Rheumatologen werben mit allen Mitteln um Nachwuchs

„Eine Kollagenose kann so verlaufen, dass eine Klinik sämtliche Ressourcen bis hin zur Inten­sivstation mobilisieren muss“, erläuterte Lorenz. Aber sie könne auch ganz „banal“ verlaufen. Eine einzige Fallpauschale könne nicht ein solch breites Spektrum von Er­schei­nungsformen einer Erkrankung abbilden. Das Fallpau­schalensystem begünstige zudem Fächer wie etwa die Kardiologie, die mittels gut vergüteten Herzkathetern und anderen Interventionen den Kliniken Geld brächten.

Dadurch würden deren Abteilungen groß und könnten eine Vielzahl von Assistenten wei­terbilden, die anderen Fächer hätten indes das Nachsehen. Dies verkenne aber den Eng­pass, der dadurch draußen bei den niedergelassenen Ärzten entstünde. Dort benö­tigte man für die ambulante Versorgung nicht einfach noch mehr Kardiologen, sondern ganz andere Fächer – und eben auch Rheumatologen.

Quantitativ weniger Rheumatologie

Der rein zahlenmäßige Mangel an Rheumatologen habe zudem desaströse Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung. Denn viele Patienten benötigen nicht nur zu lange, bis sie einen Termin bei einem Facharzt erhalten – im Durchschnitt dauert es neun Monate, bis selbst die bekannteste und häufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung, die Rheu­matoide Arthritis (RA) erkannt wird. Bei selteneren Formen kann das Jahre in Anspruch nehmen.

Sehr oft sind die Patienten dann durch ihre Gelenkdeformationen so stark funktionell – und häufig auch sozial und in puncto Berufstätigkeit – so stark eingeschränkt, dass nur noch operative Eingriffe helfen. Wie Martin Arbogast, der Kongresspräsident der Deutsch­en Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh) und Chefarzt der Abteilung für Rheumaorthopädie und Handchirurgie am Klinikum Oberammergau erläuterte, er­schweren drei Umstände solche Eingriffe zusätzlich.

Langjährige Kortisongaben hätten die Haut oftmals dünn und empfindlich werden lassen, zudem sei der Bewegungsapparat durch die Gelenkdeformitäten oft spastisch verändert. „Dies macht bei der Operation besondere Lagerungstechniken erforderlich“, so Arbogast. Zudem würden bei manchen Patienten zwanzig bis dreißig Operationen im Laufe ihres Lebens notwendig, zu viele, um den Betroffenen ständig Vollnarkosen zuzumuten.

Daher versuchte man, beispielsweise mit Regionalanästhesien diesem Faktor Rechnung zu tragen. Und schließlich müssten die Medikamente, die nicht selten immunsuppressiv wirkten, perioperativ abgesetzt werden, um nicht Wundheilungsstörungen oder schwer­wiegende Operationen zu provozieren. Dies erfordere ein exaktes Timing und enge Ab­stimmungen verschiedener Disziplinen und Ärzte untereinander.

Schließlich machte Andreas Krause vom Vorstand der DGRh und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus in Berlin auf die deutlich erhöhte Morbidität und Mortalität dieser Patienten aufmerksam. Sie rührt daher, dass rheumatisch-entzündliche Erkrankungen selten ein auf den Bewegungsapparat, die Gefäße oder das Bindegewebe beschränktes Phänomen dar­stellten.

80 Prozent all dieser Patienten wiesen Komorbiditäten etwa der Niere, der Lunge oder des Nervensystems auf. Zudem drohten Folgeerkrankungen, insbesondere kardiovasku­läre wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bei der Rheumatoiden Arthritis oder der Psoriasis sei das Herz-Kreislauf-Risiko ähnlich erhöht wie bei Patienten, die an einem Diabetes litten, so Krause.

„Hier gilt es, koordinierend tätig zu werden“, so der Rheumatologe, und gerade bei weite­ren Risikofaktoren, etwa Rauchen, die Kollegen zu kontaktieren und so auf strikte Präven­tion hinzuwirken.

Nicht zuletzt, darauf wies Lorenz ausdrücklich hin, ließen sich langfristig und im Hinblick auf die Gesamtkonstellation, auch noch Kosten sparen. Es sei durch zahlreiche Studien belegt, dass sich einer Chronifizierung umso eher vorbeugen ließe, je eher eine sachge­rech­te Therapie begonnen würde.

Daten der Barmer zeigten, dass im Gesundheitswesen absolut gesehen sehr viel Geld – das meiste nach dem hämato-onkologischen Fachgebiet – für rheumatolo­gische Erkran­kungen ausgegeben werden muss. Die schlechte Versorgung im Fachgebiet Rheumato­logie schade damit nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern mittelbar über die höhe­ren Therapiekosten zudem der Gesellschaft. 

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