Mit guten Nerven – erfolgreich in der Neurologie

"Time is brain" – wer sich auf den Fachbereich Neurologie spezialisiert, arbeitet oft unter Zeitdruck: Denn bei der Akut-Therapie eines Schlaganfalls zählt jede Minute. Worauf es bei der neurologischen Weiterbildung noch ankommt, erklärte Dr. Ghoncheh Mina beim Operation Karriere-Kongress in Hamburg.

Die Neurologin Dr. Ghoncheh Mina erklärte anhand verschiedener Beispiele aus der Praxis, wie Neurologen arbeiten. | Stefanie Hanke

Als Neurologin werde sie von Kollegen aus anderen Fachbereichen häufig mit Vorurteilen konfrontiert, erklärte Mina: "Neurologen stellen nur schlaue Diagnosen, aber heilen können sie nicht". Dass das so nicht in jedem Fall stimmt, erläuterte die Oberärztin aus Rotenburg (Wümme) anhand mehrerer Beispiele. Zwar müsse man sich in der Neurologie darüber im Klaren sein, dass bestimmte Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson nicht geheilt, sondern höchstens verlangsamt werden könnten. Es gebe jedoch immer wieder Erfolgserlebnisse, die sie als Ärztin glücklich machen: So können Schlaganfall-Patienten durch schnelles Eingreifen in der Akut-Therapie so behandelt werden, dass sie keine Einschränkungen spüren. Stichwort: "Time is brain".

Doch nicht immer gehe es in der Neurologie um Geschwindigkeit - häufig sei auch eine gründliche Anamnese wichtig. "Liebe zum Detail lohnt sich" so beschrieb Mina beispielsweise die Diagnosefindung bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzen: Hier müsse man als Neurologe gründlich vorgehen und beispielsweise detaillierte Fragen zum Charakter, der Dauer und der Frequenz der Schmerzen stellen. So könne man das allgemeine Symptom Kopfschmerzen auf eine Diagnose oder zwei bis drei Differentialdiagnosen einschränken.

Untersuchung mit Konzept: von oben nach unten

Für die Untersuchung empfahl sie, mit Struktur und einem festen Konzept vorzugehen. Hier biete sich beispielsweise eine Untersuchung von oben nach unten an: Beginnend mit dem Kopf könne man Sinneswahrnehmungen, Reflexe und Koordination eines Patienten checken und sich nach und nach bis zu den Beinen vorarbeiten, um am Ende an den Füßen den Babinski-Reflex zu überprüfen. Gerade Assistenzärzten am Anfang der neurologischen Laufbahn empfahl Mina, bei der Diagnosestellung gründlich vorzugehen. "Weglassen ist das Privileg des Erfahrenen", stellte sie fest – in der Notaufnahme könne man es sich nicht erlauben, jedes Detail zu untersuchen. Aber mit etwas Erfahrung lerne man, welche Untersuchungen im Einzelfall wichtig seien und welche nicht.

Allen Medizinern, die sowohl die Neurologie als auch die Psychiatrie spannend finden, gab Mina noch einen Tipp mit auf den Weg: Die beiden Facharztweiterbildungen Neurologie und Psychiatrie kann man gut kombinieren - wer einen doppelten Facharzt anstrebe, müsse jeweils vier Jahre als Weiterbildungsassistent in beiden Bereichen arbeiten.

Fakten zur Weiterbildung Neurologie

Die Weiterbildungszeit in der Neurologie beträgt 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • 24 Monate in der stationären neurologischen Patientenversorgung
  • Monate in Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychiatrie und Psychotherapie und/ oder Psychsomatische Medizin und Psychotherapie
  • 6 Monate in der intensivmedizinischen Versorgung neurologischer Patienten 
  • können bis zu 12 Monate im Gebiet Innere Medizin und/ oder in Allgemeinmedizin, Anatomie, Neurochirurgie, Neuropathologie, Neuroradiologie und/ oder Physiologie angerechnet werden
  • können bis zu 24 Monate im ambulanten Bereich abgeleistet/angerechnet werden.

