„Bei den Arbeitsbedingungen fehlt die Transparenz“

Wer viel Zeit im Job verbringt, will sich dabei auch möglichst wohl fühlen. Aber wie findest Du als Berufseinsteiger eine Klinik, bei der die Arbeitsbedingungen stimmen? Die Stuttgarter Treatfair GmbH will mit einem Klinik-Ranking für mehr Transparenz sorgen. Dr. Benedict Carstensen, Geschäftsführer der Organisation und selbst Arzt, erklärt im Interview, worauf es beim Thema Arbeitszufriedenheit ankommt.

So stressig der Arbeitsalltag ist – wenn man sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlen will, ist auch ab und zu etwas Zeit zum Durchschnaufen wichtig. | michaeljung - stock.adobe.com

Herr Dr. Carstensen, welche Faktoren machen denn eine Klinik für die Mitarbeiter besonders attraktiv?

Dr. Benedict Carstensen: Eine Klinik ist für Mitarbeiter interessant und attraktiv, wenn möglichst viele ihrer Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden. Verschiedene Menschen haben natürlich auch unterschiedliche Bedürfnisse – sowohl im Privatleben als auch im Beruf. Einem Familienvater mit Kindern ist zum Beispiel ein pünktlicher Feierabend möglicherweise wichtiger als einer kinderlosen, jungen Ärztin, die karriereorientierter ist. Aber unabhängig von diesen individuellen Wünschen ist schon eine Verallgemeinerung möglich. Man muss eben wissen, welche Wünsche und Bedürfnisse die Ärztinnen und Ärzte von heute haben. Und die sind eben anders als vor zehn, 20 oder 30 Jahren.

Dr. Benedict Carstensen | privat

Welche Bedürfnisse haben denn vor allem die jüngeren Ärzte heutzutage?

Dr. Benedict Carstensen: Mit dieser Frage haben wir von Treatfair uns viel beschäftigt. Mich ärgert es manchmal, dass die jüngere Ärzte-Generation teilweise als „Generation Y“ dargestellt wird, die in der Klinik rebellisch oder egoistisch ist oder sich nur für ihre Freizeit interessiert. Ich glaube, damit tut man dieser Generation Unrecht. Es geht den jüngeren Ärzten vielmehr um die Frage nach dem Sinn. Also, sehe ich einen Sinn in dem, was ich da mache? Wer seine Aufgabe als sinnvoll erlebt, ist auch motiviert. Da ist man schnell bei der Frage, warum jemand Medizin studiert hat. Auch das hat sich in den letzten Jahrzehnten teilweise verändert.

Was für eine Veränderung sehen Sie da konkret?

Dr. Benedict Carstensen: Vor 20, 30 Jahren war ein Teil der Motivation auch noch, dass der Arztberuf als sicherer Job galt, man gutes Geld verdient hat und einen gewissen sozialen Status hatte. Heutzutage sind diese Dinge den Studierenden nicht mehr so wichtig. Jetzt geht es vielen eher darum, dass sie Menschen helfen wollen. Wenn man dann in der Klinik anfängt zu arbeiten, rückt dieses Gefühl, dass man Menschen helfen kann, leider oft deutlich in den Hintergrund. Und das macht natürlich unzufrieden. Ein Beispiel ist dieser Dokumentations-Wahn, der in der Klinik auf die Ärzte wartet – das ist für viele genau das, was sie eben nicht machen wollen.

Wenn man diese Entwicklung betrachtet, ist den jüngeren Ärzten auch wichtig, dass es eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Privatleben gibt. Auch hier ist der Kontext wichtig: Dass es nicht nur darum geht, dass man möglichst zeitig nach Hause geht, sondern dass Ärzte Ihren Alltag mit vielen Tätigkeiten verbringen, die eben nicht als sinnstiftend empfunden werden. Und dann geht man natürlich lieber früh nach Hause und sucht sich seine Sinnerfüllung im Privatleben. Das darf man aber nicht damit verwechseln, dass den jüngeren Ärzten eine grundlegende Bereitschaft fehlt, auch mal mehr zu arbeiten und Wochenend- oder Nachtschichten zu übernehmen.

