„Psychiatrie kommt im Studium erst viel zu spät vor“



Die Digitalisierung haben Sie schon angesprochen: Wir sind ständig online und nutzen zig Apps. Wie hoch ist das Risiko, gerade damit Depressionen und Angstzustände auszulösen?

Dr. Iris Hauth: Die Vorteile der digitalen Welt sind klar: Wir haben immer Zugang zu Informationen, wir können jederzeit mit Leuten auf der ganzen Welt kommunizieren. Allerdings hat das auch Nachteile. Man ist immer online, das kann zu einer permanenten Belastung und zum Nicht-Abschalten-Können führen. Gerade bei beruflich stark eingespannten Menschen kann das zu noch mehr Belastung führen. Es stellt sich auch die Frage, inwiefern die analoge Kommunikation darunter leidet. Und ab wann bekommt das Online-Sein Suchtcharakter? Für Jugendliche entsteht in den sozialen Medien ein Druck, immer etwas Tolles und Einzigartiges posten zu müssen, was den Leistungs- und Selbstoptimierungsanspruch noch erhöht. Die allumfassende Präsenz der digitalen Möglichkeiten hat unsere Gesellschaft in den letzten Jahren überrollt. Eine gesellschaftliche Diskussion über deren Nutzen und Risiken müsste dringend geführt werden. Ziel sollte sein, die digitale Welt als Instrument der Informationsgewinnung und der Kommunikation zu sehen, aber nicht als ständigen Begleiter, von dem man abhängig wird und bei Entzug Unruhezustände bekommt. Wir alle, besonders aber Kinder und Jugendliche, sollten eine Kompetenz entwickeln, mit diesen Medien umzugehen, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen zu sehen.

Ein Teil Ihrer Arbeit als Psychiaterin ist auch die Arbeit mit Patienten, die nicht freiwillig in den stationären Bereich der Klinik kommen. Wie muss man als Psychiater mit diesen Patienten im Vergleich zu denen umgehen, die freiwillig kommen?

Dr. Iris Hauth:
Das betrifft weit weniger als 10 Prozent aller stationären Patienten. Aufgrund ihrer akuten Erkrankung ist zuweilen ihre Möglichkeit zur Selbstbestimmung eingeschränkt. In diesen Fällen ist es ärztliche Pflicht und Fürsorge, diese Menschen in Behandlung zu bringen, damit sie möglichst bald wieder selbstbestimmt leben können. In Deutschland liegt es aber nicht nur in den Händen der behandelnden Ärzte, ob ein Mensch gegen seinen Willen in eine Klinik eingewiesen wird, sondern regelhaft müssen Richter auf Grundlage eines ärztlichen Gutachtens darüber entscheiden. Juristische Grundlagen für diese Entscheidung sind die Ländergesetze für psychisch Kranke oder eine Unterbringung zur Behandlung im Rahmen einer sogenannten Betreuung, die im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt ist.

Als Arzt muss man den Patienten von der ersten Sekunde an ein Beziehungsangebot machen, kontinuierlich Vertrauen aufbauen und Hoffnung vermitteln. Wichtig ist es auch, den Patienten aufzuklären, damit er vielleicht nach ein paar Tagen in eine Behandlung einwilligt. Neben den Gesprächen wird die Behandlung auch durch Medikamente unterstützt. Das Ziel ist, dass die Symptome wieder zurückgehen und der Patient möglichst bald wieder selbstbestimmt leben kann.

Sprechstunde

Jeder vierte Medizinstudierende leidet einer Meta-Analyse im US-ameri­kanischen Ärzteblatt zufolge unter Depressionen, jeder zehnte hatte sich sogar mit dem Gedanken an einen Selbstmord beschäftigt. Nur die wenigsten begaben sich jedoch in Behandlung.

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Manchmal schlagen die Behandlungen nicht an – im schlimmsten Fall kann es zu einem Suizid kommen. Als Arzt fragt man sich dann vielleicht, ob man bei der Behandlung etwas falsch gemacht oder übersehen hat. Was raten Sie Ihren Kollegen in so einem Fall?

Dr. Iris Hauth:
Suizidale Gedanken oder Impulse können bei Krisen und vielen psychischen Erkrankungen auftreten. Insofern ist bei jeder Untersuchung und bei jedem Gespräch, gerade auch bei depressiven Patienten, die Frage nach der Suizidalität, nach den Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, eine Muss-Frage. Wichtig ist, dass man eine gute therapeutische Beziehung aufbaut, die vertrauensvoll ist, damit der Patient auch ehrlich über mögliche Suizidgedanken spricht. Das gelingt häufig, aber nicht immer. Patienten leiden häufig unter Schuld- und Schamgefühlen. Sie sprechen nicht darüber, weil sie so schwer depressiv sind, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können weiter zu leben. Da kann man sich als Arzt noch so sehr bemühen. Wichtig ist, dass man – falls es zu einem Suizid kommt – mit dem Behandlungsteam darüber spricht. Nicht im Sinne von Schuldgefühlen, sondern einer kritischen Analyse. Außerdem empfehle ich für jeden persönlich, dieses Thema auch in der Supervision anzusprechen. Man muss lernen zu akzeptieren, dass ein Mensch vielleicht trotz aller Mühen, die man sich in der Behandlung gemacht hat, nicht mehr zu retten ist. Wir haben Grenzen und sind nicht omnipotent.

Was muss ein junger Mediziner mitbringen, um ein guter Psychiater zu werden?

Dr. Iris Hauth:
Wichtig ist es, Freude daran zu haben, einen Menschen ganzheitlich, also medizinisch körperlich und in seinen psychischen Funktionen wahrzunehmen. Das Spannende an der Psychiatrie sind die vielen Perspektiven. Gute Kenntnisse über das Gehirn und seine komplexen Funktionen sind Voraussetzung. Bildgebende Verfahren und Forschungen auf der molekularen Ebene haben dieses Wissen in den letzten Jahren enorm erweitert und öffneten die Möglichkeiten, psychische Erkrankungen in der Wechselwirkung zwischen biologischen Grundlagen und psychologischen und sozialen Auslösern erklärbar zu machen. Somit sind auch für die Behandlung pharmakologische Kenntnisse und, ganz wesentlich, das Erlernen von psychotherapeutischen Methoden wichtig. Da sich jede psychische Erkrankung vor dem Hintergrund einer Lebensgeschichte entwickelt, muss man Freude daran haben, mit Menschen in Beziehung zu gehen, ein von Vertrauen getragenes therapeutisches Angebot zu machen. Das ist die ständige Herausforderung und lässt unser Fach nie langweilig werden. Und wenn es gelingt, in persönlichen Gesprächen mit den Mitteln der Psychotherapie auf die Erlebens- und Verhaltensweisen der Patienten einzuwirken und damit ihre Erkrankung zu lindern oder zu heilen, ist das ein sehr erfüllendes Gefühl.

Buchtipp: Dr. Iris Hauth, Keine Angst!

© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH
München 2018
288 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1376-7
Preis: 20,00 Euro