Pathologie: Nicht nur postmortale Dienstleister

Was macht eigentlich ein Pathologe? In Bezug auf diese Fachrichtung halten sich einige Vorurteile hartnäckig: Eines lautet, dass Pathologen nur mit Toten zu tun haben – ein anderes, dass Pathologen so etwas wie Labormediziner sind. Beides stimmt so nicht.

Pathologen sind keine Rechtsmediziner, sondern widmen sich die meiste Zeit dem Gewebe lebender Patienten. Wie der Arbeitsalltag in diesem Fachbereich aussieht, erklärte die Assistenzärztin Dr. Maria Linda Rocha auf dem Operation Karriere-Kongress in Berlin. | Florian Miller

Pathologen in Deutschland sind keine Rechtsmediziner – unter dem Berufsbild verbirgt sich also nicht das, was viele Krimifreunde als "forensic pathologist" kennen. Im Gegenteil: Etwa 90-95 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt ein Pathologe am Mikroskop und widmet sich dabei im ganz überwiegenden Teil lebenden Patienten, erklärte Dr. Maria Linda Rocha beim Operation Karriere-Kongress in Berlin. Aufgabe des Pathologen sei es, krankhafte Veränderungen von Gewebeproben auf Grundlage ihrer Morphologie zu erkennen und zu beurteilen. Hiermit ist auch eine beratende und unterstützende Funktion des Pathologen für die behandelnden Ärzte verbunden. Nicht zuletzt dienen die Tätigkeiten des Pathologen (insbesondere auch die Obduktionen) der Qualitätssicherung.

Doch obwohl diese Aufgabe grundlegend wichtig ist, ist der Pathologe eine vom Aussterben bedrohte Spezies: Zum Ende des Jahres 2018 belief sich laut Ärztestatistik bzw. Statistik des Bundesverbandes Deutscher Pathologen die Zahl in Deutschland berufstätiger Pathologen auf etwa 1.600. Im Jahr 2017 lag die Zahl bei 1.542, darunter 530 Assistenzärzte. 2018 wurden nur 73 neue Facharzt-Anerkennungen für das Fach Pathologie deutschlandweit verzeichnet; viele Stellen können schon seit längerer Zeit nicht mehr besetzt werden. Bei der Zahl der Pathologen bezogen auf die Zahl der Einwohner eines Landes ist Deutschland Vorletzter in der EU – schlechter ist die Facharztdichte nur in Polen (Stand 2017).

Die Vorteile der Pathologie

Jeder, der sich im Fach Pathologie spezialisieren möchte, hat gute Chancen, eine Weiterbildungsstelle zu bekommen. Und das Fach hat noch viele weitere Vorteile:

  • modernes, sich rasant entwickelndes Fach
  • sehr breites Spektrum, viele Subspezialisierungen möglich
  • reine Diagnostik
  • gute Möglichkeit zur parallelen Forschung
  • kaum Patientenkontakt
  • intellektuell anregend, manchmal detektivische Arbeit
  • interdisziplinäres Arbeiten
  • flexible Arbeitsmodelle
  • familienfreundliche Arbeitszeiten: fünf Arbeitstage, meist "nine-to-five"
  • hohe Berufszufriedenheit
  • gute Vernetzung
  • krisensichere Beschäftigung
  • Arbeit in Klink oder Praxis

Pathologie

Wenn man sich für eine Facharzt-Weiterbildung entscheidet, gibt es viele Möglichkeiten der Spezialisierung. In der Serie "Überblick" stellen wir die einzelnen Fachgebiete und ihre Weiterbildungsmodalitäten vor. Dieses Mal geht es um die Pathologie.

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Der fehlende Patientenkontakt könne von manchen Nachwuchsmedizinern allerdings auch als Nachteil empfunden werden, gab Rocha zu. Ein Pathologe muss auch gut mit sich allein sein können, denn einen Großteil der Arbeitszeit verbringt er mit sich am Mikroskop. Doch geruhsam ist der Job mitnichten: Auch ein Pathologe muss schnelle und gravierende Entscheidungen treffen, die das Leben eines Patienten beeinflussen können – beispielsweise bei einem intraoperativen Schnellschnitt, bei dem der Pathologe während einer OP das frische Gewebe untersucht und über den weiteren Verlauf der Operation mitentscheidet.

Und was braucht ein guter Pathologe?

Folgende Fähigkeiten sind laut Rocha in der Pathologie besonders wichtig:

  • Eigeninitiative und Motivation
  • Interesse für den Mikrokosmos
  • ein gutes Auge für Struktur und Muster
  • Fähigkeit zur Selbstkritik (essentiell)
  • Strukturiertes Arbeiten
  • Ausdauer
  • basale Fähigkeit zur Kommunikation
  • Belastbarkeit (hohe Arbeitsdichte)

    In Zukunft wird der Trend einer zunehmend individualisierten Therapie durch eine immer stärkere Verankerung der molekularpathologischen Diagnostik im Alltag geprägt. Gleichzeitig befindet sich das Fach Pathologie im Zeitalter der Digitalisierung in großer Umbruchs- bzw. Aufbruchsstimmung: vielerorts ist das Mikroskop bereits einem hochauflösenden Bildschirm mit entsprechender Software gewichen, Fälle können von verschiedenen Orten aus auf der Welt zeitglich begutachtet und interdisziplinär diskutiert werden. In der Forschung gibt es mittlerweile computerisierte Modelle zu Krankheiten, die ein ganz anderes (z. B. dreidimensionales) Verständnis und gänzlich neue Einblicke in Strukturen gewähren. Nicht zuletzt hat auch die Künstliche Intelligenz in der Pathologie Einzug gefunden, die einige bislang schier unlösbare Fragen zu beantworten vermag. Gerade deshalb sind schon jetzt vor allem computeraffine Nachwuchsärzte in dem Fachgebiet Pathologie sehr gefragt.

    Quelle: Operation Karriere-Kongress Berlin, 30.11.2019, Vortrag "Pathologie - Die etwas anderen Aufschneider!", Dr. Maria Linda Rocha, Assistenzärztin, Fachbereich Pathologie, Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Mitglied der AG Junge PathologInnen, Berlin