auch die Fragen der Schüler beantworten. Ein wichtiges Thema ist die Studienfinanzierung – und wenn man dann mit den Fragestellern über Stipendien oder BAföG spricht, eröffnet man ihnen ganz neue Möglichkeiten. Da kommen oft noch viele Rückfragen – gerade auch zum Fach Medizin. Ich weiß zum Beispiel, dass ich mindestens vier Leuten den Weg ins Medizinstudium geebnet habe, das ist schon ein tolles Gefühl. Wir haben online auch noch ein Arbeiterkind-Netzwerk, das wie ein großes Intranet funktioniert – da gibt es verschiedene Gruppen, bei denen Leute Fragen stellen können. Und da findet sich dann jemand, der sich mit dem Problem auskennt und helfen kann.

Sie sind unter anderem auch als Mentorin engagiert – wie läuft das ab?

Ich betreue eine andere Medizinstudentin, die jetzt im dritten Semester ist und die ich schon seit ihrer Schulzeit kenne. Sie wollte Medizin studieren und ich habe ihr erklärt, wie das Studium aufgebaut ist. Dann habe ich sie auch in eine Vorlesung mitgenommen, damit sie ein bisschen Uni-Luft schnuppern konnte. Und ich habe ihr von meinen Erfahrungen im Bundesfreiwilligendienst erzählt – da habe ich bei einem Rettungsdienst gearbeitet. Wie man das Mentoring gestaltet, ist jedem selbst überlassen. Ich habe ihr auch bei der Bewerbung an der Uni und bei der Bewerbung um ein Stipendium geholfen. Im Wesentlichen geht es darum, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben und den Schülern und Studienanfängern dadurch neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Da übernehmen wir Aufgaben, für die in akademischen Familien vielleicht die Eltern da sind. Wenn man zum Beispiel zum ersten Mal im Leben den BAföG-Antrag sieht, kann einen das schon überfordern – und die Eltern von Arbeiterkindern wissen da auch manchmal nicht weiter. Da helfen wir dann.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.