Wenn ein Behandlungsfehler alles verändert

Wie werden Fehler denn in Kliniken gehandhabt – und wie hat sich das in den letzten Jahrzehnten verändert?

Gina Bucher: Von außen kann ich das natürlich nur schwer beurteilen. Aber ich habe gehört, dass sich die Kultur so langsam ändert. Es gibt immer mehr Meldesysteme, bei denen man sich als Arzt oder Pflegekraft melden kann. Es wäre auf jeden Fall wünschenswert, hier eine größere Offenheit zu entwickeln. Die Ärztin sagte in unserem Gespräch etwas Interessantes: dass die jungen Leute heute selbstbewusster sind und viel stärker einfordern, auch über solche Themen zu sprechen. Die Ärzte stecken da in einem Dilemma: Natürlich sind sie keine „Götter in Weiß“, sondern sie machen Fehler wie alle anderen auch – das wissen auch alle. Aber wenn man selbst behandelt wird, dann erwartet man natürlich schon, dass genau dann kein Fehler passiert – aber verhindern lässt es sich einfach nicht immer.

Wie geht die Ärztin jetzt im Nachhinein mit diesem Dilemma um?

Gina Bucher: Sie hat sich einen Arbeitsplatz gesucht, an dem sie eine bessere Kontrolle über die Abläufe hat und sich besser aufgefangen fühlt. So konnte sie die Risiken so gut wie möglich minimieren. Was sie jetzt weiß: Der Fehler, der ihr passiert ist, hätte verhindert werden können. Es gibt beispielsweise verschiedene Aufsätze, damit nur die richtigen Ampullen passen und andere gar nicht verwendet werden können. Das wusste sie aus einer anderen Klinik und hat es ihrem Arbeitgeber auch vorgeschlagen. Doch da wurde ihr knallhart gesagt: „Das machen wir nicht, weil die Klinik sonst zugeben würde, dass da ein Fehler passiert ist.“ Das hat die Ärztin sehr erschüttert – zusätzlich zu ihrer persönlichen Schuld.

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Wie haben Sie überhaupt Menschen gefunden, die so offen über ihre Fehler sprechen?

Gina Bucher: Das war auch nicht so einfach. Die meisten Geschichten sind anonymisiert. Ich habe auf sehr unterschiedlichen Wegen nach diesen Personen gesucht: einerseits über Selbsthilfegruppen, aber auch über Psychologen, Sozialarbeiter, Juristen – all den Leuten, die mit solchen Menschen zu tun haben. In einzelnen Fällen ist es auch umgekehrt gelaufen, dass jemand von meinem Buchprojekt gehört hat und jemanden kannte oder sogar selbst eine Geschichte zu erzählen hatte. Ich habe nie jemanden überredet – das würde meinen Prinzipien widersprechen. Mir war wichtig, dass die Leute selbst erzählen wollen. Diese ganze Unsicherheit – soll ich davon erzählen oder soll ich nicht – das ist bei denen schon vorher passiert. Ich stelle mir vor, das gehört auch zu der Auseinandersetzung mit dem Thema. Das kann ja auch etwas Erleichterndes haben. Aber neben diesem Beicht-Effekt ging es auch vielen darum, dass der gleiche Fehler anderen nicht auch passiert. Die Ärztin beispielsweise wollte sehr gern aufklären und andere davor bewahren, weil sie selbst sehr stark darunter leidet.

Gehen Männer und Frauen eigentlich grundsätzlich unterschiedlich mit Fehlern um?