Generell haben alle Mitarbeiter das Bedürfnis, sich entwickeln zu können. Das ist vor allem bei Ärzten in der Facharzt-Weiterbildung wichtig. Arbeitgeber, die das unterstützen, haben natürlich auch motiviertere Mitarbeiter. Weitere Punkte, auf die heutzutage mehr Wert gelegt werden, sind eine angenehme Arbeitsatmosphäre und ein zwischenmenschlicher Umgang, bei dem sich die Mitarbeiter wertgeschätzt fühlen.

Was raten Sie den Bewerbern: Wie findet man eine Klinik, die zu den eigenen Bedürfnissen passt?

Dr. Benedict Carstensen: Ich rate Bewerbern prinzipiell erstmal, schlau zu sein und sich schlau zu machen. Viele Berufsanfänger wählen für ihre erste Stelle ein Krankenhaus, in dem sie schon praktische Erfahrungen gemacht haben – zum Beispiel in einer Famulatur oder im PJ. Und die Kliniken wissen das natürlich. Deshalb haben Krankenhäuser oft auch spezielle Angebote für PJler oder Famulanten und bieten den Studierenden viel an. Davon darf man sich als Bewerber nicht blenden lassen. Denn manche Krankenhäuser haben diese Angebote, um Berufsanfänger leichter rekrutieren zu können. Natürlich ist für Bewerber schwer zu beurteilen, ob nur das PJ gut organisiert ist oder ob dort auch die Assistenzarztstellen attraktiv sind. Da kommen wir auch zu dem großen Problem der Intransparenz: Von außen ist eben schwer zu erkennen, wo die Arbeitsbedingungen tatsächlich gut sind. Sogar die Infos von jemandem, der selbst in dem Haus ist, aber vielleicht in einer anderen Abteilung arbeitet, können manchmal nicht so richtig aussagekräftig sein.

"In 20 Jahren seid ihr unsere Patienten – verscherzt es euch nicht", schreibt der Medizinstudent Deniz Tafrali und fordert von Chefärzten und Oberärzten einen respektvolleren Umgang mit dem Nachwuchs.

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Mit dem Treatfair-Ranking bieten wir eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen auf Basis verschiedener Einschätzungen von Ärzten, die in einer Abteilung arbeiten. Im Ranking werden die attraktivsten Krankenhausabteilungen über alle Fächer hinweg aufgeführt. So wollen wir Stellensuchenden eine Orientierungshilfe bieten und grundlegend an der Intransparenz rütteln. Auch ich als Arzt hätte mir damals zum Berufsstart eine solche Auflistung gewünscht. Die meisten Krankenhaus-Rankings, die es sonst gibt, sind ja eher auf Patienten ausgerichtet – das hilft Bewerbern aber nicht weiter. Natürlich empfehlen wir neben dem Blick auf unser Ranking, viel zu fragen, viel zu beobachten und in verschiedenen Kliniken zu hospitieren – das hilft, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Aber grundsätzlich muss einem klar sein, dass man auch so vielleicht nur einen Teil der Wahrheit erfährt.

Was können Kliniken tun, um die Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern?

Dr. Benedict Carstensen: Prinzipiell sind viele Maßnahmen möglich – auch kostenneutral. Der erste Schritt ist aber immer die Erkenntnis, dass man sich verbessern möchte. Gerade die Intransparenz, über die wir gerade gesprochen haben, macht natürlich Aussagen möglich wie „Woanders ist es auch nicht besser“. Und das ist natürlich ein Killer für jeden Veränderungswillen. Wenn man etwas verändern möchte, ist es erstmal wichtig, die aktuell vorherrschende Krankenhauskultur zu hinterfragen: also bestehende Hierarchien, Fehlerkultur und die teilweise mangelnde Wertschätzung. Ganz konkret könnten Kliniken flachere Hierarchien implementieren. Das muss nicht heißen, dass der Chef- oder Oberarzt dem Assistenzarzt nicht mehr sagen soll, was er diagnostisch oder therapeutisch zu tun hat. Es geht eher um den Abbau der sozialen Hierarchien und darum, dass trotz fachlichem Machtgefälle Mitarbeiter in einer Arbeitsatmosphäre arbeiten, die von Wertschätzung und Akzeptanz geprägt ist. Wenn Mitarbeitern jetzt noch konkrete Angebote zur Fort- und Weiterbildung gemacht werden, sind Krankenhäuser auf dem besten Weg zu zufriedenen Mitarbeitern.

