Überblick: Facharzt-Weiterbildung Anästhesiologie

Die Anästhesiologie ist die Grundlage dafür, dass viele medizinische Eingriffe überhaupt möglich sind. Wie die Facharzt-Weiterbildung in der Anästhesiologie abläuft und wie lange sie dauert, erfährst du im Beitrag.

Überwachung auf der Intensivstation

Betreuung vor, während und nach der OP – Anästhesisten begleiten ihre Patienten. | Tyler Olson - Fotolia

Auf einen Blick: Weiterbildung (Facharztausbildung) Anästhesiologie:

  • Definition: Im Fachgebiet Anästhesiologie werden die Anästhesie sowie die Intensivmedizin, die Notfallmedizin, die Schmerztherapie und die Palliativmedizin zusammengefasst. Eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich ist die Herbeiführung von Schmerzfreiheit im Rahmen von medizinischen Eingriffen.
  • Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der Anästhesiologie dauert 60 Monate. Davon müssen 12 Monate in der Intensivmedizin abgeleistet werden. Bis zu 12 Monate aus anderen Gebieten können angerechnet werden.
  • Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 32.927 Fachärztinnen und Fachärzte für Anästhesiologie. Davon sind 26.274 berufstätig. 4.355 arbeiten ambulant, 19.772 stationär in einer Klinik.

Das Wort "Anästhesie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "ohne Empfindung". Denn eine wesentliche Aufgabe von Anästhesisten und Anästhesistinnen ist es, ihren Patienten während eines medizinischen Eingriffs das Schmerzempfinden zu nehmen. Dabei wird zwischen Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) und Regionalanästhesie (Teilnarkose) unterschieden. Dank der modernen Anästhesie sind Eingriffe möglich, die früher undenkbar waren: Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Operationen grundsätzlich ohne Betäubung durchgeführt. Für die Patienten war das häufig eine grauenhafte Tortur. Heute können einfache, aber auch sehr komplizierte Eingriffe durchgeführt werden, ohne dass der Patient etwas davon mitbekommt: vom Zähneziehen bis hin zur Herztransplantation.

Immer an der Seite des Patienten

Zu den Aufgaben von Anästhesisten und Anästhesistinnen gehört es dabei auch, während der Operation die Vitalfunktionen des Patienten zu überwachen und aufrecht zu erhalten. Dabei können sie die jeweilige Narkose exakt und individuell auf jeden einzelnen Patienten abstimmen. Fachärztinnen und Fachärzte auf diesem Gebiet begleiten die Patienten vor, während und nach dem Eingriff. Und auch im Anschluss an große Operationen oder auf der Intensivstation sind sie dafür zuständig, akute Schmerzen zu lindern.

Eine Zusatz-Weiterbildung in der speziellen Schmerzmedizin ist auch eine Möglichkeit, sich nach der Facharzt-Weiterbildung weiter zu spezialisieren. Fachärzte und Fachärztinnen mit dieser Qualifikation behandeln vor allem Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden. Andere Anästhesistinnen und Anästhesisten spezialisieren sich auf die Notfall- oder Intensivmedizin oder betreuen Patienten am Ende ihres Lebens palliativmedizinisch. Auch in diesen Bereichen sind ihre Kompetenzen und Fähigkeiten sehr gefragt.

Anästhesisten und Anästhesistinnen haben im klinischen Alltag Berührungspunkte zu fast allen anderen Facharzt-Richtungen: Sie arbeiten beispielsweise eng mit der Chirurgie, der Inneren Medizin, der Pädiatrie oder der Gynäkologie zusammen. Daher werden sie häufig auch als "Allgemeinmediziner des Krankenhauses" gesehen. Unter anderem sind sie vor geplanten Operationen für die Aufklärung der Patienten zuständig und stimmen sich dabei eng mit den anderen behandelnden Ärzten und Ärztinnen ab. Interprofessionell arbeiten sie eng mit speziell für die Intensivstation ausgebildeten Pflegekräften und Anästhesietechnischen Assistenten und Assistentinnen (ATA) zusammen.

Angestellt oder selbstständig: Verschiedene Arbeitsmodelle möglich

Übrigens: Als Anästhesist oder Anästhesistin muss man nicht zwangsläufig in einem Krankenhaus angestellt sein. Viele arbeiten auch freiberuflich und unterstützen Praxen und Kliniken je nach Bedarf. Das hat den Vorteil, dass diese Ärztinnen und Ärzte sich ihre Arbeitszeiten frei einteilen können und verbessert so die Möglichkeiten, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen.

