Kind und Kittel: Nichts läuft wie geplant

Klinik oder Praxis? Das fragt sich unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja bei der Suche nach einer Stelle als Assistenzärztin. Was passt besser zu ihrer familiären Situation? Keine leichte Entscheidung. Zusätzlich macht sie sich über die weltpolitische Lage Sorgen: Sie ist Russlanddeutsche, ihr Mann ist Ukrainer und beide kennen viele Menschen, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind.

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov | privat / DÄV

Wer kennt es nicht? Auf der perfektionistischen Suche nach dem Besten vom Besten – in welches Restaurant gehen wir beim Städtetrip, welches Auto passt am besten zu uns, welche Hose gefällt mir – wie oft verliebt man sich da eigentlich schon auf den ersten Blick und klappert dennoch alle anderen Hosen, Restaurants, Blumentöpfe ab, um nach einer langen, kräftezehrenden Suche doch zur ersten Wahl zurückzukommen?

Ist es, weil unsere rationale Seite es nicht erlaubt, die “erstbeste” Hose zu kaufen? Weil wir unserer Intuition nicht trauen und erst rationale Argumente zu deren Rechtfertigung an den Haaren herbeiziehen müssen, um der Liebe auf den ersten Blick Legitimität zu verleihen?

Ich denke, es ist beides und noch viel mehr. Erstaunlich sicher kann ich nur immer wieder beobachten, wie oft ich in meinem Leben schon nach langem Kreisen auf die “erste Wahl” zurückgekommen bin.

So auch bei meiner Jobsuche – wobei der Kreis noch nicht geschlossen, sondern noch offen für Windungen und Spiralen ist.

Anders als geplant

Wie geplant, im März in der Klinik anzufangen, von der ich im PJ so begeistert war, ist natürlich nicht geschehen. Ich habe mir plötzlich in den Kopf gesetzt, vielleicht doch in einer Praxis anzufangen und erstellte mir eine ausführliche Liste von allen Weiterbildungsbefugten in meiner Umgebung. Keine Dienste, nur vormittags arbeiten, das sah für mich nach einem rosigen Alltag als “working mom”, wie es so schön heißt, aus. Ob es Sinn machen würde, ohne klinische Erfahrung in einer Praxis anzufangen, konnte ich nicht beantworten. Bevor ich mir den Kopf zerbrach, wollte ich mich einfach mal bewerben und mir anhören, was die Ärzte in den Praxen zu meiner exotischen Idee sagen würden.

Es ist nämlich alles andere als der klassische Weg für einen Allgemeinmediziner, der da wäre, erst die nach Weiterbildungsordnung vorgeschriebenen 12 Monate stationär abzuarbeiten und dann in die Praxis zu gehen. Mein Gedankengang ging eben nicht von der Karriere aus, sondern von der familiären Situation: Solange die Kinder noch kleiner sind, wäre es doch gut, einen weniger turbulenten Arbeitsalltag zu haben, um die Klinik dann zu machen, wenn die Kinder in der Pubertät und froh um jede Stunde sturmfrei sind.

Die langwierige Suche hat doch Sinn

Doch erwiesen sich die Praxisinhaber als nicht so innovativ; der Großteil bestand auf klinische Erfahrung und zugleich riet man mir stark davon ab, in der Praxis anzufangen. Oder sie hatten gar keine Stelle frei. Trotz Ärztemangel geht es, wie sich herausstellte, nicht von heute auf morgen, eine Stelle zu finden, da viele ihre komplette Weiterbildung in Rotationen schon im Voraus planen und so die Praxen feste Einstiegszeiten haben. Beispielsweise stellen sie Assistenzärzte immer im Februar für genau zwei Jahre ein.

Nachdem ich also ein paar Praxen ergebnislos besucht hatte, kam ich wieder auf meine erste Wahl zurück, die Klinik. Und siehe da, in der Zwischenzeit gab es einen Chefarztwechsel. Der neue Chefarzt will von dem klassischen Teilzeitmodell weg, hin zu flexibleren Arbeitszeiten. Bingo! So ist es zu meinem Erstaunen mittlerweile möglich, dass ich beispielsweise zwei oder drei Tage die Woche ganztags arbeite – was ich nicht schlecht fände. Klar, Dienste bleiben, aber diese sehe ich auch als Gelegenheit, Überstunden zu scheffeln, die ich mir dann als Freizeitausgleich nehmen kann.

