Ich kam, sah und bloggte – Aus dem völlig verrückten Leben eines (Not)arztes.

Wer sich ein bisschen mit Medizin auskennt, der weiß, wieso es mir fast den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Denn wo ein gesunder Mensch von einer sehr vorsichtigen Senkung eines überhohen Blutdrucks profitiert, sollte bei Patienten mit Hirnaneurysmen, also Aussackungen einzelner Hirngefäße, viel aggressiver vorgegangen werden. Die Dinger können nämlich jederzeit platzen. Und das war’s dann in der Regel. Aber so richtig schien das meiner lieben Patientin wohl nicht klar zu sein. Als ich ihr den Sachverhalt erklärte, nicht ohne die wirklich schwerwiegenden Folgen eines geplatzten Aneurysmas sehr deutlich in den Vordergrund zu stellen, willigte sie, wenn auch etwas widerspenstig, in den Transport ins Krankenhaus ein. Das Problem war jetzt allerdings ihr Ehemann. Der hatte nämlich ebenfalls meinen Erörterungen gelauscht und wurde zunehmend rot im Gesicht. 

„Vielleicht sollten wir bei Ihnen auch mal den Blutdruck messen", sagte ich mehr im Scherz. 

Als der Mann, der in Bälde zu Patient Nummer 2 werden sollte, allerdings ebenfalls von Problemen mit dem Druck und aufkommenden Schwindel sprach, setzte einer der Rettungsassistenten meine Idee in die Tat um. Das Ergebnis war mehr als eindeutig. Neben einem systolischen Druck von an die 200 mmHg galoppierte auch das Herz des Mannes. Mit 130 Schlägen in der Minute war er gut dabei. 

Jetzt hatte ich also zwei Patienten. Dumm war nur, dass ich die Frau in ein ganz anderes Krankenhaus fahren musste als ihren Mann. Dessen Problem benötigte im schlimmsten Fall nämlich keinen Neurochirurgen, während ich bei seiner Gattin auf Nummer Sicher gehen wollte und einen Maximalversorger als geeignetes Krankenhaus ausgewählt hatte. Sie können sich sicher vorstellen, wie unendlich groß die Begeisterung war. Zum einen, dass nun statt keinem alle beide Rentner stationär behandelt werden mussten, zum anderen aber natürlich auch, dass zwei unterschiedliche Zielkrankenhäuser benötigt wurden. Während ich auf einen weiteren Rettungswagen wartete, versorgte ich beide Patienten parallel mit den notwendigen Medikamenten. Was für ein Drama – und das vor Weihnachten. Glücklicherweise ging die Sache am Ende gut aus. Der schnelle Puls und der hohe Druck des Mannes waren der Angst um seine Frau geschuldet (was doch auch irgendwie süß ist, bedenkt man das Alter der beiden) und auch die holde Gattin hatte keine Schäden durch die plötzliche Blutdruckspitze davongetragen. Welch ein Glück!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein hoffentlich gesundes, erfolgreiches und, man muss es heute leider sagen, terrorfreies Jahr 2017!

Vita

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein.

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