Anästhesist werden: Die Weiterbildung (Facharztausbildung) im Überblick

Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Anästhesiologie beträgt 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 12 Monate in der Intensivmedizin abgeleistet werden
  • können zum Kompetenzerwerb bis zu 12 Monate Weiterbildung in anderen Gebieten erfolgen


Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Anästhesiologie

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Basisbehandlung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten


Präanästhesiologische Vorbereitung

  • Aufklärung von Patienten über Risiken von Anästhesieverfahren und -medikamenten sowie Einholung der rechtsgültigen Einwilligung
  • Präanästhesiologische Risikoevaluation, insbesondere Prädiktoren für schwierige Atemwege und schwierige Beatmung
  • Identifikation und Umgang mit relevanten kardiovaskulären pulmonalen, neurologischen und muskulären Risikofaktoren
  • Auswahl eines geeigneten Anästhesieverfahrens einschließlich
  1. präanästhesiologischer Vorbereitung unter Berücksichtigung einer Dauermedikation
  2. medikamentöser Prämedikation
  3. erforderlichem Monitoring
  4. Berücksichtigung des Erfordernisses präanästhesiologischer Nüchternheit

Anästhesiologische Verfahren und Techniken

  • Atemwegsmanagement, technische Maßnahmen zur Behandlung des einfachen und des schwierigen Atemweges einschließlich der schwierigen Intubation (Difficult Airway), davon

    • fiberoptische Techniken einschließlich fiberoptische Intubationen, davon können bis zu 50% durch Simulation erfolgen (Richtzahl: 25)
    • videoassistierte Intubationsverfahren (Richtzahl: 20)

  • Anästhesiologische Überwachung
  • Postanästhesiologische Patientenversorgung
  • Anästhesierelevante Ultraschallverfahren, insbesondere Notfallsonographie, transösophageale und transthorakale Echokardiographie
  • Durchführung anästhesierelevanter Ultraschallverfahren bei unterschiedlichen Maßnahmen, insbesondere bei ZVK-Anlage, Pleurapunktion, sonographisch gesteuerter Gefäßpunktion und Regionalanästhesie (Richtzahl: 50)
  • Allgemeinanästhesien und intraoperative Beatmung einschließlich Einleitung, intraoperative Überwachung, Ausleitung, postoperative Patientenversorgung, postoperative Schmerztherapie
  • Durchführung von Anästhesieverfahren (Richtzahl: 1.800), davon

    • bei abdominellen Eingriffen (Richtzahl: 300)
    • bei Patienten mit mindestens ASA 3-Klassifikation (Richtzahl: 100)

Anästhesie bei neurochirurgischen und neurointerventionellen Eingriffen

  • Risiken und Vorteile unterschiedlicher anästhesiologischer Verfahren bei neurochirurgischen und neurointerventionellen Eingriffen
  • Prinzipien und Besonderheiten der Anästhesiologie bei intrakraniellen Eingriffen
  • Mitwirkung bei Anästhesien für intrakranielle Eingriffe (Richtzahl: 25)

Kinderanästhesie

  • Besonderheiten der pädiatrischen Anästhesiologie einschließlich Monitoring, Atemwegsmanagement, intravenöse und intraossäre Zugänge, Narkoseeinleitung, Narkoseaufrechterhaltung, Narkoseausleitung, postanästhesiologische Versorgung, Flüssigkeits- und Volumentherapie
  • Durchführung von Anästhesien bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum vollendeten 5. Lebensjahr (Richtzahl: 50)
  • Reanimationstraining

Anästhesie bei Schwangeren und in der Geburtshilfe

  • Durchführung von Allgemeinanästhesien, Regionalanästhesien und perioperativer Behandlung bei Schwangeren
  • Schmerztherapie in der Geburtshilfe einschließlich bei Kaiserschnitten
  • Durchführung von Anästhesieverfahren in der Geburtshilfe (Richtzahl: 50), davon

    • bei Kaiserschnitten (Richtzahl: 25)

Anästhesie bei Thoraxeingriffen

  • Prinzipien und Besonderheiten der Anästhesiologie bei throraxchirurgischen Eingriffen
  • Perioperative Schmerztherapie einschließlich epiduraler, paravertebraler und intervertebraler Blockaden in der Thoraxchirurgie
  • Mitwirkung bei Anästhesien für intrathorakale Eingriffe (Richtzahl: 25)

