Was wollen Chefärzte? Und wie passt das zu Deinen Erwartungen an die Weiterbildung?

Dr. Georg Hillebrand und PD Dr. Marko Fiege im Interview

Sehen Sie Diskrepanzen zwischen den Erwartungen der jungen Ärzte und den Erwartungen der Chefärzte?

Fiege: Da muss es Diskrepanzen geben. Jemand, der eine Facharzt-Weiterbildung anfängt, hat ja ein ganz persönliches Interesse daran, in einer bestimmten Zeit gut ausgebildet zu werden und das auch mit seinem restlichen Leben gut kombinieren zu können – und das soll auch noch irgendwie nett sein. Das ist das Interesse der Weiterbildungsassistenten. Als Chefärzte haben wir natürlich auch ein Interesse daran, dass wir die besten Leute für unsere Klinik  gewinnen und weiterbilden möchten – und es ist toll, wenn sie dann später erzählen, wie gut die Weiterbildung bei uns war.  Aber wir haben natürlich auch ein Interesse an fleißigen Mitarbeitern, die für ihr Geld auch gute Arbeit machen – denn Weiterbildung ist nicht Ausbildung. Wir müssen die klinischen Belange abdecken und da ist es wichtig, dass die jungen Kollegen ab einem gewissen Zeitpunkt auch produktiv sind. Es ist immer herausfordernd, die Balance zwischen diesen beiden Interessen zu halten.

Was können denn Kliniken in dem Zusammenhang tun, um für die jungen Ärzte attraktiv zu sein?

Fiege: Ich glaube, man braucht ein gutes, strukturiertes Weiterbildungskonzept. Man muss eine Idee haben, wie man die Leute ausbildet: Was baut aufeinander auf und wann passt welcher Baustein gut ins Gesamtkonzept? Es gibt ja auch viele didaktische Gründe, warum eine bestimmte Reihenfolge bei den Inhalten sinnvoll ist. So ein Konzept muss es in der Klinik geben.

Hillebrand: Es ist ja auch immer eine Frage, inwieweit sich Didaktik und der Anspruch an Lehre im Klinikalltag mit dem Team umsetzen lassen. Das eine ist eine Art Curriculum, in dem die Abläufe der Facharzt-Weiterbildung über fünf oder sechs Jahre strukturiert sind. Das andere ist der Alltag: Inwieweit findet Lehre im Alltag statt? Das ist "Training on the job", weil natürlich in erster Linie die Patienten versorgt werden müssen. Manchmal ist die Ambulanz total voll – da muss schnell gearbeitet werden. Andererseits möchte der Assistenzarzt vielleicht jeden Fall sehr ausführlich nachbesprechen. Da muss man einen guten Kompromiss finden.

Wie bringen Sie diese unterschiedlichen Erwartungen in der Praxis unter einen Hut?

Hillebrand: Ich glaube, uns in der Kinderklinik in Itzehoe gelingt das ganz gut. Für uns im oberärztlichen und chefärztlichen Team ist Lehre ein wichtiger Teil unserer täglichen Arbeit. Wir machen jeden Morgen eine ausführliche Morgenbesprechung. Da besprechen wir alle neuen Patienten, bringen aber auch gleichzeitig noch einen Teaching-Aspekt mit rein. Da gibt es dann jeden Tag ein besonderes Thema, das kurz angesprochen wird. Außerdem gibt es jede Woche Fallkonferenzen, in denen wir reihum Fälle vorstellen. Und es gibt regelmäßige Besprechungen mit den Kollegen aus anderen Fachrichtungen. Ich glaube, das ist eine Herausforderung und ein Anspruch an das Team der leitenden Ärzte, dass sie sich neben der Patientenbetreuung und ihren administrativen Aufgaben nicht vergessen, dass die Ausbildung ein wesentlicher Teil des Jobs ist – und zwar qualitativ auf einem hohen Niveau. Und wenn man das berücksichtigt, spricht sich das rum – und das macht eine Klinik attraktiv für Bewerber.

Serie Berufsstart

In unserer Serie zum Thema Berufsstart geben wir wertvolle Tipps zu allen Schritten von der Stellensuche über die Bewerbung und das Vorstellungsgespräch bis zum Arbeitsbeginn in der Klinik. Teil 8: Wie finde ich eine gute Weiterbildungsstätte?

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Fiege: Ich glaube, dass es eine gewisse Ehrlichkeit in der curricularen Ausbildung geben muss. Für mich heißt das, die curricularen Vorgaben müssen realistisch zu dem passen, was wir auch umsetzen können. Wir betreiben zum Beispiel auch ein Simulatonszentrum und machen simulationsgestützte Weiterbildung – aber im realen Leben geben die Patienten und der Klinikbetrieb vor, was passiert. Man kann in das Curriculum schreiben, dass jemand nach 92 Wochen eine bestimmte Behandlung durchführt. Aber dafür muss der passende Patient da sein und der Weiterbildungsassistent muss im Vorfeld die nötigen Grundlagen gelernt haben. Bei uns gibt es in der Weiterbildung Jahresthemen – da ist jemand dann schwerpunktmäßig zum Beispiel in der Intensivstation beschäftigt oder macht viel Notfallmedizin. Dieses grobe Raster halten wir auch seit längerer Zeit ziemlich dezidiert ein. Das lässt sich leichter umsetzen als ganz konkrete Pläne, was wann genau gemacht werden soll. Wenn man so ein grobes Raster hat, ist man schon relativ weit.

Was geben Sie jungen Ärzten mit auf den Weg, damit der Einstieg in die Weiterbildung gut klappt?

Hillebrand: Sie müssen für sich selbst eine Entscheidung treffen, dass es jetzt losgehen soll. Ich erwarte von niemandem, dass er seine künftige Karriere schon zu Beginn der Weiterbildung komplett vor Augen hat. Aber es sollte eine bewusste Entscheidung fallen: "Die nächsten zwei bis fünf Jahre bin ich jetzt in diesem Fach. Ich bin jetzt bereit zu starten und mein Leben darauf einzurichten." Und dann klappt es.

Fiege: Ich glaube, so eine Offenheit und Neugier für diesen Lebensabschnitt, der ganz anders ist als das Studium, ist wichtig: Das ist dann Real-Life und das heißt auch, man muss sich auf die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen einlassen. Da beginnt auf einmal auch ganz viel soziale Interaktion am Arbeitsplatz. In so einem Gefüge muss man sich erstmal zurechtfinden. Manchmal hilft es vielleicht, die eigenen Erwartungen ein Stück weit zurückzuschrauben – und die neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Die ersten Wochen und Monate sind – zumindest bei mir im Fach – extrem anstrengend. Das erzählen alle jungen Kollegen. Aber nach ungefähr einem halben Jahr ist auch wieder ein normales Leben außerhalb der Arbeit möglich.

Operation Karriere Hamburg, 14.06.2019, Impulsvortrag: "Neu in der Klinik – Erwartungen von Chefärzten und Weiterbildungsassistenten", PD Dr. med. Marko Fiege, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Dr. med Georg Hillebrand, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, beide Klinikum Itzehoe

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