Wer bin ich, wenn ich den Arztkittel trage? So findest Du Deine Rolle im Arztberuf

Wenn Du zum ersten Mal in Arztkittel ein Krankenhaus betrittst, merkst Du es sofort: Pflegekräfte, Patienten und Angehörige reden ganz anders mit Dir – sie nehmen Dich als Arzt wahr. Aber wie gehst Du am besten mit dieser Rolle um?

Das professionelle Selbstverständnis in der ärztlichen Rolle ist wie ein Mantel, den man im Job überstreifen kann. Die Erwartungen anderer sind dann vor allem an diese Rolle gerichtet – und nicht an den jungen Arzt persönlich, erklärte Dr. Ulrike Schlein beim Operation Karriere-Kongress in Berlin. | Hanke

"Frau Doktor, können Sie mir schon sagen, wann ich nach Hause darf?" "Herr Doktor, können Sie mir sagen, wie es um meinen Vater steht? Er ist heute operiert worden." Wenn Du in einem Arztkittel über den Flur eines Krankenhauses läufst, kann es leicht passieren, dass Patienten und Angehörige Dich so etwas fragen. Gerade im PJ, aber auch am Anfang der Assistenzarztzeit können Dich die Erwartungen, die auf Dich einprasseln, schnell überfordern.

"Die Reflektion des eigenen Selbstverständnisses ist der Notenschlüssel der Kommunikation mit Patienten, Angehörigen und Kollegen im Krankenhaus", stellte die Ärztin und Expertin für Organisations- und Personalentwicklung Dr. Ulrike Schlein beim Operation Karriere-Kongress in Berlin fest. Dafür sei es wichtig, sich über eine Tatsache klar zu werden: "Wenn man in den klinischen Alltag kommt, wechselt man die Rolle und zieht den „Weißen Kittel“ an. Ein verbreitetes Missverständnis vor allem bei jungen Kollegen ist: Die Erwartungen der Patienten und Angehörigen, aber auch der Vorgesetzten und Kollegen sind nicht an die Persönlichkeit gerichtet, sondern an die ärztliche Rolle, den Kittel."

Bin ich persönlich gemeint? Oder meine Rolle?

Es ist völlig normal, dass es nicht immer gelingt, die professionelle Distanz zu wahren: "Manche Situationen berühren einen einfach auch persönlich", erklärt Schlein, "das kann zum Beispiel das Schicksal eines sehr jungen, schwer kranken Patienten sein, aber auch jemand, der einem persönlich besonders sympathisch ist. Aber natürlich auch ein persönlicher Angriff eines frustrierten Patienten, der eigentlich auch gegen die ärztliche Rolle gerichtet ist und nicht gegen den Arzt persönlich, kann einen emotional stark mitnehmen." 

Tipp: Mach Dir bewusst, dass Du in vielen Situationen nicht persönlich gemeint bist, sondern nur Deine professionelle Rolle. Das bewahrt Dich vor jeder Menge emotionalem Stress und hilft Dir, in heiklen Situationen die professionelle Distanz zu wahren.

"Bald werde ich Ärztin sein"

Natürlich bringt jeder sich selbst, seine Sozialisation, seine bisherige Lebenserfahrungen, Vorbilder, etc. mit in den Job ein – entsprechend unterschiedlich reagieren verschiedene Menschen auf unterschiedliche Situationen. Und auch die Vorurteile und Erwartungen der anderen spielen eine Rolle: So werden junge PJ-Studentinnen von Patienten oft für Krankenschwestern gehalten und entsprechend behandelt. Wer relativ spät ins Studium gestartet ist, kann ein anderes Problem bekommen, verrät Schlein: "Alter wird mit Erfahrung assoziiiert. Wer schon etwas älter ist, muss also damit rechnen, dass ihm mehr zugetraut wird, als er aktuell schon kann".

Tipp: Vor allem im PJ ist die Rolle völlig unklar und viele Patienten wissen auch nicht, wie die ärztliche Ausbildung konkret abläuft. Stell Dich einem neuen Patienten Deiner professionellen Rolle entsprechend vor. Als PJ-Studentin könnte eine Vorstellung beispielsweise so lauten: "Ich bin Monika Müller, Medizinstudentin im letzten Jahr. Bald schon werde ich Ärztin sein". Vor allem der Ausblick "Bald werde ich Ärztin sein" sorgt dafür, dass die Studentin Monika von den Patienten als Teil des ärztlichen Teams gesehen und entsprechend behandelt wird.

Welche Rolle will ich einnehmen?

