Überblick: Weiterbildung Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Virologen sind gerade gefragte Ansprechpartner bei der Diskussion um die Auswirkungen des Coronavirus. Aber wie wird man eigentlich Experte auf diesem Gebiet? Hier sind alle Fakten zur Weiterbildung dargestellt.

Mikroskop

Als Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie arbeitet man häufig im Labor. | CCO

Auf einen Blick: Facharzt-Weiterbildung Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Definition: Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie beschäftigen sich mit der Labordiagnostik der durch Mikroorganismen, Viren und andere übertragbare Agenzien bedingten Erkrankungen. Zu den Aufgaben zählen außerdem die Aufklärung ihrer Ursachen, Pathogenese, Abwehr und epidemiologischen Zusammenhänge bei Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie dauert 60 Monate. Davon müssen 12 Monate in der stationären Patientenversorgung abgeleistet werden. Bis zu 12 Monate können in Hygiene und Umweltmedizin, Laboratoriumsmedizin, Öffentliches Gesundheitswesen, Transfusionsmedizin und/oder in der Zusatz-Weiterbildung Infektiologie erfolgen.

Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 1.140 Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Davon sind 811 berufstätig. 317 arbeiten ambulant, 337 stationär in einer Klinik, 65 in Behörden, Körperschaften und ähnlichen Einrichtungen.

Eines vorneweg: Man kann als Mediziner nicht "nur" Virologe werden. Wer sich für diesen Bereich interessiert, sollte eine Facharztweiterbildung für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie ins Auge fassen. Diese Fachärzte beschäftigen sich vor allem mit der Diagnostik und Therapie von Infektionskrankheiten. Das bedeutet: Der Arbeitsplatz dieser Fachärzte ist das Labor; sie haben nur selten Kontakt zu Patienten.

Dafür sprechen sie häufig mit ihren klinisch tätigen Kollegen: Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie unterstützen andere Ärzte in Kliniken und im öffentlichen Gesundheitsdienst, wenn es darum geht, Infektionkrankheiten zu erkennen, zu behandeln und ihre Ausbreitung zu verhindern. Außerdem sind sie auch präventiv tätig.

Die Mikrobiologie ist ein Teilgebiet der Medizin, aber auch der Biologie. Unterschieden werden hier vier verschiedene Spezialgebiete:

  • Bakteriologie, die Wissenschaft und Lehre von den Bakterien
  • Mykologie, die Wissenschaft und Lehre von den Pilzen
  • Protozoologie, die Wissenschaft und Lehre von den Urtierchen
  • Virologie, die Wissenschaft und Lehre von den Viren

Anders als Biologen beschäftigen sich Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie vor allem mit Kleinstlebewesen, die Krankheiten auslösen können – bei Menschen, aber auch bei Tieren. Das wichtigste Arbeitsgerät ist dabei das Mikroskop, denn Mikroorganismen sind nur bei sehr starker Vergrößerung sichtbar. Dabei untersuchen Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie beispielsweise Blut, Speichel, Eiter oder Stuhl von Patienten, die an einer Infektionskrankheit erkrankt sind oder erkrankt sein könnten.

Mikrobiologen können sich einerseits in einer eigenen Facharztpraxis niederlassen, sie arbeiten aber auch in den Laboren von Krankenhäusern und Universitätskliniken oder im öffentlichen Gesundheitsdienst. Derzeit gibt es laut Statistik der Bundesärztekammer (Stand 2019) 1.140 Fachärzte und Fachärztinnen für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie in Deutschland.

Fakten zur Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Desinfektion und Sterilisation
  • Arbeitssicherheit im medizinischen Labor, insbesondere im Umgang mit potenziell gefährlichem Untersuchungsmaterial

Infektiologische Notfälle

  • Infektionen mit hochpathogenen Erregern sowie lebensbedrohliche Verläufe von Infektionen
  • Notfalldiagnostik einschließlich Beratung bei Infektionen, insbesondere Meningitis/Enzephalitis, Sepsis, Gasbrand, Malaria, akzidentellen, beruflichen oder kriminell verursachten Infektionen (Richtzahl: 25)
  • Auswahl der geeigneten Antiinfektiva bei akuten systemischen Infektionen (Richtzahl: 100)
  • Beratung zu Sofortmaßnahmen zur Prävention und zum Management akut lebensbedrohlicher Infektionen

Infektionskrankheiten

  • Symptomatologie und Epidemiologie der Infektionskrankheiten
  • Epidemiologie von Reise- und Tropenkrankheiten und lebensmittelbedingten Infektionen, Ausbrüche, Epidemien und Pandemien, Infektionskrankheiten bei Migration
  • Erreger und Toxine als Biowaffen
  • Diagnostik und Differentialdiagnostik sowie Grundlagen der Therapie und Verlaufsbeurteilung von Infektionskrankheiten
  • Besonderheiten der Diagnostik und Hygiene bei Immunsuppression und Immundefizienz
  • Beratung zur Therapie und Prävention ambulant und nosokomial erworbener Infektionskrankheiten

