Überblick: Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin sind deutschlandweit am gefragtesten, auch weil wenige diese Weiterbildung absolvieren. Wie wird man Facharzt dieser Fachrichtung? In unserer Serie „Überblick“ stellen wir alle Weiterbildungsmodalitäten vor.

Hygiene und Umweltmedizin

Nur 99 berufstätige Fachärztinnen und Fachärzte in der Hygiene und Umweltmedizin gibt es deutschlandweit. | K.C./Fotolia

Auf einen Blick: Facharzt-Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

Definition: Fachärztinnen und Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin erkennen, erfassen und bewerten endogene und exogene Faktoren, die der Gesundheit schaden. Außerdem entwickeln Ärzte in diesem Bereich Grundsätze für den Gesundheitsschutz, die Vermeidung dieser Faktoren und die gesundheitsbezogene Umwelthygiene.

Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der Hygiene und Umweltmedizin dauert 60 Monate. Davon müssen 48 Monate in der Hygiene und Umweltmedizin und 12 Monate in der stationären Patientenversorgung anderer Gebiete abgeleistet werden. Bis zu 12 Monate können im Gebiet Pharmakologie und/oder in Arbeitsmedizin, Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und/oder Öffentliches Gesundheitswesen angerechnet werden.

Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 457 Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin. Davon sind 227 berufstätig. 21 arbeiten ambulant, 98 stationär in einer Klinik, 51 in Behörden, Körperschaften und ähnlichen Einrichtungen.

Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin sind für unser Gesundheitssystem unverzichtbar: Ihre Aufgabe ist es unter anderem, Arztpraxen, Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen in Fragen der Hygiene und des Infektionsschutzes zu beraten und auf der Basis von nationalen und internationalen Empfehlungen entsprechende Konzepte auszuarbeiten. Sie sind also nicht in der unmittelbaren Patientenversorgung, sondern vor allem im präventiven Bereich tätig. Zu den Aufgaben dieser Facharztrichtung gehört es beispielsweise auch, die hygienische Qualität von Trinkwasser, Gebrauchsgegenständen, Lebensmitteln, Luft und Boden zu bewerten und entsprechende Gutachten zu schreiben.

Mediziner dieser Fachrichtung arbeiten häufig in Laboren, Gesundheitsämtern oder anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Aber auch eine Niederlassung in einer eigenen Praxis ist möglich. Wer die Facharzt-Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin abgschlossen hat, kann sich quasi über eine Jobgarantie freuen: Bei keiner anderen Facharzt-Richtung gibt es in Deutschland weniger Bewerber pro ausgeschriebene Stelle im Deutschen Ärzteblatt. Das geht aus dem Facharzt-Index hervor, der jedes Jahr die Zahl der Stellen den potentiellen Bewerbern gegenüberstellt. Im Jahr 2018 waren es im Bereich Hygiene und Umweltmedizin nur 10,5 mögliche Bewerber pro Stelle – weniger als in jedem anderen Fachgebiet.

Dauer der Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

Die reguläre Weiterbildung zum Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin dauert 5 Jahre. 

  • 4 Jahre Hygiene und Umweltmedizin
  • 12 Monate in der stationären Patientenversorgung anderer Gebiete

Bis zu 12 Monate können im Gebiet Pharmakologie und/oder in Arbeitsmedizin, Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und/oder Öffentliches Gesundheitswesen angerechnet werden. 

Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Desinfektion und Sterilisation