Gina Bucher: Es ist natürlich sehr individuell – sonst könnte ich einen Bestseller schreiben mit einer perfekten Anleitung, wie man damit umgeht. So ist es leider nicht (lacht). Aber ich glaube schon, dass Männer und Frauen – so pauschal man das jetzt sagen kann – unterschiedlich mit Fehlern umgehen. Das haben mir auch verschiedene Managerinnen bestätigt. Beispielsweise sprechen Männer gar nicht erst von „Fehlern“, sondern von „Erfahrungen“. Frauen sprechen viel häufiger von Fehlern und fragen auch schneller nach der Ursache. Sie fragen sich, wie sie in die Situation hineingeraten sind, während die Männer eher überlegen, wie sie aus der Lage wieder rauskommen.  Beide Strategien haben natürlich ihre Vorteile, aber am besten wäre es, man könnte beide kombinieren. Es war für mich viel einfacher, Männer zu finden, die über ihre Fehler sprechen wollten. Vielleicht ist der Grund dafür, dass Männer mit ihren Fehlern leichter abschließen können.

Was für Strategien helfen denn, mit dem Fehler abzuschließen?

Gina Bucher: Was sicher hilft, ist, sich mit seinem Fehler auseinanderzusetzen. Das haben in der ein oder anderen Form alle Personen gemacht, mit denen ich für das Buch gesprochen habe: sich selbst knallhart ins Gesicht zu schauen und auszuhalten, was man da sieht. Wichtig ist, sich selbst gegenüber einzugestehen, dass man diesen Fehler gemacht hat und welche Konsequenzen dieser Fehler hat. Außerdem spielt für viele die Religion eine Rolle. Viele Gesprächspartner haben sich vorher nie für Religion interessiert, aber nach dieser Geschichte haben sie einen Zugang dazu gefunden. Ich glaube, die Religion kann eine wichtige Rolle spielen, weil sie einem die Möglichkeit gibt, wieder neu anfangen zu dürfen. In der Bibel handeln beispielsweise viele Geschichten von der urmenschlichen Erfahrung des Scheiterns – das kann sehr tröstlich sein.

Welche Geschichte hat Sie am meisten beeindruckt?

Gina Bucher: Es war gar nicht so sehr ein einzelner Mensch, der mich beeindruckt hat – sondern vielmehr die einzelnen Situationen. Beispielsweise in der Geschichte von dem Jugendlichen, der wegen mehrerer Raubüberfälle vor Gericht kam und dort auf seine Opfer traf. Er hat sich dort bei seinen Opfern entschuldigt und konnte gar nicht fassen, dass die Opfer ihm verzeihen konnten. Er hatte erwartet, dass alle wütend auf ihn sind und ihm eine möglichst lange Haftstrafe wünschen – aber so war es nicht. Das waren solche Erzählmomente, die mir eine richtige Gänsehaut beschert haben.

Buchtipp:

Gina Bucher, Der Fehler, der mein Leben veränderte – Von Bauchlandungen, Rückschlägen und zweiten Chancen

© Piper Verlag GmbH, München, 2018
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05599-4
Preis: 22,00 Euro

Wie hat Ihr Buch ihre eigene Einstellung zum Scheitern verändert?

Gina Bucher: Eigentlich hat es mich wahnsinnig beruhigt. All die Gespräche, die ich geführt habe, haben mir gezeigt: Auch wenn einem ein krasser Fehler passiert, sind es immer Geschichten, die man auf handfeste Probleme runterbrechen kann und für die es oft konkrete Lösungsmöglichkeiten gibt. Im schlimmsten Fall kann man eine Strafe im Gefängnis absitzen oder ein Bußgeld bezahlen – man kann die Geschichte aber auch objektivieren und eine Distanz dazu entwickeln, zum Beispiel auch mit Selbstironie. In allen Geschichten, die ich gehört habe, sind viele helfende Hände vorgekommen. Bei der Ärztin gab es zum Beispiel einen Anwalt, der ihr einen großzügigen Rabatt gegeben und ihr damit sehr geholfen hat. Wenn einem ein Fehler passiert, gibt es kein „Schema F“, sondern man muss einfach improvisieren. Und das klappt auch oft, weil sich viele in der gescheiterten Person wiedererkennen und ganz unkompliziert Hilfe anbieten.