Ich kam, sah und bloggte – Aus dem völlig verrückten Leben eines (Not)arztes.

»Wo er dann stirbt?«, sprach die Tochter das aus, was ich dachte. »Nein. Das will er nicht. Er hat schon nach seinem ersten Schlaganfall immer gesagt: ›Kein Krankenhaus mehr.‹«

Ich überlegte. Nachdem ich kurz mit meinen Kollegen vom Rettungsdienst gesprochen hatte, offerierte ich noch eine dritte Option. Und für die entschied sich die Tochter dann.

Wir vereinbarten, dass wir den Patienten nicht in das nahe Krankenhaus, sondern zu sich nach Hause bringen würden, sodass die Natur dort ihren Lauf nehmen konnte. So ein Vorgehen ist alles andere als üblich – aber wir tun für unsere Patienten nun einmal alles.

Wie sich herausstellte, war es die beste Entscheidung, die wir zu diesem Zeitpunkt treffen konnten. Nachdem wir Herrn Schuster ins Auto gebracht hatten, verschlechterte sich sein Zustand nochmals dramatisch. Er reagierte nicht einmal mehr auf Schmerzreize, und das Blau in seinem Gesicht war trotz des Sauerstoffs noch intensiver geworden.

Ich fragte die Tochter, ob sie mit im Rettungswagen fahren wolle, denn ich befürchtete, dass Herrn Schuster nicht mehr viel Zeit blieb. Dankbar nahm sie mein Angebot an.

Ohne Blaulicht und Hektik machten wir uns auf den Weg ins Nachbardorf, um unseren Patienten in das Bett zu bringen, in dem er sein Leben lang geschlafen hatte. Doch dazu kam es nicht. In dem Moment, wo wir in die Straße einbogen, in der das Haus der Familie stand, atmete der Patient einmal tief ein, dann wieder aus, und dann entspannten sich seine Gesichtszüge. Währenddessen hielt die Tochter die ganze Zeit die Hand ihres Vaters. Als wir vor dem Haus anhielten, war Herr Schuster tot.

Wir betteten ihn um und sprachen der Familie unser Beileid aus. Obwohl wir medizinisch keine große Hilfe für unseren Patienten gewesen waren, bedankte sich seine Tochter mehrmals bei uns. Wir hatten den Willen ihres Vaters respektiert und ihm ein würdiges Gehen ermöglicht. Und darauf bin ich stolzer als auf so manches »gerettete Leben«, das sich im Nachhinein als verlängertes Leid erwiesen hat.

Quelle: Ich kam, sah und intubierte, S. 72-76. 

Vita

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein.

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