Krankenhaushygiene und Infektionsprävention

  • Risikoadaptiertes Hygienemanagement, basierend auf nationalen und internationalen Empfehlungen
  • Mikrobiologische, virologische und hygienische Überwachung, Risikoanalyse, Bewertung und Empfehlung von Maßnahmen in Operations-, Intensivpflege-, Funktions- und sonstigen Krankenhaus-Bereichen unter Einschluss technischer Anlagen (Richtzahl: 10), davon
  1. Aufbereitung von Trinkwasser
  2. Aufbereitung von Badewasser
  3. Müllentsorgung
  4. Abwasserentsorgung
  5. raumlufttechnische Anlagen
  • Krankenhaus- und Praxisbegehungen mit mikrobiologischer, ggf. chemischer und physikalischer sowie funktionell baulicher Bewertung von Abteilungen (Richtzahl: 25), davon
  • Operationssaal (Richtzahl: 5)
  • Intensivmedizin, Neonatologie, Stammzelltransplantationseinheiten (Richtzahl: 5)
  • Funktionsbereiche, z. B. Endoskopie (Richtzahl: 5)
  • weitere Bereiche, z. B. Küche, Wäscherei, Laboratorien, Apotheken
  • Beurteilung von Baumaßnahmen oder des Betriebs von Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen des Gesundheitswesens (Richtzahl: 10)
  • Krankenhaushygienische Schulungen der Mitarbeiter sowie Anleitung und Führung des Personals für die Krankenhaushygiene, z. B. Hygienefachkräfte, hygienebeauftragte Ärzte, Hygienebeauftragte in der Pflege (Richtzahl: 10)
  • Desinfektion und Sterilisation von Medizinprodukten, Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Mikrobiologische und virologische Bewertung antiseptischer und desinfizierender Substanzen
  • Überwachung der Aufbereitung, Desinfektion und Sterilisation von Medizinprodukten, Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Risikoeinschätzung von Dekontaminationsprozessen zwecks Verhütung nosokomialer Infektionen
  • Anleitung des Personals für die Krankenhaushygiene sowie Kommunikation mit den Entscheidungsträgern im Krankenhaus und über-wachenden Gesundheitsbehörden
  • Ausbruchs- und Störfallmanagement im laufenden Betrieb von medizinischen Einrichtungen
  • Hygienemaßnahmen zur Infektionsprävention
  • Erstellung von Hygieneplänen
  • Erarbeitung von einrichtungsspezifischen Algorithmen zur Erkennung und Kontrolle von Clustern, Ausbrüchen und Ausbruchrisiken
  • Implementierung von krankenhaushygienischen Inhalten in das Qualitätsmanagementsystem des Krankenhauses
  • Festlegung, Analyse und Beurteilung hygienischer einschließlich mikrobiologischer Untersuchungen
  • Sterilitätsprüfungen sowie Qualitätsuntersuchungen im Rahmen der Eigenherstellung von Arzneimitteln
  • Beratung zu hygienischen Aspekten bei medizinischen Maßnahmen einschließlich Pflege- und Rehabilitationsmaßnahmen
  • Mitwirkung bei der Erstellung von Standard-Arbeitsanweisungen (SAA)
  • Auditierung und Erstellung einer Delta-Analyse unterschiedlicher Bereiche im Hinblick auf krankenhaushygienische und infektionspräventive Maßnahmen (Hygieneaudit) (Richtzahl: 5)

Antibiotikamanagement und Antibiotic Stewardship

  • Ermittlung, Bewertung und Mitwirkung bei der Steuerung des abteilungsbezogenen Antiinfektivaverbrauchs
  • Erarbeitung einrichtungsspezifischer Präventionsstrategien zur Kontrolle Antibiotika resistenter Infektionserreger
  • Grundlagen der Erstellung von Empfehlungen zum Einsatz von Antiinfektiva unter Berücksichtigung der lokalen Resistenzlage
  • Grundlagen klinisch mikrobiologischer Konsile bei stationären Patienten
  • Planung, Durchführung und Bewertung von Antibiotika-Anwendungs-Erfassungen (Prävalenzerhebungen)

Infektionskontrolle und Surveillance

  • Grundlagen der Surveillance, insbesondere
  1. nosokomiale Infektionen und Erregerspektrum
  2. Antibiotikaverbrauch
  3. Antibiotikaresistenzen
  4. umweltassoziierte Infektionen
  • Aufbau eines ggf. interdisziplinären Surveillancesystems und Adaptation an die institutionsspezifischen Gegebenheiten
  • Bewertung, Kommunikation der Ergebnisse und Implementierung von Maßnahmen aufgrund der Surveillance nosokomialer Infektionen und nosokomialer Erreger  (Richtzahl: 25)
  • Infektionsepidemiologische Auswertungen, Erfassung und Bewertung bei Verdacht auf Ausbrüche nosokomialer oder ambulant erworbener Infektionen zur Erreger- und Resistenzüberwachung, Identifikation von Risikofaktoren und Interventionsstrategien  (Richtzahl: 25)

Erregerdiagnostik und Methodik

  • Grundlagen der Präanalytik
  • Beratung zur Präanalytik und Methodenauswahl; Beurteilung von Untersuchungszeitpunkt, Gewinnung, Transportart, Materialart, Materialeignung, Methodenauswahl für die klinische Fragestellung  (Richtzahl: 25)
  • Probennahmen bei Patienten und dem Umfeld sowie Probenaufbereitung zur Diagnostik von Besiedlungen und/oder Infektionen
  • Erregerdiagnostik sowie Typisierung zur Aufdeckung von Infektionsketten
  • Diagnostik von Infektionserregern wie Bakterien, Pilze, Parasiten und Viren
  • Mikroskopische Untersuchungen  (Richtzahl: 25)
  • Kulturelle Methoden  (Richtzahl: 100), davon
  1. Anzüchten und Anreichern, Differenzieren, Typisieren und Resistenztestung  (Richtzahl: 50)
  2. quantitative mikrobiologische Verfahren  (Richtzahl: 10)
  • Interpretation biochemischer ggf. massenspektrometrischer und molekularbiologischer Untersuchungen zur Erregeridentifikation und Typisierung  (Richtzahl: 100)
  • Empfindlichkeitsbestimmungen von Bakterien, Viren und Parasiten gegenüber Antiinfektiva und Desinfektionsmitteln

