Weiterbildung Urologie: Nicht nur für Männer

Etwa ein Drittel der Patienten in der Urologie sind Frauen

Sich häufig mit männlichen Genitalien zu beschäftigen, könnte vielen unangenehm erscheinen. Meyering hat damit aber keine Probleme. „Während des Studiums absolviert man ja einige Famulaturen und ein Pflegepraktikum, bei denen man sich Schritt für Schritt mit Behandlungsabläufen vertraut macht. Als Arzt darf man keine Berührungsängste haben“, meint sie. Doch die kommen auch bei Patienten vor: Allein die Aussicht auf eine urologische Behandlung sorgt bei vielen Männern für betretene Mienen. Treffen sie dann auch noch auf eine junge Frau, wächst die Unsicherheit mancher Patienten zusätzlich. Probleme hätten vor allem junge Männer um die zwanzig, weil sie noch unsicher sind und ihnen unangenehm ist, vor einer Frau Probleme im Intimbereich zuzugeben. „Aber wenn man als Ärztin empathisch ist und sich professionell verhält, dann ist das in der Regel kein Problem“, versichert Meyering.

Der nächste Patient in der Notaufnahme sei ein junger Mann, sagt Meyering. Der Patient, der um die Ecke biegt, ist allerdings keineswegs jung, sondern in den mittleren Jahren. „Für Urologie ist es ein junger Mann“, winkt sie ab. Er kam bereits am vorigen Tag mit einem Eiterabszess am Hoden, der inzidiert wurde. Heute ist Befundkontrolle.

Und dann eilt die junge Ärztin schon wieder aus der Rettungsstelle auf die Station für Innere Medizin. Dort muss sie eine Patientin vor einer Blasen-OP aufklären. „Etwa ein Drittel der Patienten sind Frauen“, schätzt Meyering und korrigiert damit das häufig verzerrte Bild der Urologen in der Öffentlichkeit. Urologie ist viel mehr als die allgemein bekannte „Männerheilkunde“. Vom kleinen Kind über junge Frauen bis hin zum alten Mann behandelt man ein sehr breites Patientenspektrum. Urologen kennen sich bestens mit Beschwerden aus, die typischerweise bei Frauen vorkommen: Beckenboden- oder Gebärmuttersenkungen, Harnabflussstörungen und auch Geschlechtskrankheiten, wie Chlamydien, fallen ebenso darunter wie Krebserkrankungen, Inkontinenz oder Reizblase.

Am Bett der 84-jährigen Hildegard Hoffmann angekommen, erklärt die Assistenzärztin, was die Patientin bei der OP erwartet. Sie kam wegen blutigen Urins (Makrohämaturie) in die Rettungsstelle. Beim Ultraschall wurde eine Raumforderung in der Blase festgestellt. Die Diagnose Blasenkrebs steht im Raum. Unter Vollnarkose soll eine Gewebeprobe entnommen werden. Meyering weist die ältere Dame ausführlich auf die Risiken des Eingriffs hin, zum Beispiel auf das Infektions- und Verletzungsrisiko. Zudem kündigt sie ein weiteres Gespräch mit einem Anästhesisten an. Und schon geht es zurück in die Notaufnahme.

Assistenzärzte werden in der medikamentösen Tumortherapie ausgebildet

Das Besondere am Unfallkrankenhaus Berlin: Es verfügt über ein großes Zentrum für Rückenmarkverletzte, in dem auch Urologen arbeiten. Denn ist das Rückenmark geschädigt, werden auch die Nerven, die die Blase steuern, in Mitleidenschaft gezogen. Durch den gezielten Einsatz spezifischer Medikamente, Präzisionseingriffe durch die Harnröhre und Botulinumtoxininjektionen in den Blasen- und Sphinktermuskel oder das Einsetzen von „Blasenschrittmachern”, also Eingriffen an der Nervensteuerung von Blase und Schließmuskel, kann die Lebensqualität der Patienten erheblich gesteigert werden. Außerdem werden Assistenzärzte am ukb in der medikamentösen Tumortherapie solider Tumorerkrankungen ausgebildet. Zumindest in Berlin gehört sie zum festen Bestandteil der Weiterbildung zum Urologen.

Während Meyering durch die Flure des ukb eilt, stehen einige ihrer Kollegen am OP-Tisch. Obwohl sie sich heute um die Patienten in der Notaufnahme kümmert, weiß die angehende Fachärztin, welche Patienten ihre Kollegen operieren. Ein Patient hat eine angeborene dekompensierte Nierenbeckenstenose. Dabei kann der Urin nicht abfließen und staut sich in der Niere. Dies kann zu Infektionen und starken Schmerzen führen. Die Ärzte müssen nun eine innere Harnleiterschiene legen. Diese wird unter Röntgenkontrolle über die Blase eingefädelt, erklärt Meyering. Ein zweiter Patient, der an diesem Tag operiert wurde, hatte so große Nierensteine, dass man sie nicht mehr durch Harnröhre und Harnleiter entfernen konnte. Es wurde eine perkutane Nephrolithotomie durchgeführt. Die Entfernung von Tumoren wie Blasen- und Nierentumoren stehe ebenfalls sehr häufig auf dem OP-Programm.

