16. Januar: Aktionstag für ein faires PJ

"Das PJ steckt in der Krise", heißt es in einer Petition der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Um auf die Missstände aufmerksam zu machen, findet am 16. Januar ein bundesweiter Aktionstag an 36 Fakultäten statt. Was es damit auf sich hat, erklärt Projektleiter Eric Twomey im Interview.

Schon 2015 demonstrierten Medizinstudenten für bessere Bedingungen im PJ. Seither habe sich nichts geändert, heißt es vom bvmd. | bvmd

Herr Twomey, in der bvmd-Petition heißt es: "Das PJ befindet sich in der Krise". Wie genau sieht diese Krise aus?

Eric Twomey: Das Praktische Jahr (PJ) ist der letzte und – manch einer behauptet – wichtigste Abschnitt des Medizinstudiums. Hier lernen die Studierenden die ärztlichen Fähigkeiten und Kompetenzen, den Umgang mit Patienten und den Ablauf des klinischen Alltags. Hier werden die Grundsteine für die Ärztinnen und Ärzte gelegt, die später die Menschen in Deutschland behandeln und kurieren sollen. Leider ist das PJ schon seit einiger Zeit sowohl strukturell als auch inhaltlich verbesserungswürdig. PJler werden in vielen Kliniken und Krankenhäusern leider nicht als die ärztlichen Ressourcen von morgen, sondern als billige oder kostenlose Hilfsarbeiter von heute gesehen. PJler sollen im PJ an die Verantwortung ärztlichen Handelns herangeführt werden und in ihren medizinischen Kenntnissen und Fähigkeiten gestärkt werden. Doch leider sieht der Alltag in vielen Ausbildungsstätten ganz anders aus. Von PJlern wird erwartet, wie Assistenzärzte zu funktionieren, Blut abzunehmen, Zugänge zu legen, Patienten aufzunehmen, im OP zu assistieren und Arztbriefe vorzuformulieren. Dabei sollen sie aber bitte nicht so viel kosten wie Assistenzärzte. Im besten Fall gar nichts, denn Krankenhäuser und Kliniken sparen, wo sie können. Die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) sieht vor, dass ein PJler so viel arbeitet wie ein Assistenzarzt, bezahlt werden darf er aber maximal mit dem BAföG-Höchstsatz. Aus unserer Sicht grenzt das an Ausbeutung. Dazu kommen weitere strukturelle Missstände, die den PJler spüren lassen, dass er oder sie das kleinste Rad im Getriebe ist. Das ist nicht fair und muss sich ändern.

Wie sieht die finanzielle Lage der PJler konkret aus?

Eric Twomey: Die finanzielle Belastung für PJler unterscheidet sich zunächst nicht von der anderer Studierender. Lebenshaltungskosten wie Miete, Lebensmittel, Kleidung und Bücher belaufen sich bei den meisten Studierenden auf mindestens 750 Euro. Der Unterschied liegt darin, dass PJler 11 Monate lang 40 Stunden pro Woche in einem "Pflichtpraktikum", wie das PJ vom BAföG genannt wird, arbeiten müssen. Wie soll sich ein PJler, der weder BAföG noch Unterhalt erhält, neben einer 40-Stunden-Woche noch etwas dazuverdienen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Außerdem muss er ja für das Staatsexamen lernen und auch noch zu genug Schlaf kommen, um am nächsten Tag konzentriert bei der Arbeit zu sein. Wie soll sich ein Studierender, der sein Studium lang von einem Nebenjob abhängig ist, das leisten können?

Das bvmd-Projekt "Praktisches Jahr" setzt sich für fairere Bedingungen im PJ ein. Wichtigste Maßnahme ist die Online-Petition, die noch bis zum 3. März läuft. Insgesamt werden 100.000 Unterschriften benötigt.

Mehr Infos zum bvmd-Projekt: www.bvmd.de/unsere-arbeit/projekte/praktisches-jahr/

Kontakt: pj@bvmd.de

Mehr Infos zur Petition: www.bvmd.de/fileadmin/redaktion/Downloaddateien/Hintergruende_zur_Petition_fuer_ein_faires_PJ.pdf

Was läuft im PJ sonst noch nicht optimal?

