Überblick: Weiterbildung Rehabilitative Medizin

Wenn man sich für eine Facharzt-Weiterbildung entscheiden muss, gibt es viele Möglichkeiten. In der Serie "Überblick" stellen wir die einzelnen Fachgebiete und ihre Weiterbildungsmodalitäten vor. Dieses Mal im Fokus: die Rehabilitative Medizin.

Rehabilitation

Überblick: Weiterbildung Rehabilitative Medizin | Foto: Avenue Images

Das Gebiet Physikalische und Rehabilitative Medizin umfasst die sekundäre Prävention, die interdisziplinäre Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von körperlichen Beeinträchtigungen, Struktur- und Funktionsstörungen mit konservativen, physikalischen, manuellen und naturheilkundlichen Therapiemaßnahmen sowie den Verfahren der rehabilitativen Intervention.

Aktuell haben von den rund 392.000 berufstätigen Medizinern in Deutschland 1.882 die Gebietsbezeichnung "Physikalische und Rehabilitative Medizin" erworben – das ist vergleichsweise wenig. Die Zahl der Facharztanerkennungen auf diesem Gebiet ist in den vergangenen Jahren zudem leicht zurückgegangen. Im Jahr 2016 waren es 71 Facharztanerkennungen, im Jahr darauf 65 Anerkennungen, im Jahr 2018 haben 64 Ärztinnen und Ärzte den Facharzttitel Physikalische und Rehabilitative Medizin erworben.  

Ganzheitliche Betrachtung

Es ist das Ziel des Facharztes für Physikalische und Rehabilitative Medizin, dass die Patienten ihre Krankheit annehmen und einen günstigen Umgang damit finden. Anders als häufig bei der Arbeit im Klinikum, fokussiert sich der Reha-Arzt nicht auf einzelne Symptome, sondern betrachtet den Patienten bzw. den Menschen als Gesamtgebilde mit all seinen Wünschen und Problemen. Sehr viel Zeit wird investiert, um eine präzise Diagnose stellen zu können. Wenn alle Ergebnisse vorliegen, wird das optimale Trainingsprogramm festgelegt. Je nach Krankheitsbild zählen zu verordneten Maßnahmen Ausdauertraining auf einem Ergometer, Gymnastik, Aquafitness, Massagen, Ernährungsberatung sowie Kurse zur Stressbewältigung und Raucherentwöhnung.

In einer Reha-Klinik ist der Alltag und die Therapie der Patienten planbarer als in der Akutklinik. Der Reha-Arzt nimmt sich viel Zeit für seine Patienten, von denen es sowohl stationäre als auch ambulante gibt. Er spricht mit seinen Schützlingen über ihre Beschwerden und ihre Fortschritte.

Fakten: Weiterbildung zum Facharzt Rehabilitative Medizin

Die Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin beträgt 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 12 Monate in der stationären Akutversorgung im Gebiet Chirurgie und/oder in Neurochirurgie abgeleistet werden
  • müssen 12 Monate in der stationären Akutversorgung im Gebiet Innere Medizin und/oder in Neurologie abgeleistet werden

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Physikalische und Rehabilitative Medizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Theoriemodelle der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, z. B. International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) sowie der Rehabilitation
  • Rehabilitationsspezifische Hygienemaßnahmen unter besonderer Berücksichtigung multiresistenter Erreger
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung (Richtzahl: 10)
  • Teilnahme an multiprofessionellen Teamsitzungen (Richtzahl: 50)
  • Rehabilitationsspezifische Aspekte der Behandlung von Patienten mit kognitiven Defiziten
  • Rehabilitationsspezifische Beratung und Mitbehandlung von Suchterkrankungen

Notfälle

  • Erkennung und Behandlung typischer Komplikationen im Behandlungsverlauf sowie deren Prophylaxe

Prävention

  • Prävention von Krankheiten, arbeitsplatzbedingten Belastungen und Schädigungen (Primärprävention)
  • Prävention von Krankheitsfolgen (Sekundärprävention)
  • Prävention von Einschränkungen der Teilhabe sowie von Hilfe- bzw. Unterstützungsbedarf (Tertiärprävention)
  • Präventionsmedizinische Untersuchungen und Beratungen einschließlich sportmedizinischer Aspekte
  • Arbeitsplatzorientierte Beratungen
  • Beratung zu Hilfe- und Unterstützungsbedarf