Welche Rolle spielt die Work-Life-Balance? Wie flexibel muss eine Klinik sein, um für Menschen in unterschiedlichen Lebensmodellen attraktiv zu sein?

Dr. Benedict Carstensen: Das Thema Work-Life-Balance nimmt eine immer wichtigere Rolle ein. Aber es ist nur einer der Faktoren, die für Mediziner wichtig sind. Eine Flexibilität des Arbeitgebers gegenüber dem Mitarbeiter ist für beide Seiten gut. Denn wenn der Mitarbeiter sich hier ernstgenommen fühlt, kann er auch viel Produktivität zurückgeben. Insofern ist es eigentlich eine Win-Win-Situation, wenn die Kliniken hier auf ihre Mitarbeiter zugehen. Da gibt es viele individuelle Modelle und keine pauschale Lösung.

Im Treatfair-Ranking haben Sie 100 Krankenhausabteilungen aufgeführt, in denen die Mitarbeiter besonders zufrieden sind. Woher stammen die Daten?

Dr. Benedict Carstensen: Wir haben eine Umfrage durchgeführt, die deutschlandweit ausgefüllt werden konnte. Auch aus Österreich und der Schweiz haben Ärzte teilgenommen. Die Umfrage war an Krankenhausärzte gerichtet – man konnte sich darin über die Zufriedenheit mit der eigenen Abteilung äußern und seine Meinung zu verschiedenen Arbeitsfacetten wie Arbeitsbedingungen, Weiterentwicklung oder Führungskompetenz abgeben. Motivation zur Teilnahme war für die meisten der Gedanke, dabei mitzuhelfen, die Transparenz bei der Stellensuche zu verbessern. Denn das Problem, dass man schwer einschätzen kann, welches die richtige Stelle ist, das kennt jeder Arzt, der sich schon mal beworben hat. Der Clou aus Ärzte-Sicht ist: Mit dem Ranking haben mitarbeiterorientierte Krankenhäuser erstmals einen Riesenvorteil gegenüber anderen mit schlechteren Arbeitsbedingungen. Durch diese Anreizwirkung wollen wir mit unseren Befragungen langfristig das Arbeitsumfeld in den Krankenhäusern verbessern. Deshalb werden wir auch von Prof. Dr. Georg Marckmann, dem Präsidenten der Akademie für Ethik in der Medizin, unterstützt.

Insgesamt mehr als 1.200 Ärzte haben sich an der aktuellen Umfrage beteiligt. Wird es eine Nachfolgebefragung geben?

Dr. Benedict Carstensen: Auf jeden Fall. Um das Problem der Intransparenz nachhaltig zu lösen, werden wir die Umfrage jedes Jahr wiederholen. Die nächste Umfrage ist ab dem 1. Dezember 2019 freigeschaltet und kann von allen Krankenhausärzten ausgefüllt werden. Das dauert auch nur zwei bis drei Minuten und wir freuen uns, wenn sich möglichst viele Ärzte daran beteiligen. Viele Chefärzte, die selbst Interesse an einem guten Arbeitsumfeld haben, wissen von der Umfrage und leiten sie an ihre Mitarbeiter weiter. Für die Kliniken ist das eine gute Möglichkeit, ihre Mitarbeiterorientierung nach außen zu kommunizieren.

Dr. Benedict Carstensen ist Referent auf dem Operation Karriere-Kongress am 7. Dezember in Heidelberg.