Die Kreise, die wir auf unserer Suche nach dem Besten vom Besten ziehen, haben also wohl Sinn. Ich habe dazugelernt – so spontan, wie ich in meiner Naivität dachte, bekommt man also keine Stelle – und die Umstände haben sich während meines Kreiseziehens zu meinen Gunsten geändert.

Leider sind momentan aber auch in dieser Klinik alle Stellen besetzt. Mitte April erst wird klar, ob und wann eine Stelle frei wird. Aber das macht nichts, ich bewerbe mich in der Zeit zur Übung in anderen Kliniken der Umgebung und schaue, was diese mittlerweile so zu bieten haben.

Auch Pause hat manchmal Sinn

Und auch, dass ich nicht schon im März anfange zu arbeiten, ist am Ende gut so. Momentan hätte ich keine Nerven dafür übrig – ein paar Worte zur Weltsituation, hier muss ich ein bisschen ausholen.

Ich bin Russlanddeutsche, das heißt, meine Eltern sind in der damaligen Sowjetunion geboren, stammen aber von Deutschen ab, die vor langer Zeit als Gastarbeiter nach Russland kamen (zu Zeiten Katharinas der Großen) und dort in deutschen Siedlungen am Schwarzen Meer lebten. Mein Opa wurde in der Nähe von Odessa geboren, was man heute aus den Nachrichten vielleicht kennt. Ich selbst bin schon in Deutschland geboren, und wuchs in der seltsamen Mischkultur der Russlanddeutschen auf. Ich mag Deutschland: die Strukturen, die Sicherheit, die Pünktlichkeit, die Wahrung der Menschenrechte. Über Musik, Essen, Tänze und Sprache bekam ich gleichzeitig die russische Kultur in die Wiege gelegt. Für mich ist alles russische mit Geborgenheit und Liebe assoziiert, weil es mich so an meine Großeltern erinnert.

Geheiratet habe ich einen Ukrainer, der zum Studieren nach Deutschland kam… Zuhause reden wir russisch, auch mit unseren Kindern.

Der Krieg geht ans Herz

Dieser Krieg geht mir sehr zu Herzen, wir haben Freunde und Bekannte in Kiew, wir haben einige Freunde hier, deren Eltern oder Geschwister in Donezk im Keller sitzen. Gleichzeitig sehen wir mit Erschrecken, wie ein neues Feindbild entsteht: Eine sehr gute Freundin von mir wurde hier in Deutschland angeschrien, dass sie sich für ihre russische Herkunft schämen müsse. Wir sehen, wie Münchner Kliniken Russen von der Behandlung ausschließen (wenn auch nur zeitweise, dank des Rechtsstaats, in dem wir leben). Wie russlanddeutsche Kinder vom Unterricht ausgeschlossen werden. Und, wenn auch nicht so erschütternd, aber für uns doch symbolisch – die “Delikatessen aus dem Osten”-Ecke im Supermarkt, aus der wir immer unsere Lieblingslebensmittel bezogen haben, ist verschwunden, mit dem Hinweis: “Abverkauf, wir unterstützen diesen Lieferanten nicht mehr”.

Vor ein paar Wochen noch ein Stück Heimat, das jetzt leer steht. Ich kann mir hier nicht verkneifen, dass “dieser Lieferant” tatsächlich in Deutschland oder Polen produziert, die Waren also keineswegs direkt aus Russland geliefert werden. Das nicht-Bestellen durch deutsche Supermärkte tut Putin also in keinster Weise weh. Meinem Opa, der schon seit 45 Jahren in Deutschland lebt, aber immer noch jeden Tag seine Sprotten snackt, hingegen umso mehr.
Ich sehe das Leid unserer ukrainischen Freunde und ich sehe, wie dieser Krieg die Ost-West-Freundschaft zertrampelt, die erst in den letzten Jahren sich schüchtern traute, aufzublühen. Das zermürbt innerlich.

Anstatt also meine Karriere als Assistenzärztin anzufangen, verfalle ich tagsüber in ungezügelten Aktionismus bei der Hilfe für Geflüchtete mit Übersetzung und Organisation von Unterkünften und schlürfe abends deprimiert die letzten Reste unserer gezuckerten Kondensmilch aus der Delikatessenecke…

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