Krankenhauskultur: Chefärzte müssen umdenken

Unterschiedliche Haltungen können zu Spannungen führen

Dass diese unterschiedlichen Haltungen der Generationen „zu Spannungen führen können, ist relativ klar“, sagt Kölfen. Und räumt aus eigener, jahrelanger Erfahrung ein, dass diese neue Arbeitshaltung mit den hohen Anforderungen des „hochsensiblen Arbeitsplatzes Krankenhaus“ nicht ganz so leicht vereinbar ist.

Doch: Was tun nun mit diesen Erkenntnissen? Die Antwort lautet: Konsequenzen ziehen – und diese heißen laut Kölfen in erster Linie: Die Führungskultur in deutschen Krankenhäusern muss sich ändern – ob das den Babyboomer-Ärzten gefällt oder nicht. „Wenn wir nicht alleine arbeiten wollen, müssen wir umdenken“, macht Kölfen seine Position klar. Der Clash der Generationen sei anders nicht zu bewältigen.

Doch was heißt das konkret? Wie kann Führung da überhaupt noch funktionieren?

Wie sieht die Chefetage eines Krankenhauses die Generation Y? Auf dem Operation Karriere Kongress Hamburg antwortete PD Dr. med. Marko Fiege, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie des Klinikums Itzehoe, auf diese Frage.

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Zunächst einmal, indem sich die Chefs bewusst machen, dass sich die Anforderungen an Führung verändert haben. Die Generation Y hat andere Erwartungen an ihren Vorgesetzten als einst. Und das gilt es für Chefs zu bedienen. Eine klare Kommunikation. Das Eingehen auf private Belange. Anerkennung vermitteln. Viel Feedback geben. Bei der beruflichen Entwicklung unterstützen. Das ist gefragt.

Kölfen gibt den Chefs im Auditorium Lösungsanregungen an die Hand, die sicher für den ein oder anderen etwas befremdlich klingen mögen. Er rät: Ändert Euer Verhalten. Hört mit dem Jammern auf. Lasst Euch auf die Spielart der Jungen ein. Akzeptiert den Wunsch nach Work-Life-Balance. Versteht, dass Geld kein Lockmittel mehr ist. Zeigt Euch flexibel bei Arbeitszeit und Urlaubswünschen. Übt Zurückhaltung beim Einfordern von Mehrarbeit. Gebt Struktur. Stellt klare Verhaltensregeln auf. Definiert gemeinsame Ziele. Sucht den Dialog. Fördert fachlich und menschlich. Gebt den Kümmerer. Seid positiv. Denn: „Wir werden die junge Generation nicht umerziehen können.“

Kooperation und Vertrauen statt Hierarchie und Autorität

Dass der Weg zur Erkenntnis für die Chefarztgarde der Generation Babyboomer nicht einfach sein wird, weiß Kölfen. „Ich muss zunächst in den Dialog mit mir selbst eintreten, um auf diese Veränderungen reagieren zu können.“ Doch das Ziel sei unmissverständlich definiert: Statt Autorität und Hierarchie müssten Kooperation und Vertrauen die neuen Schlagworte im ärztlichen Miteinander sein.

Kölfen sieht keinen Grund, dass die Babyboomer-Chefs die Köpfe hängen lassen und ob der Entwicklung frustriert sind. Denn: Was die alte und die junge Generation eine, seien wichtige gemeinsame Werte. „Wir verkaufen keine Pizzas oder Autos, wir haben kranke Patienten und wollen gute Medizin machen. Das verbindet uns“, ruft er in Erinnerung.

Es gelte, diese Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und zu betonen – und nicht die Gegensätze der Generationen. Aspekte wie Werteorientiertheit, Vertrauen, Respekt und Gerechtigkeit seien für alle Mediziner von Bedeutung – ungeachtet ihres Alters. Dies sei eine „Riesenchance“, um im Führungsverhalten neu anzusetzen.

Der Referent entdeckt im Zusammensein der unterschiedlichen Denkweisen gar ein Plus für die Babyboomer selbst. Diese könnten sich die Stärke der Generation Y etwa durch ein selbstbewussteres Auftreten vor der Klinikverwaltung zunutze machen. Das Zusammentun von etablierten und Nachwuchskräften könne viel bewirken, meint Kölfen. Kooperation und Vertrauen sei das Heute, Autorität und Hierarchie das Gestern.

In der Ferne sieht der Referent bereits ein neues Wölkchen aufziehen. Er glaubt: Wenn die „von der Generation Y ausgelegte Droge“ mit so wohlklingenden Namen wie Teilzeit, Freizeit, Auszeit oder Totalausstieg auf die Babyboomer-Generation übergreift, wenn also auch die älteren Mediziner ein lauteres Ja zum Leben und ein leiseres Nein zur Arbeit sagen, wird sich die Personallage in Deutschlands Krankenhäusern noch weiter verschärfen. Doch Kölfen glaubt auch das: Dem ein oder anderen Babyboomer könnte es sicher gut tun, sich „die Karten noch einmal neu zu legen und zu überlegen, was im Leben wichtig ist.“

Studierenden-Sicht


Die Zukunft der medizinischen Versorgung kann aus Sicht der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) nur sichergestellt werden, wenn Gesundheitsberufe und Klinikmanagement gemeinschaftlich agieren. Ein Wandel der Arbeitskultur in der Krankenversorgung – hin zu einer menschlichen Medizin und einem gesunden Arbeitsklima – sei die Basis dafür, Patienten eine gute medizinische Versorgung zu ermöglichen und gleichsam auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter im Gesundheitswesen einzugehen. Grundlage hierfür sei ein Paradigmenwechsel, weg von einem traditionell formellen, hin zu einem kompetenzorientierten, integrierenden Organisationsverständnis, schreibt die bvmd 2019 in ihrer Stellungnahme zu „Medizin und Ökonomie“.

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