Bereits am Anfang der Weiterbildung nehmen Assistenzärzte kleinere, vor allem ambulante Eingriffe, wie beispielsweise eine Zirkumzision (Beschneidung) vor. Später dürfen sie auch Blasentumoren resezieren oder Harnleitersteine unter fachärztlicher Aufsicht endoskopisch entfernen.

Von Kirschsaft und Roséwein

Zurück in der Rettungsstelle, schaut Meyering nach ihrem ersten Patienten des heutigen Tages, dem älteren Herren mit dem verrutschten Katheter. Der Urin des Mannes ist zwar immer noch blutig, die junge Ärztin winkt aber ab: „Wir Urologen können unterscheiden, was dramatisch blutig ist und was nicht.“ Und woran erkennt man das? „Wenn der Urin aussieht wie Kirschsaft, dann ist das ernst, wenn eher wie ein Roséwein, dann ist es nicht schlimm. So erklären wir das auch den Patienten, damit sie das auch selbst besser einschätzen können“, erklärt sie. Denn die meisten erschrecken sich sehr, wenn sie Blut im Urin entdecken. Sie sagt dem Patienten, dass er nicht im Krankenhaus bleiben muss.

Bevor Meyering in den verdienten Feierabend gehen kann, steht noch die Übergabe-Besprechung an. Nach und nach trudelt das Urologen-Team im kleinen Besprechungsraum ein. Die Besprechung kann beginnen. Einigen Patienten geht es besser, sie können schon in den nächsten Tagen entlassen werden. Andere Patienten sind schwerer erkrankt. Einer jungen Frau geht es zwar aus urologischer Sicht besser, allerdings wollen die Ärzte ihre Leberwerte bestimmen lassen. Denn die Leber der 23-Jährigen ist, berichtet Oberärztin und stellvertretende Klinikdirektorin Jana Pretzer, stark vergrößert und sieht nach einem beginnenden zirrhotischen Umbau aus. Für eine so junge Frau sei es sehr ungewöhnlich und bedarf weiterer Abklärung. Ein anderer Patient hat eine polyzystische Nierenerkrankung und blutet in viele Zysten massiv hinein, was zu einer Infektion mit hohem Fieber führte. Die Gefahr einer Sepsis ist sehr hoch.

Urologische Notfälle - schnelles Handeln angesagt

Plötzlich klingelt das Telefon: die Rettungsstelle. Ein junger Mann Anfang zwanzig kam eben in die Notaufnahme mit starken Schmerzen nach Geschlechtsverkehr. Die Verdachtsdiagnose: Hodentorsion. Bestätigt sie sich, ist schnelles Handeln angesagt. Es handelt sich hierbei um eine akut auftretende Verdrehung der sehr beweglichen Samenstranggebilde und des Hodens, so dass eine ausreichende Durchblutung nicht mehr gewährleistet ist. „Das ist ein echter urologischer Notfall“, erklärt die Oberärztin. Denn bereits nach vier bis sechs Stunden kommt es zu einer Nekrose und damit zum Organverlust. Bestätigt sich die Diagnose, muss der junge Mann also möglichst schnell in den OP. Reflexartig springt Meyering vom Stuhl auf. Doch ihre Schicht ist nun vorbei, und ein anderer Kollege macht sich auf den Weg in die Rettungsstelle. Die junge Ärztin hat Feierabend. „Jetzt gehe ich schnell meinen Sohn abholen“, sagt sie voller Vorfreude und eilt in die Umkleide. 

Wie wird man Urologe/-in?

Um Facharzt/-ärztin für Urologie zu werden, muss man entsprechend der (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer eine Weiterbildung von 60 Monaten absolvieren. Davon können meist bis zu zwölf Monate in der stationären Patientenversorgung im Gebiet Chirurgie und sechs Monate in einem anderen Gebiet angerechnet werden. Außerdem können bis zu zwölf Monate im ambulanten Bereich abgeleistet werden. Es gilt die Weiterbildungsordnung Ihrer Landesärztekammer.

Während und nach der Facharztweiterbildung können Urologen sich spezialisieren und Zusatzbezeichnungen in der Andrologie, medikamentöser Tumortherapie, fachgebundener Röntgendiagnostik und der Proktologie erwerben.

Dieser Artikel ist erstmalig erschienen in "Medizin studieren", Ausgabe 2/2014, S. 18

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