Welche Rolle man im Job annehmen möchte, hat auch viel mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun. Überlege Dir also, was Dir wichtig ist. Mögliche Rollenverständnisse für Assistenzärzte sind zum Beispiel:

  • Berater für medizinische Fragestellungen
  • Sprachrohr der Patienten gegenüber Chef- und Oberärzten
  • Kümmerer
  • Medizinischer Begleiter
  • Ansprechpartner für jüngere Kollegen (z.B. Famulanten und PJler)
  • Arzt in Weiterbildung, der vor allem Kompetenz für seinen Facharzt erwerben will

Wie stellst Du Dir den optimalen Arbeitgeber für die Facharzt-Weiterbildung vor? Und was wünscht sich Dein künftiger Chef? Im Dialog mit dem Publikum haben die Chefärzte Dr. Georg Hillebrand und PD Dr. Marko Fiege beim Operation Karriere-Kongress in Hamburg die gegenseitigen Erwartungen herausgearbeitet. Wir haben mit beiden gesprochen.

weiterlesen

Dabei vermischen sich die einzelnen Rollen auch oft miteinander: Ein Assistenzarzt kann sich gleichzeitig als Begleiter der Patienten fühlen, Ansprechpartner für PJler sein und ein Interesse daran haben, bestimmte Qualifikationen für den Facharzttitel zu sammeln. Und auch ein Chef- oder Oberarzt ist zugleich der hierarchische Vorgesetzte der anderen Ärzte, der die Versorgung der Patienten verantwortet, und der Weiterbilder, der den Assistenzärzten etwas beibringen möchte. Das führt übrigens oft zu Problemen, weil sich viele Oberärzte hauptsächlich als Fachleute für ihr Spezialgebiet sehen und darüber ihre Rolle als ärztliche Führungskraft der Station vernachlässigen.

Tipp: Mache Dir Gedanken darüber, welches Rollenverständnis Du hast. Das ist der Schlüssel zu Deinen professionellen Entscheidungen. Wenn Du kein klares Rollenverständnis hast, wächst das Risiko, Dinge zu persönlich zu nehmen und verletzt zu werden.

Siezen oder Duzen?

Zur Rolle gehört auch die Frage, wie man miteinander kommuniziert und ob man zum "Sie" oder zum "Du" greift. Ein "Sie" schafft Distanz und hilft dabei, in der professionellen Rolle zu bleiben. Das ist auch abhängig von der vorherrschenden Kultur einer Station: Wenn es schon ein "Du" unter den Kollegen gibt, ist es komisch, wenn sich ein neues Teammitglied da entzieht. Auch bei sehr flachen Hierarchien ist ein "Sie" unpassend. Arbeiten Vertreter verschiedener Generationen zusammen – also zum Beispiel ältere Pflegekräfte und junge Auszubildende – passt ein "Sie" vielleicht auch besser. Wichtig ist nur, dass beide die gleiche Anrede verwenden: Wer sich von jemandem duzen lässt, den er selbst siezt, macht sich unnötig klein.

Tipp: Wenn Du unsicher bist, lieber erstmal zum "Sie" greifen. Denn zum "Du" lässt es sich schnell wechseln. Wenn man sich aber erstmal duzt, bleibt es dabei – zum "Sie" kann man dann nicht mehr zurückkehren, auch wenn man es vielleicht passender und angenehmer fände.

Ich weiß nicht alles! Ich fange doch gerade erst an!

Wer einen Arztkittel trägt, wird von Patienten gern für einen dieser allwissenden "Halbgötter in Weiß" gehalten. Wenn Du noch am Anfang stehst, bist Du damit naturgemäß schnell überfordert. Wie kannst Du trotzdem ein guter Ansprechpartner für Deine Patienten sein?

Tipp: Du musst nicht alles wissen und Dich ständig dafür entschuldigen, dass Du Berufsanfänger bist. Irgendwann hat jeder mal angefangen. Du kannst Deinen Patienten auch helfen, indem Du Dich für sie erkundigst. Also antworte ihnen, dass Du einen Kollegen fragst und dann mit der Antwort wieder zu ihnen kommst. Dann sehen sie, dass Du sie und ihre Anliegen ernst nimmst und dass sie sich gern an Dich wenden können. Dafür brauchst Du keine besondere fachliche Expertise.

Fazit: So findest Du Deine Rolle beim Berufseinstieg

Mach Dir als erstes klar, wie Du Deine Rolle verstehst und wie Du Dich selber siehst. Davon hängt es ab, wie Du Dich selbst präsentierst und wie Du Dich anderen vorstellst. Achte darauf, Dich nicht unnötig klein zumachen! "Das Entscheidende in den ersten beiden Jahren der Assistenzarztzeit ist es, sich selbst zu organisieren, Prioritäten festzulegen und die ersten selbstständigen Schritte in der professionellen Rolle zu gehen", rät Schlein. Das sei für sich genommen schon eine Menge Arbeit. Dabei sei es besser, sich erst auf die Grundlagen zu konzentrieren und nicht zu viele Spezialfähigkeiten gleichzeitig zu lernen. 

Tipp: In wichtigen Situationen rät Schlein dazu, sich folgende Frage zu stellen: "Wer bin ich jetzt in dieser Rolle und was wird von mir erwartet?" Das helfe dabei, stimmige Entscheidungen zu treffen – und zwar nicht nur am Anfang der Assistenzarztzeit, sondern das ganze Berufsleben lang.

Quelle: Operation Karriere-Kongress Berlin, 30.11.2019, Workshop: "Neu in der ärztlichen Rolle – Herausforderung in der interprofessionellen Zusammenarbeit", Dr. med. Ulrike Schlein, Geschäftsführung, Organisations- und Personalentwicklung im Gesundheitsbereich, Bad Wildungen