Kardiovaskuläre Anästhesie

  • Prinzipien und Besonderheiten der Anästhesiologie bei kardiochirurgischen und herznahen gefäßchirurgischen Eingriffen, insbesondere des kardiopulmonalen Bypasses und anderer kreislaufunterstützender Maßnahmen

Anästhesie bei Operationen im Kopf-Hals-Bereich

  • Anästhesien bei Eingriffen im Kopf-Hals-Bereich auch mit schwierigem Zugang zum Atemweg in der Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Neurochirurgie oder Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgie (Richtzahl: 100)

Regionalanästhesie

  • Durchführung rückenmarksnaher Regionalanästhesien einschließlich intraoperativer Überwachung, postoperativer Patientenversorgung, postoperativer Schmerztherapie (Richtzahl: 50)
  • Durchführung peripher-regionalanästhesiologischer Verfahren einschließlich intraoperativer Überwachung, postoperativer Patientenversorgung, postoperativer Schmerztherapie (Richtzahl: 50)

Anästhesie bei ambulanten Patienten

  • Mindestanforderungen für die Anwendung anästhesiologischer Verfahren bei ambulanten Eingriffen
  • Durchführung von Anästhesien bei ambulanten Eingriffen unter Beachtung der Rahmenbedingungen und des spezifischen Risikos sowie Sicherstellung der perioperativen Versorgung (Richtzahl: 50)

Anästhesiologische Verfahren außerhalb des Operationssaales

  • Gewährleisten von Sicherheitsstandards im Zusammenhang mit anästhesiologischen Verfahren bei CT-und MRT-Untersuchungen oder anderen minimal-invasiven und diagnostischen Eingriffen
  • Transport des Patienten zu Untersuchungen und Eingriffen

Intensivmedizin

  • Diagnostik und Therapie vital bedrohlicher Erkrankungen und Zustände auf einer Intensivstation oder Intermediate Care Station, insbesondere bei

    • respiratorischer Insuffizienz
    • kardialer Insuffizienz
    • Ein- und Mehrorganversagen
    • Delir
    • endokrinen Störungen
    • erhöhtem Hirndruck
    • Sepsis
    • Schock
    • Trauma/Polytrauma

  • Prävention, Diagnostik, Therapie und Management von Infektionen
  • Intensivmedizinische Behandlung von Patienten mit Funktionsstörungen von mindestens zwei vitalen Organsystemen (Richtzahl: 100)
  • Analgosedierung von intensivmedizinischen Patienten
  • Atemunterstützende Maßnahmen bei nichtintubierten Patienten, differenzierte Beatmungstechniken einschließlich Beatmungsentwöhnung bei langzeitbeatmeten Patienten (Richtzahl: 50)
  • Differenzierte Flüssigkeits- und Volumentherapie einschließlich Transfusions- und Blutersatztherapie
  • Enterale und parenterale Ernährung, Erstellung eines Ernährungsplans sowie Therapie von Stoffwechselentgleisungen
  • Punktions- und Katheterisierungstechniken, auch sonographisch gesteuert, davon

    • zentralvenöse Zugänge (Richtzahl: 30)
    • arterielle Zugänge (Richtzahl: 30)
    • Pleurapunktionen, Pleuradrainagen (Richtzahl: 5)

  • Tracheo- und Bronchoskopien (Richtzahl: 25)
  • Perkutane Tracheotomien

Schmerzmedizinische Verfahren

  • Nervenblockaden, insbesondere zur perioperativen regionalen Schmerztherapie einschließlich Katheterverfahren
  • Verfahren zur pharmakologischen und nichtpharmakologischen Schmerztherapie
  • Grundlagen der Behandlung chronischer Schmerzen

Notfall- und Zwischenfallmanagement, Trauma und Verbrennungen, Rettungswesen

  • Reanimation von Patienten aller Altersgruppen
  • Transportbegleitung von Intensivpatienten einschließlich der Vorbereitung zum Interhospitaltransfer
  • Ossärer Zugang
  • Erstversorgung beim Traumapatienten einschließlich Brandverletzten
  • Zwischenfalltraining (Richtzahl: 5)

Quellen: Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2020, Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer, anaesthesisten-im-netz.de, www.anaesthesist-werden.de

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.

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