Umwelthygiene

  • Grundlagen der Beeinflussung des Menschen durch belebte und unbelebte Umweltfaktoren
  • Umwelthygienische und umweltmedizinische Bewertung physikalischer, chemischer und biologischer Immissionen
  • Grundlagen der Präanalytik und Umweltprobenanalytik
  • Probennahme und -aufbereitung auf der Grundlage biologischer, mikrobiologischer, chemischer und physikalischer Verfahren in der Wasser-, Boden-, Abfall-, Luft-, Lebensmittel-, Gebrauchs-/Bedarfsgegenstands-, Bau- und/oder Siedlungshygiene
  • Probenanalyse sowie hygienische und umweltmedizinische Bewertung (Richtwert: 50)
  • Grundlagen der Umwelthygiene in der Wasser-, Trinkwasser-, Badewasser-, Abwasser-, Außenluft-, Innenraumluft-, Lärm-, Boden-, Abfall-, Bau- und Siedlungshygiene sowie bei technischen Anlagen
  • Bewertung der Wasser-, Trinkwasser-, Badewasser-, Abwasser-, Außenluft-, Innenraumluft-, Lärm-, Boden-, Abfall-, Bau- und Siedlungshygiene
  • Hygienische Bewertung technischer Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser, Badewasser, Abwasser, von Biogas- und Kompostierungsanlagen, raumlufttechnischen Systemen, Rückkühlwerken
  • Grundlagen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes
  • Hygiene und Risikobewertung von Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Bewertung von Human-Biomonitoring (HBM)-Analysen
  • Hygienische und umweltmedizinische Ortsbegehungen sowie Inspektionen in der Umwelthygiene
  • Umweltmedizinische Grundlagen
  • Bewertung umweltmedizinischer Problemstellungen, z. B. häufige Belastungen und Beanspruchungen aus der Umwelt, Mehrfachbelastungen, umweltmedizinische Syndrome
  • Umweltmedizinisch betroffene Kohorten
  • Umweltmedizinische Anamnese und diagnostische Methoden
  • Umweltmedizinische Gutachtenerstellung

Wasserhygiene

  • Aufbau und Überwachung von Wasserversorgungssystemen, Wasser-sicherungsprogrammen, Einzugsgebietcharakterisierung, Rohwasserqualität, Wasseraufbereitung sowie Trinkwassernetz und -installation
  • Analysen und Bewertung von Roh-, Trink-, Mineral-, Brauch-, Badewasser und Abwässern einschließlich deren Systeme

Lebensmittelhygiene

  • Hygiene von Lebensmitteln zur Vorbeugung von infektiösen und nicht infektiösen Krankheiten, Hazard Analysis and Critical Control Points (HACCP)-Konzept
  • Bewertung der Hygiene von Lebensmitteln

Individualhygiene und Impfprävention

  • Grundlagen der Individualhygiene
  • Beratung zur Hygiene bei besonders empfänglichen Personen, z. B. Immunsupprimierten
  • Impfstrategien und epidemiologische Auswirkungen von Impfungen
  • Beurteilung des spezifischen Immunstatus und der Impfindikation
  • Reisemedizinische Grundlagen
  • Beratung zur Präventiv- und Reisemedizin einschließlich der Seuchenhygiene, Chemoprophylaxe, Tourismusmedizin und zum Schutz vor unbelebten Schadfaktoren

Öffentlicher Gesundheitsschutz

  • Grundlagen der öffentlichen Gesundheit und des öffentlichen Gesundheitswesens sowie der umweltassoziierten und -bedingten Gesundheitsstörungen
  • Grundlagen der Risikoregulierung
  • Risikoanalyse, -bewertung, und -kommunikation sowie Beratungen von Individuen, Gruppen, Behörden, Institutionen und Politik
  • Erarbeitung und Durchführung von Schulungen für Personal zum Thema Prävention
  • Informationsveranstaltungen für die Öffentlichkeit
  • Beratung von Patienten, Bürgern, Behörden, Einrichtungen und Politik
  • Prävention, Beratung, Erkennung und Maßnahmen bei Infektionen und anderen Schadursachen in öffentlichen Einrichtungen, z. B. Altenheim, Kindergarten, Küche, Schule, Schwimmbad, Wäscherei, Labor, raumlufttechnische Einrichtung, Trinkwasserinstallation sowie Abfall- und Abwasserentsorgung
  • Grundlagen von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen

Störfall- und Ausbruchsmanagement

  • Mitgebrachte und nosokomiale Infektionen und Erkrankungen mit lebensbedrohlichen Verläufen bei (hoch-)pathogenen Erregern
  • Gezielte Umgebungsuntersuchungen und Beratung bei Ausbrüchen in Verbindung mit geeigneten Typisierungsverfahren sowie systematisches Ausbruchsmanagement und Ableitung von nachhaltigen Präventionsstrategien
  • Störfälle, Havarien und Ausbrüche mit akuten chemischen, physikalischen und mikrobiologischen Belastungen von Wasser, Boden, Luft und Lebensmitteln

Quelle: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2018

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.