Präanalytik

  • Beratung zur Präanalytik und Methodenauswahl
  • Beurteilung von Untersuchungszeitpunkt, Gewinnung, Transport, Materialart, Materialeignung, Methodenauswahl für die klinische Fragestellung

Methoden der Infektionsdiagnostik

  • Immunologie und Immunpathologie von Infektionen
  • Zellkulturtechniken zum Nachweis von Viren
  • Diagnostik zum Nachweis von Toxinen
  • Sequenzierung einschließlich deren Auswertung und Interpretation
  • Diagnostik von
  1. Bakterien
  2. Pilzen
  3. Parasiten
  4. Viren
  • Mikroskopische Untersuchungen
  • Kulturelle Untersuchungen, z. B. Anzucht, Differenzierung, Typisierung, Empfindlichkeitsprüfung, Sterilitätstestung
  • Erregeridentifikation mittels biochemischer Methoden und Massenspektrometrie
  • Immunologische Untersuchungen, z. B. Nachweis von Antigenen und Antikörpern, Immunzellen, Zytokinen, Immunglobulinen und Komplementfaktoren
  • Molekularbiologische Untersuchungen zum Nachweis, zur Typisierung und Empfindlichkeitsprüfung von Infektionserregern

Bewertung und Befundinterpretation

  • Erstellung einschließlich Interpretation infektiologischer Befunde
  • Differenzierung von pathologischer und Normalflora, Bewertung opportunistischer Infektionen

Antiinfektive Therapie und Antibiotic Stewardship

  • Grundlagen der Erstellung von Empfehlungen zum Einsatz von Antiinfektiva unter Berücksichtigung der lokalen Resistenzlage
  • Ermittlung, Bewertung und Steuerung des Antiinfektivaverbrauchs
  • Auswahl der geeigneten Antiinfektiva bei Infektionen durch
  1. Bakterien
  2. Pilze
  3. Parasiten
  4. Viren
  • Klinisch mikrobiologische Konsile bei stationären Patienten (Richtzahl: 20)
  • Erstellung von Erreger- und Empfindlichkeitsstatistiken für Krankenhäuser und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens

Impfprävention

  • Beurteilung von Immunstatus und Impfindikation
  • Berücksichtigung des Impfstatus für die Infektionsdiagnostik

Infektionsprävention und Surveillance

  • Surveillance-Systeme zur Erfassung von nosokomialen Infektionen, Antibiotikaverbrauch und Antibiotikaresistenzen
  • Verfahren zum Nachweis klonaler Zusammenhänge und zur Aufdeckung von Infektketten
  • Infektionsepidemiologische Auswertungen, Erfassung und Bewertung bei Verdacht auf Ausbrüche nosokomialer oder ambulant erworbener Infektionen zur Erreger- und Resistenzüberwachung, Identifikation von Risikofaktoren und Bekämpfung (Richtwert: 10)

Infektions-, Krankenhaus- und Praxishygiene

  • Risikoadaptiertes Hygienemanagement
  • Mikrobiologische, virologische und hygienische Überwachung, Risikoanalyse, Bewertung und Empfehlung von Maßnahmen in Operations-, Intensivpflege-, Funktions- und sonstigen Krankenhaus-Bereichen unter Einschluss technischer Anlagen, z. B. Wasser, Luft
  • Beurteilung von Baumaßnahmen oder des Betriebs von Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen
  • Mikrobiologische und virologische Bewertung antiseptischer und desinfizierender Substanzen; Überwachung der Aufbereitung, Desinfektion und Sterilisation von Medizinprodukten, Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen; Risikoeinschätzung von Dekontaminationsprozessen hinsichtlich ihrer Erfordernis zur Verhütung nosokomialer Infektionen
  • Durchführung von Fortbildungen für medizinisches Personal zum Thema Infektionsprävention
  • Anleitung des Personals für die Krankenhaushygiene sowie Kommunikation mit den Entscheidungsträgern im Krankenhaus und überwachenden Gesundheitsbehörden; Ausbruchs- und Störfallmanagement
  • Erstellung von Hygieneplänen und Hygienekonzepten und Beteiligung an Hygieneprojekten

Labor- und Qualitätsmanagement

  • Einflussgrößen, Störfaktoren, Evaluation und Standardisierung von Untersuchungsverfahren und Validierung diagnostischer Verfahren
  • Relevante Qualitätsmanagementsysteme
  • Umgang mit und Lagerung von Referenzmaterialien und Proben
  • Grundlagen der Biobanken
  • Verfassen von Dokumenten im Qualitätsmanagementsystem und Validierung diagnostischer Verfahren
  • Durchführung von Ringversuchen

Spezielle Übergangsbestimmungen sind:
Kammerangehörige, die die Facharztbezeichnung Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie besitzen, sind berechtigt, stattdessen die Facharztbezeichnung Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie zu führen.

Quelle: (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.