Vom Arztdasein in Amerika – Machtstrukturen im Krankenhaus

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal erzählt er von dem Umgang mit einem aggressiven Patienten.

Arzt in Amerika

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Wer sich mit postmoderner Philosophie beschäftigt, wird über kurz oder lang auf den Franzosen Michel Foucault stoßen. Neben aus meiner Sicht etwas obskuren Ideen hat er auf eingängige Art und Weise darauf aufmerksam gemacht, wie gerade auch Krankenhäuser Institutionen der Macht sind. Hier werden Ressourcen nicht nur zum Wohle kranker Menschen gebündelt, sondern in manchen Fällen auch um Zwang und Druck auszuüben.

Das erlebe ich in regelmäßigen Abständen, wenn ich beispielsweise einem selbstmordgefährdeten Patienten einige seiner Grundrechte entziehe und z.B. juristisch untersage, das Krankenhaus zu verlassen. Wenn er das trotzdem versucht, wird die Polizei gerufen und er zwangsweise eingesperrt. Oder man denke an die Isolierung bzw. Zwangsquarantäne bei bestimmten Infektionskrankheiten, ob es sich hier nun um Tuberkulose, Ebola oder COVID-19 handelt.

39-jähriger Mann mit aggressivem Verhalten

Doch auch gegenüber gefährlichen bzw. agressiven Menschen weiß sich das Personal eines amerikanischen Krankenhauses problemlos zu helfen. So wurde ich konsiliarisch zu einem 39-jährigen Mann wegen agressiven Verhaltens gerufen. Er stammte aus einem der örtlichen Indianerstämme. Überproportional häufig leiden Männer und Frauen der Indianerstämme unter Drogen- und Alkoholprobleme und nach nur wenigen Tests wussten wir auch, wie er seinen dritten Herzinfarkt sich zugezogen hatte: Die Einnahme vom Methamphetaminen, auch wenn er das bestritt.

Doch obwohl er von uns Hilfe in Form der Behandlung seines Herzinfarktes wollte, so verhielt er sich nicht nur laut, sondern auch agressiv. Hier schaltete man mich als Krankenhausinternisten ein und so eilte ich zum Krankenzimmer. Schon im Gang wurde ich von zwei eher zierlichen Krankenschwestern abgefangen und sie boten mir Hilfe an, wobei ich natürlich wusste, dass sie weniger sich als den Sicherheitsdienst meinten. Tatsächlich erschienen in kürzester Zeit drei von der Statur her sehr beeindruckende Männer und so traten wir in das Patientenzimmer ein, im Hintergrund die drei Männer jeden Schritt und vor allem jede Handlung des Patienten beobachtend.

Einschüchterung durch Wachpersonal 

Schnell begriff er seine zum Scheitern verurteilte Position, stellte sich schlafend, machte mürrisch und wie überrascht die Augen auf als ich ihn wiederholt ansprach und leicht schüttelte, um dann jede meiner Anweisungen zu folgen und jede Frage zu beantworten. Die Alternative wäre für ihn unschön gewesen, wie er sicherlich zur Genüge in der Vergangen­heit erfahren hatte. So genügten uns beiden eine nur wenige Minuten andauernde Anamnese und körperliche Untersuchung, und er willigte ein das von mir angeordnete Beruhigungsmittel einzunehmen. Die Krankenschwestern verabreichten es in Gegenwart der noch immer im Zimmer stehenden Männer und danach schlief er wirklich ein und die ganze Nacht hindurch. Etwas mürrisch und benommen entließ ich ihn am nächsten Morgen.

Die Macht des Staates beruht unter anderem auf der Fähigkeit, bestimmte Ressourcen im richtigen Moment bündeln zu können. Im Krankenhaus erlebe ich das täglich, und es beeindruckt mich jedes Mal, ob nun die Anwesenheit vieler Spezialisten und Technologie bei schwerkranken Menschen oder eben dem Sicherheitspersonal beim agressiv auftretenden Mann. Die etwas rauhe Lebenswirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft hat es aber auch leicht gemacht, erfolgreiche Machtmodelle ins Krankenhaus zu übertragen.

Übrigens erfahre ich, wie auch in Deutschland diese Modelle immer öfters im Krankenhaus Einzug halten und erfolgreich angewendet werden. In dem Maße wie die deutsche Gesellschaft der amerikanischen immer mehr ähnelt, werden auch diese Machtfoci immer wichtiger.

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