Studium in Polen, keine Approbation: „Ich fühle mich im Stich gelassen“

Fabienne Wähler ist verzweifelt: Sie hat im August 2019 ihr Medizinstudium im polnischen Szczecin (Stettin) abgeschlossen, aber in Deutschland als Ärztin arbeiten darf sie nicht. Sie bekommt keine Approbation. Woran das liegt und was das für sie bedeutet, hat sie uns im Interview erzählt.

Fabienne Wähler hat an der Pommerschen Medizinischen Universität in Stettin ihr Studium abgeschlossen. | privat

Fabienne will Augenärztin werden. Um dieses Ziel auch mit einem Abi-Schnitt von 1,9 zu erreichen, hat sie sich für ein englischsprachiges Studium in Stettin entschieden. „Ich kann das Studium dort sehr empfehlen – es ist eine kleine Fakultät und die Unterrichtsinhalte sind absolut gleichwertig zu denen in Deutschland“, schwärmt sie. „In den praktischen Kursen hat sich ein Arzt um nicht mehr als drei oder vier Studenten gekümmert. Das gibt es an deutschen Unis so ja normalerweise nicht mehr. Die Lebenshaltungskosten sind auch viel niedriger. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.“ Auch im PJ und in allen Famulaturen, die Fabienne in Deutschland absolviert hat, hat sie sich mit ihrem in Polen erworbenen Wissen gut aufgestellt gefühlt.

Noch 13 Monate Praktikum – nach dem PJ?

Jetzt hat Fabienne ihr Studium abgeschlossen und könnte eigentlich als Assistenzärztin arbeiten. Eigentlich – denn auf dem Weg zu ihrem Traumberuf ist eine unerwartete Hürde aufgetaucht: Die deutschen Behörden verlangen für die Approbation auf einmal zwei zusätzliche Bescheinigungen: Das so genannte „LEK“ und das „Staz“. Beim LEK handelt es sich um eine staatliche polnische Prüfung, bei der die Prüflinge Kenntnisse über das polnische Rechts- und Gesundheitssystem nachweisen müssen. Das Staz ist ein 13-monatiges Praktikum, das die angehenden Ärzte absolvieren müssen – und zwar zusätzlich zum PJ.

 „Wir haben sechs Jahre studiert und das PJ absolviert – unsere Ausbildung ist einem deutschen Studium gleichwertig und wurde auch bisher immer so behandelt“, klagt Fabienne, „und auf einmal gilt das nicht mehr“. Sie hat versucht, im zuständigen Landesprüfungsamt in Hamburg ihre Approbationsurkunde zu beantragen – aber ohne die Nachweise von LEK und Staz leider erfolglos. Besonders absurd: Zwei Tage vorher hat eine Freundin, die mit Fabienne zusammen das Studium abgeschlossen hat, noch problemlos ihre Approbation bekommen. „Insgesamt fünf Kommilitonen von uns haben eine Approbation bekommen“, erklärt die Greifswalderin, „es hängt vom Sachbearbeiter ab. Mir kommt das wie pure Willkür vor“.

„Unklarheiten hinsichtlich der Anerkennung des Medizinstudiums“

Eigentlich ist klar, dass diese beiden Prüfungen nur für Absolventen relevant sind, die nach dem Studium in Polen arbeiten möchten. Bisher wurde das auch so gehandhabt. Weil innerhalb der EU aber für alle die gleichen Regeln gelten müssen, haben die deutschen Landesprüfungsämter die Vergabe von Approbationen an deutsche Absolventen nun gestoppt – die Begründung: Es gebe „Unklarheiten hinsichtlich der Anerkennung des Medizinstudiums“. In anderen EU-Staaten wird das polnische Studium ohne LEK und Staz weiterhin problemlos anerkannt, nur in Deutschland werden die Richtlinien seit August anders ausgelegt. Fabienne und die anderen Absolventen wurden zunächst vertröstet: An der Klärung werde gearbeitet, und sie könnten ihre Approbation in zwei Wochen bekommen. Das ist der aktuelle Stand seit inzwischen sieben Monaten.

Die polnischen Behörden sind daran interessiert, dass die Prüfungen zumindest für ihre Landsleute verpflichtend bleiben, unabhängig davon, wo sie künftig arbeiten wollen. Sonst gebe es die Gefahr, dass noch mehr junge polnische Ärzte nach Deutschland abwandern, weil sie dort die Approbation auch ohne die Zusatzbescheinigungen bekommen und mehr verdienen können. Sie sagen aber auch: Für deutsche Absolventen sind LEK und Staz nicht nötig. Das haben sich die Absolventen in einem EU-Gutachten von einem Fachanwalt für Medizinrecht bestätigen lassen. Damit widerspricht der Experte einem anderen Gutachten des Kultusminsteriums, in dem steht, dass LEK und Staz für die Approbation in Deutschland erforderlich sind.  

Das ist alles sehr kompliziert – offenbar auch für die, die es wissen sollten: die deutschen Behörden. Hier herrscht offenbar große Unwissenheit, was das Problem betrifft: „In den Landtagssitzungen werden immer wieder falsche Aussagen gemacht. Die Rede ist beispielsweise von 20 betroffenen Studenten, obwohl die tatsächliche Zahl bei 1.500 betroffenen Studenten liegt“, sagt Fabienne. Bei den Landesprüfungsämtern sehe es ähnlich aus – die Zuständigen seien einfach schlecht informiert. „Man hat das Gefühl, die beschäftigen sich damit überhaupt nicht. Wir müssen immer wieder erklären, dass wir die Approbation nicht nach nur fünf Jahren Studium haben möchten, sondern dass wir auch das Praktische Jahr gemacht haben, ganz genau wie in Deutschland“, erklärt sie frustriert.

Alternative: Im Ausland arbeiten

Fabienne hängt seit August in der Luft und weiß nicht, was die Zukunft für sie bringt. Derzeit lernt sie für das LEK – aber das ist mühsam: Die Materialien für die Prüfung liegen nur auf Polnisch vor und sind bisher nicht übersetzt worden. Fabienne hat zwar einige Jahre in Polen gelebt, aber ihre Sprachkenntnisse reichen nur für den Alltag aus, nicht für eine Prüfung über komplexe rechtliche und ethische Themen. Das Staz, das zusätzliche 13-monatiges Praktikum, will sie aber nicht machen. "Die Umsetzung, wie von den Behörden vorgeschlagen, ist sehr fragwürdig und von einem Berufseinstieg in einem anderen EU-Land werde ich mehr profitieren“, erklärt die Greifswalderin.

Aktuell wohnt Fabienne wieder bei ihren Eltern, eine eigene Wohnung hat sie nicht, weil sie nicht weiß, ob sie in Deutschland bleiben wird. „Wenn ich hier keine Approbation bekomme, gibt es immer noch die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Schweden und Norwegen erkennen unser Studium beispielsweise ohne Probleme an“, erklärt Fabienne, „aber eigentlich wollte ich in Deutschland Ärztin sein“. Besonders in Zeiten des Ärztemangels ist das bitter, nicht nur für Fabienne und ihre Kommilitonen, sondern auch für die Kliniken, die sie gern eingestellt hätten.

„Deutsche Medizinstudierende im Ausland“ starten Online-Petition

Um auf die Situation aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen, hat der Verein „Deutsche Medizinstudierende im Ausland e.V.“ Ende Januar eine Online-Petition gestartet. Noch bis Ende März kannst Du auf www.openpetition.de unterschreiben und das Anliegen so unterstützen – insgesamt werden 50.000 Unterschriften gebraucht.