Das Praktische Jahr: Kein rechtsfreier Raum

Details sind klar geregelt

„Auch Details sind relativ klar geregelt, aber die Tätigkeit wird sehr individuell gehandhabt (je nach Krankenhaus und Abteilung)“, erklärte Käsmann im Februar im Rahmen des Kongresses „Operation Karriere“ des Deutschen Ärzteverlages in Frankfurt/Main. Dort verwies er auf die Stellungnahme von Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung von 2008 zu den „Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen“, die sich zwar nicht explizit an Studierende richtet, sondern generell an nicht ärztliches Personal. Dennoch würden PJ-Studierende als noch nicht approbierte Ärzte davon erfasst. „Der Student im PJ ist noch kein Arzt!“, sagt Käsmann. „Unter ärztlicher Anleitung und Aufsicht dürfen Studierende einige ärztliche Tätigkeiten ausführen, andere muss der Arzt höchstpersönlich verrichten. Festgeschrieben ist, dass der PJler nur Tätigkeiten übernimmt, die seine/ihre Ausbildung fördern!“

Konkret heißt es in dieser Stellungnahme, dass ärztliche Leistungen, die nicht höchstpersönlich erbracht werden müssen, grundsätzlich an nichtärztliche Mitarbeiter delegiert werden dürfen. Diese müssen entsprechend der jeweiligen Qualifikation dafür geeignet erscheinen (Auswahlpflicht). Ferner müssen sie vorher angelernt werden, damit sie die Aufgaben selbstständig vornehmen können (Anleitungspflicht). Und auch während der Tätigkeit besteht noch eine Überwachungspflicht, die sich jedoch auf Stichproben beschränken kann. Der delegierende Arzt kann demnach rechtlich belangt werden, soweit ihm die Verletzung seiner Pflichten nachgewiesen werden kann. Dies schließt nicht eine gegebenenfalls entstehende Schadensersatzpflicht des Studierenden aus, wie der Fall des Studenten aus Münster zeigt. „Wer glaubt, nur der zuständige Arzt würde bei einem falsch gegebenen Medikament oder bei Fehlern bei einer Blutabnahme haften, wähnt sich in falscher Sicherheit“, erläuterte Käsmann.

Kapilläre und venöse Blutabnahmen sowie subkutane und intramuskuläre Injektionen einschließlich Impfungen können nämlich an Studierende delegiert werden, auch die vorbereitende Anamnese, intravenöse Applikationen (außer Erstapplikationen), die zweite OP-Assistenz und die Versorgung unkomplizierter Wunden. Übertragbar sind damit auch Verbands- oder Katheterwechsel. Nicht delegiert werden dürfen von Ärzten jedoch die eigentliche Anamnese, das Stellen einer Indikation und einer Diagnose, die Untersuchung des Patienten einschließlich invasiver diagnostischer Leistungen, die Aufklärung und Beratung des Patienten, die Entscheidung über die Therapie sowie die Durchführung invasiver Therapien und die Anlage zentralvenöser Zugänge oder einer Thoraxdrainage. „Hier kann man sich auf einen Tätigkeitskatalog beziehen, den die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung aufgestellt haben“, sagt Käsmann. „Rechtlich bindend ist er jedoch nicht, aber eine Empfehlung für die klinische Praxis der PJler.“

„In der Realität ist es aber so, dass Studenten auch die ärztliche Aufklärung über einen Eingriff und dessen Risiken übernehmen, obwohl dies eine ärztliche Aufgabe ist“, berichtet Käsmann mit Verweis auf ein Urteil des Oberlandesgerichtes Karlsruhe vom 29. Januar 2014. Dieses bewertete die Aufklärung durch eine Medizinstudentin im PJ als zulässig, da es sich in diesem Einzelfall um die Aufklärung für einen Routineeingriff handelte, „über den die Studierende schon mehrfach aufgeklärt hatte.“ Die durchgehende Anwesenheit des Arztes sei nicht erforderlich, meinten die Richter.

Verlassen sollte man sich aber auf solche Einzelfallentscheidungen nicht. Besser ist es, nach eindeutigen Handlungsanweisungen der Klinik zu den Möglichkeiten und den Einschränkungen der Delegation von Tätigkeiten auf PJler zu fragen.

Fakten zum PJ

  • Wie lang muss ich arbeiten? Entsprechend § 3 Abs. 4 S. 4 ÄApprO arbeiten PJ-Studierende in der Regel ganztägig an allen Wochenarbeitstagen. Nacht-, Wochenend- und Spätdienste sind jedoch möglich.
  • Was muss ich machen? Nach § 3 Abs. 4 ÄApprO müssen PJ-Studierende nicht arbeiten, sondern sie wollen! Dabei führen sie entsprechend dem Ausbildungsstand zugewiesene ärztliche Verrichtungen durch, aber keine Tätigkeiten, die die Ausbildung nicht fördern.
  • Habe ich Anrecht auf eine Vergütung? Nein, da keine Verpflichtung zur Arbeit besteht (Status = 100 % Student), sind die Lehrkrankenhäuser und Universitätskliniken auch nicht zur Vergütung verpflichtet. Häufig zahlen sie jedoch mittlerweile eine „Aufwandsentschädigung“, auch geldwerte Vorteile gibt es vielerorts.
  • Was ist, wenn ich krank bin? Und bekomme ich Urlaub? Es sind Fehlzeiten von maximal 30 Tagen in den 48 Wochen des PJ möglich (§ 3 Abs. 3 ÄApprO). Sie beinhalten Urlaub, Krankheitstage und sonstige Fehlzeiten. Bei begründbarem Überschreiten der 30 Tage kann die überlappende Fehlzeit grundsätzlich nachgeholt werden.
  • Was passiert, wenn ich mich nicht an meine Pflichten halte? Die maximale Konsequenz ist die Wiederholung beziehungsweise nur teilweise Anrechnung des PJ. Entschieden wird dies von der jeweils zuständigen Stelle des Landes, meist vom Landesprüfungsamt (§ 3 Abs. 6 ÄApprO).
  • Welche Versicherungen brauche ich? Zwingend notwendig ist eine Kranken-, Pflege- und Unfallversicherung. Nicht schaden kann eine Renten- und Arbeitslosenversicherung sowie eine Haftpflichtversicherung. Denn PJ’ler haften für Schäden, die laut Kenntnisstand hätten vermieden werden können.

Die drei goldenen Regeln fürs PJ

  • sich immer als Studierende(r) vorstellen. Erst durch die Approbation wird man zum Arzt oder zur Ärztin. Gut ist ein Namensschild mit dem Zusatz "Student/-in" am Kittel
  • nicht eigenmächtig handeln, lieber einmal mehr nachfragen
  • nur tun, was man tatsächlich selbstständig kann und überschaut

Quelle: Dieser Beitrag ist in Heft 1/2016 von Medizin Studieren, dem Magazin des Deutschen Ärzteblattes für Studierende der Medizin, S. 10, erschienen.

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