Vom Arztdasein in Amerika – Coronavirus: Die vergessenen Opfer

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal erzählt er von zwei tragischen Sterbefällen während des Shutdowns.

Arzt in Amerika

Auch in Deutschland könnte es älteren Patienten so ergehen wie den beiden US-Patienten. | Pixabay

Das Coronavirus ist immer weniger im Zentrum der Berichterstattung. Trotzdem wird noch immer von den, je nach Sichtweise, mit oder an SARS-CoV-2 verstorbenen Menschen berichtet. Die weltweiten Todeszahlen sind in den sechsstelligen Bereich gestiegen, doch sind das wirklich die einzigen Opfer der Coronaviruspandemie?

Ich bin der Ansicht nein und aus meiner Sicht sind vor allem viele alte Menschen betroffen gewesen, die eben nicht an SARS-CoV-2 erkrankt sind und trotzdem unter ihm und den deshalb getroffenen Maßnahmen leiden mussten. Ich will zwei Beispiele pars pro toto schildern.

Beim ersten Beispiel handelt es sich um einen gar nicht einmal so alten Mann, einem 70-jährigen mit im Körper weit gestreutem Magenkrebs. Ich nahm ihn wegen Atemwegs­problemen Ende März auf. Sein Test auf SARS-CoV-2 war negativ, und es stellte sich vielmehr eine bakterielle Lungenentzündung als ursächlich heraus. Trotz Antibiose und diversen anderen Maßnahmen besserte sich sein Zustand nicht, und er lag fast zwei Wochen auf unserer Station, abgeschnitten von der Außenwelt, denn keine Besucher waren zugelassen. Es war offensichtlich, dass er an seinem Krebsleiden sterben würde und er nur noch wenige Wochen zu leben habe.

So verbrachte er also, abgeschnitten von seiner Frau, seinen Kindern, Verwandten und Freunden, diese zwei Wochen bei uns im Krankenhaus. Kein Pflegeheim wollte ihn wegen der COVID-19-Angst aufnehmen, und auch Hospizinstitute lehnten ihn wegen Angst vor SARS-CoV-2-Ausbreitung trotz negativen Tests ab. Das waren eben die Coronavirus-Regeln. Erst als durch einen glücklichen Zufall ein Hospiz völlig frei wurde, konnte er dorthin entlassen werden und die wenigen verbliebenen Wochen im Kreise seiner Liebsten verbringen.

War das die Solidarität mit den Alten und Kranken, wie uns medial gesagt wurde?

Der zweite Fall war noch tragischer: Ich lernte Frau H. Anfang April kennen. Sie, eine 92-jährige Frau, war noch sehr rüstig und gesund gewesen, nahm keine Medikamente ein, doch hatte sie Mitte März einen trockenen Husten entwickelt. Da sie in einem Altersheim lebte und damals die Angst vor dem Coronavirus schon die örtliche Gemeinde ergriffen hatte, wurde sie gebeten nunmehr in ihrem Zimmer zu bleiben, sich „sozial zu isolieren“. Getestet wurde nicht, denn damals hatten wir noch keine SARS-CoV-2-Tests im Überfluss wie wir sie ab Mitte April hatten. So konnten weder Familie noch Freunde sie besuchen, und sie blieb den ganzen Tag über in ihrem Zimmer isoliert.

Anfang April, während sie zum WC mit ihrem Rollator ging, stürzte sie auf ungeschickte Art und Weise („Herr Doktor, ich war einfach so schwach geworden vom vielen Auf-dem-Zimmer-bleiben“) und brach sich die Hüfte. So lernte ich sie noch vor der Operation kennen. Die Operation verlief zwar erfolgreich, doch postoperativ glitt sie trotz allerlei Gegenmaßnahmen in Multiorganversagen ab und obwohl ich sie mit intensivmedizinischen Maßnahmen stabilisieren konnte, hatte sie große Hirn- und Herzinfarkte gehabt. Es war nach wenigen Tagen klar, dass sie sich nie würde erholen können.

Keine Besucher zugelassen

Doch das Krankenhaus war gesperrt für Besucher und so lag diese Frau getrennt von ihren fünf Kindern und unzähligen Enkelkindern auf unserer Intensivstation. Natürlich sprach ich täglich mit ihren Kindern, und die Krankenschwestern hielten der nicht-ansprechbaren Frau das Telefon mehrmals am Tag an ihr Ohr, wo man ihr, gegen die Geräusche der Pumpen und Beatmungsgeräte ankämpfend, vorsang und erzählte wie sehr man sie liebe.

Es schien unabwendbar, dass sie bei uns auf Station sterben würde, und das vermittelte ich den Kindern. Ich erwirkte eine Ausnahmegenehmigung nach fünf Tagen stationären Aufenthaltes und eines, wirklich nur eines, ihrer fünf Kinder durfte sie mit Gesichtsmaske und Handschuhen besuchen. Die Angst der Krankenhausverwaltung vor dem Coronavirus war einfach größer als der Respekt vor den Sterbenden. Doch die anderen 30 Familienmitglieder und unzähligen Freunde und Bekannte wollten sie auch sehen, sich von dieser sterbenden Frau verabschieden. 

Transport im Krankenwagen für 1.500 US-Dollar

So zerbrachen wir uns zwei Tage lang den Kopf, um endlich einen rettenden Einfall zu haben: Trotz SARS-CoV-2-Angst fand sich ein Krankenwagen, der sie gegen 1.500 US-Dollar Privatgebühr ins Haus einer der Töchter fuhr, und eine der Enkelkinder, als Hospizkranken­schwester gut vernetzt, konnte Sauerstoff und benötigte Utensilien kurzfristig organisieren. Natürlich füllte ich entsprechende Dokumente aus, beantragte die Bereitstellung und verschrieb benötigte Medikamente, doch es grenzte fast an ein Wunder all das am Wochenende erreichen zu können.

So konnte diese 92-jährige Frau ihre letzten 37 Stunden (man rief mich später an und schilderte mir alles en detail) noch bei ihrer Familie verbringen und starb anderthalb Tage nach ihrer Entlassung im Kreis ihrer Liebsten. So hatte diese Frau nicht wegen, sondern unter Umgehung der staatlichen Institutionen Menschlichkeit und ihre letzte Würde gefunden.

Ist das die Solidarität mit den Kranken und Alten, von denen in den Medien die Rede ist?

Ich habe leider oft das Gegenteil wahrgenommen und glaube, dass es viel mehr SARS-CoV-2-Opfer gibt als nur die hinter den offiziellen Zahlen.Frau verabschieden.

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