Eric Twomey: Neben der finanziellen Belastung liegt uns insbesondere die strukturelle Verbesserung des PJs am Herzen. Man glaubt kaum, wie unterschiedlich die Bedingungen im PJ sind und wie unzeitgemäß Kliniken und Krankenhäuser teilweise mit ihren PJlern umgehen. Dinge wie kostenlose Arbeitskleidung, die im Klinikum gereinigt wird, ein eigener Spind zur Aufbewahrung persönlicher Wertgegenstände im OP und auf Station, Zugang zum Patientenverwaltungssystem, um die Krankengeschichte oder aktuelle Laborwerte abfragen zu können, sind in vielen Ausbildungseinrichtungen nicht vorhanden. Strukturierter Unterricht in Form von Seminaren oder am Krankenbett durch geschulte Fach- oder Oberärzte wird häufig versprochen, aber leider genauso häufig nicht geleistet. Und einer der schwerwiegendsten Mängel ist die aktuelle Fehlzeitenregelung in gesplitteten Tertialen, die dem PJler keinen Krankentag erlaubt.

Was bedeuten diese Umstände für die Qualität der ärztlichen Ausbildung im PJ?

Eric Twomey: Wahrscheinlich können Sie sich vorstellen,dass die Ausbildungsqualität unter diesen strukturellen Mängeln erheblich leidet. Ein PJler, der nachts oder am Wochenende jobben muss, damit er über die Runden kommt, ist natürlich nicht ausgeschlafen und konzentriert. Das kompromittiert natürlich nicht nur die Ausbildung, sondern auch die Patienten- und Personalsicherheit. Wie soll ein PJler sich adäquat auf Visiten vorbereiten, wenn er keinen Zugang zum Patientenverwaltungssystem hat? Die ärztliche Ausbildung wird in Deutschland aufwändig organisiert und meist gut durchgeführt. Nur der letzte Abschnitt wird geradezu stiefmütterlich behandelt. Das ist nicht nur schädlich für die PJler selbst, sondern letztendlich für die gesamte Gesellschaft. Gute Rahmenbedingungen im PJ gewährleisten eine gute Ausbildung.

Die Petition für ein faires PJ läuft noch bis zum 5. März und kann auf openpetition.de unterschrieben werden. Was fordern Sie konkret in der Petition?

Eric Twomey: Wir haben fünf konkrete Forderungen:

  1. BAföG-Höchstsatz als Aufwandsentschädigung, für alle über 25-Jährigen zusätzlich den Krankenkassenbeitrag
  2. Das Gewähren von Krankheitstagen in gesplitteten Tertialen
  3. Mindestens vier Stunden Lehrveranstaltung und mindestens acht Stunden Selbststudium pro Woche
  4. Persönlicher Zugang zum Patientenverwaltungssystem
  5. Eigene Arbeitskleidung und eigene Aufbewahrungsmöglichkeit für Kleidung und persönliche Gegenstände

Ärztin in der Klinik

Einen "Mahnruf der Studierenden an die Politik" sprechen der Hartmannbund und die bvmd in einer Pressemitteilung aus. Beide Studierendenvertretungen kritisieren hauptsächlich die Regelung von Fehltagen, die Aufwandsentschädigung sowie die Regelungen zu Lehr- und Lernzeiten im PJ.

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Was ist für den Aktionstag am 16. Januar geplant?

Eric Twomey: Am 16. Januar werden in 36 medizinischen Fakultäten in Deutschland zeitgleich Infoveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und in einigen Städten auch Demonstrationen stattfinden. Die Aktionstage werden individuell von jeder Fachschaft und/oder Hochschulgruppe organisiert und begleitet. Gemeinsames Ziel ist es, die Bedingungen für das PJ zu verbessern – auf lokaler und nationaler Ebene. Dazu haben wir die Fachschaften ermutigt, nicht nur die Online-Petition zu bewerben, die unter anderem an das Bundesgesundheitsministerium und den medizinischen Fakultätentag addressiert ist, sondern auch lokale, auf ihre Verhältnisse zugeschnittene Petitionen zu starten, mit denen sie im Kleinen an ihren Fakultäten Änderungen bewirken können.

Wie können Studierende sich außerdem engagieren, wenn sie die Bedingungen im PJ ändern wollen?

Eric Twomey: Das stärkste Mittel, das wir in der Hand haben, ist unser geschlossenes Auftreten und unsere bundesweite Online-Petition. Wenn jeder Studierende diese Petition unterschreibt und auch an seine Kommilitonen, Freunde, Bekannten und Verwandten weiterreicht, ist uns schon viel geholfen. Darüber hinaus möchten wir alle Studierenden dazu ermutigen und aufrufen, sich lokal an ihren Universitäten für bessere Bedingungen im PJ einzusetzen und am Aktionstag am 16. Januar teilzunehmen.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.

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