Krankenhauskultur: Chefärzte müssen umdenken

Was tun, damit die jungen Kollegen bleiben?

Denn: Nicht nur das Gewinnen junger Ärzte ist heute ein Problem, sondern auch sie in der Klinik zu halten. Die jungen Kollegen sind wechselbereiter. Und gehen, wenn das Stimmungsbarometer in der Klinik zu viele Ausschläge in die falsche Richtung gibt.

Um den Blickwinkel der jungen Arztgeneration zu untermauern, greift Kölfen in seinem Vortrag auf Ergebnisse einer Umfrage zurück, die er bei einem Kongress für Assistenzärzte aus der Kinder- und Jugendmedizin durchgeführt hat. Sie zeigt, dass in den Köpfen der jungen Mediziner einiges vorgeht – und sie Probleme mit den gängigen Strukturen und Gepflogenheiten haben. Die Kommunikation mit dem Chefarzt wird von mehr als jedem Zweiten bemängelt. Ein Mangel an Mitbestimmung. Eine fehlende Work-Life-Balance. Eine nicht ausreichende Wertschätzung. Und so weiter. Und so weiter.

Das Resultat dieser Unzufriedenheit, das weder Chefärzte noch Klinikleitungen glücklich machen kann: Auf die Frage „Haben Sie in letzter Zeit überlegt, die Klinik zu wechseln?“ antworteten 67 Prozent der Befragten mit Ja.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verändert. So viel ist klar. Und damit können die Jungen anders auftreten als zu Zeiten, wo Arztstellen keine Mangelware, sondern heiß begehrt waren. Sie können Ansprüche stellen. Freiräume einfordern. Fehlende Wertschätzung lautstark monieren. Aber erklärt dies allein, was auf deutschen Krankenhausfluren los ist? Nein, analysiert Kölfen in Berlin, versucht die junge Generation zu verstehen und wagt einen Erklärungsversuch. Er sagt: Das Auftreten von jungen Ärzten habe sich nicht nur verändert, weil sie es sich aktuell leisten können. Sondern auch, weil ihnen selbstbewusst, forsch und anspruchsvoll zu sein bereits in die Wiege gelegt worden ist. „Sie sind anders geprägt und sozialisiert als zum Beispiel die Babyboomer“, sagt Kölfen. Und dies wirke sich eben auf ihr Verhalten aus. Zur Veranschaulichung nimmt Kölfen die Zuhörer mit auf eine Zeitreise zu den Generationen, die sich heute auf Deutschlands Krankenhausfluren treffen.

Diese Generationen stoßen im Klinikalltag aufeinander

Generation Babyboomer, 50 bis 65 Jahre. Diese Generation war mit prägenden Erlebnissen wie dem Ende des Wirtschaftswunders konfrontiert, der Ölkrise, Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, aber auch Phasen des Lebensgenusses und der Selbstentfaltung. Typische Merkmale dieser Generation seien Durchsetzungskraft, Teamfähigkeit, Konfliktstärke, ein hohes Pflichtgefühl, aber eben auch starkes Konkurrenzdenken. Und verankerte Ansichten wie: Es geht nicht ohne uns. Arbeit geht nur so, wie wir sie kennen. Arbeit ist das Zentrum unseres Lebens. Die Jugend taugt nicht als Nachfolger, sie sollen aufhören rumzuheulen.

Bei seinem Vortrag auf dem Operation Karriere-Kongress 2018 in Köln ging Prof. Dr. MBA Gisbert Knichwitz, Chefarzt, Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, der Frage nach, wie Generationenkonflikte im Krankenhaus entstehen können und was man als junger Arzt beachten sollte.

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Generation X, heute 35 bis 50 Jahre. Vietnamkrieg, atomare Auf- und Abrüstung, Fall der Berliner Mauer – dies sind die historischen Meilensteine, die diese Generation durchlebte. Wenig Klarheit, wenig Halt, wenig Orientierung prägte das Aufwachsen. Sie gilt als die Generation Praktikum, die kaum berufliche Perspektiven geboten bekommen hat. Mit der Folge: Diese Generation weiß, was eine unsichere Zukunft bedeutet, ist entsprechend karriereorientiert, erprobt im Konkurrenzkampf, denkt pragmatisch und stellt Emotionales – wie etwa die Familienplanung – hinten an. Beim Stichwort Arbeitseinstellung ist sie von den Babyboomern nicht allzu weit weg.

Doch dann ist da eben auch die Generation Y, die heute 20- bis 35-Jährigen, die bereits als Assistenzärzte und Krankenschwestern in Kliniken unterwegs sind oder dort den Berufseinstieg suchen. Sie sind in einer Online-Welt aufgewachsen, einer zunehmend globalisierten, offenen Multikulti-Welt, geprägt von Krisen wie den Angriffen auf das World Trade Center, der Fukushima-Katastrophe, der Bedrohung durch die Erderwärmung und die Unsicherheit der Rente. Sie haben gelernt: Das Leben ist nicht planbar, schöpfen sich aus dem „Dschungel an Optionen“, wie es Kölfen nennt, das Beste heraus, halten sich „möglichst lange möglichst viele Wege offen und lösen Probleme nicht selten durch Ausstieg“.

Ihr Credo lautet: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – auch im Job. Im Vordergrund stehen für sie: Spaß. Freude. Selbstverwirklichung. Harmonie. Wohlbefinden. Viel Sinn für Freizeit und Familie. Geld lockt sie nicht mehr. Den Ausfall eines Kollegen sehen sie als „nicht mein Problem“ an. Das Pflichtgefühl gegenüber Klinik, Kollegen und Patienten ist weniger stark ausgeprägt als in den Vorgängergenerationen.

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