Die Weiterbildung zum Facharzt für Neurologie sieht den Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in folgenden Punkten vor:

  • Vorbeugung, Erkennung, Behandlung, Nachsorge und Rehabilitation neurologischer Krankheitsbilder und Defektzustände
  • neurologisch-psychiatrische Anamneseerhebung einschließlich biographischer und psychosozialer Zusammenhänge, psychogener Symptome sowie somatopsychischer Reaktionen
  • Indikationsstellung und Überwachung neurologischer, neurorehabilitativer und physikalischer Behandlungsverfahren
  • Indikationsstellung und Auswertung neuroradiologischer Verfahren
  • interdisziplinäre diagnostische und therapeutische Zusammenarbeit auch mit anderen Berufsgruppen der Gesundheitsversorgung wie der Krankengymnastik, Logopädie, Neuropsychologie und Ergotherapie einschließlich ihrer Indikationsstellung und Überwachung entsprechender Maßnahmen
  • Indikationsstellung soziotherapeutischer Maßnahmen
  • gebietsbezogene Arzneimitteltherapie
  • Grundlagen der gebietsbezogenen Tumortherapie
  • Betreuung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten
  • neurologisch-geriatrische Syndrome und Krankheitsfolgen einschließlich der Pharmakotherapie im Alter
  • Grundlagen neurologisch relevanter Schlaf- und Vigilanzstörungen
  • Grundlagen der Verhaltensneurologie und der Neuropsychologie
  • Grundlagen hereditärer Krankheitsbilder einschließlich der Indikationsstellung für eine humangenetische Beratung
  • Hirntoddiagnostik
  • Indikationsstellung, sachgerechte Probengewinnung und -behandlung für Laboruntersuchungen und Einordnung der Ergebnisse in das jeweilige Krankheitsbild
  • intensivmedizinische Basisversorgung
  • Akutbehandlung von Suchterkrankungen

  • Elektroenzephalographie
  • Elektromyographie
  • Elektroneurographie einschließlich der kortikalen Magnetstimulation
  • visuelle, somatosensible, akustisch und motorisch evozierte Potentiale
  • Funktionsdiagnostik des autonomen Nervensystems
  • Funktionsanalysen bei peripheren und zentralen Bewegungsstörungen sowie Gleichgewichtsstörungen
  • Funktionsanalysen bei Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen
  • neuro-otologische Untersuchungen, z. B. experimentelle Nystagmusprovokation, spinovestibuläre, vestibulospinale und zentrale Tests
  • verhaltensneurologische und neuropsychologische Testverfahren
  • sonographische Untersuchungen von Nervensystem und Muskeln sowie Doppler-/Duplex-Untersuchungen extra- und intrakranieller hirnversorgender Gefäße
  • neurologische Befunderhebung bei Störungen der höheren Hirnleistungen, z. B. der Selbst- und Defizitwahrnehmungen, der Motivation, des Antriebs, der Kommunikation, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, der räumlichen Fähigkeiten, des Denkens, des Handelns, der Kreativität
  • Erstellung von Rehabilitationsplänen, Überwachung und epikritische Bewertung der Anwendung von Rehabilitationsverfahren
  • Punktions- und Katheterisierungstechniken einschließlich der Gewinnung von Untersuchungsmaterial aus dem Liquorsystem
  • Infusions-, Transfusions- und Blutersatztherapie, enterale und parenterale Ernährung

Quellen: Berufsverband Deutscher Nervenärzte (www.bvdn.de), Junge Neurologen (www.junge-neurologen.de), Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2013

Operation Karriere Hamburg, 15.06.2018, "Mit guten Nerven – erfolgreich in der der Neurologie", Dr. med. Ghoncheh Mina, Oberärztin, Neurologische Klinik, AGAPLESION DIAKONIEKLINIKUM ROTENBURG, Rotenburg (Wümme)