Soziale Sicherungssysteme und Versorgungsstrukturen

  • Grundprinzipien der sozialen Sicherung, Rehabilitations- und Sozialmedizin
  • Rehabilitationsbezogene Steuerungselemente im Gesundheitswesen und ihre praktische Anwendung
  • Grundlagen und methodische Prinzipien der Rehabilitation und Rehabilitationssteuerung
  • Medizinische Rehabilitation, insbesondere Leistungsformen, spezifische Rehabilitationsangebote und -verfahren und Einrichtungen
  • Berufliche Rehabilitation (Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben) und Wiedereingliederung
  • Schulisch-pädagogische Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft
  • Grundlagen der Durchgangsarzt- und Verletztenartenverfahren der gesetzlichen Unfallversicherung
  • Anwendung von Modellen der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit
  • Indikationsstellung und Zuweisung zu den verschiedenen rehabilitativen Versorgungsformen (Richtzahl: 50)
  • Indikationsstellung und Einleitung von beruflichen und/oder arbeitsplatzorientierten Rehabilitationsleistungen (Richtzahl: 20)
  • Indikationsstellung und Beratung zu Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft (Richtzahl: 20)
  • Beurteilung des Leistungsvermögens, der Arbeitsunfähigkeit und der Erwerbsminderung sowie der Pflegebedürftigkeit (Richtzahl: 100)

Diagnostische Maßnahmen

  • Differentialdiagnostik von Struktur- und Funktionsstörungen
  • Manualmedizinische Untersuchung von Komplex- und Einzelbefunden des Bewegungssystems, z. B. Bewegungsstörungen, regionale Befunde, Einzelbefunde an Gelenken, Muskeln, faszialen, viszeralen und neuronalen Strukturen (Richtzahl: 200)
  • Neurologische Befunderhebung bei Störungen des peripheren und zentralen Nervensystems
  • Indikationsstellung, Durchführung und Auswertung apparativer Diagnostik
  1. EKG
  2. Belastungs-EKG
  3. Lungenfunktionsprüfung
  • Sonographie der Bewegungsorgane (Richtzahl: 200)
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation radiologischer Untersuchungen, auch unter funktionellen Gesichtspunkten
  • Teilnahme an radiologischen Fallbesprechungen (Richtzahl: 50)
  • Stand- und Ganganalyse
  • Orientierende psycho-pathologische Befunderhebung
  • Indikationsbezogene Auswertung von Assessmentinstrumenten zur Selbst- und Fremdeinschätzung

Krankheiten und Störungen der Funktionsfähigkeit

  • Mit- und Anschlussbehandlung sowie Rehabilitation von Erkrankungen und Funktionsstörungen, insbesondere
  1. Folgen komplikativer Krankheitsverläufe
  2. funktionelle, degenerative, entzündliche und stoffwechselbedingte Krankheiten des Bewegungssystems
  3. Verletzungsfolgen einschließlich Polytrauma, Schädel-Hirn-Trauma, Querschnittsläsionen
  4. zerebrale Durchblutungsstörungen einschließlich Schlaganfall
  5. neurodegenerative Krankheiten und periphere Nervenläsionen
  6. Krankheiten des kardiopulmonalen Systems
  7. Krankheiten des Gefäßsystems einschließlich des Lymphgefäßsystems
  8. angeborene Leiden und Folgen frühkindlicher Hirnschäden
  9. psychische und psychosoziale Erkrankungen und Problemlagen

Interventionen

  • Methode und Therapiemittel, physiologische Wirkung und Therapieeffekte von physikalischen Therapien, z. B. Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Ergotherapie, Sporttherapie, Massagetherapie, Elektro- und Ultraschalltherapie, Hydrotherapie, Thermotherapie, Balneotherapie und Inhalationstherapie
  • Rehabilitative Maßnahmen wie Rehabilitationspflege, Logopädie, Neuropsychologie, rehabilitative Sozialarbeit, Patientenschulung und -information, Kunst- und Musiktherapie, begleitende psychotherapeutische Verfahren, Ernährungstherapie
  • Indikationsstellung, Einleitung und Verlaufsbeurteilung physikalischer und rehabilitativer Interventionen unter kurativer und rehabilitativer Zielsetzung (Richtzahl: 100)
  • Interventionelle Methoden
  • Diagnostische und therapeutische Punktionen und Injektionen
  • Manualmedizinische Behandlungstechniken, auch in Kombination mit Untersuchungstechniken
  • Differentialindikative Hilfsmittelversorgung mit Orthesen und Prothesen, Einlagen- und Schuhversorgung, rehabilitativer Technologie und Kompressionsbestrumpfung, Mobilitätshilfen (Richtzahl: 50)

Frührehabilitation

  • Grundlagen kombinierter akut- und rehabilitationsmedizinischer Behandlung
  • Transfer- und Mobilisationskonzepte
  • Grundlagen der Beatmung und Beatmungsentwöhnung, Tracheostoma- und Sekretmanagement
  • Planung und Durchführung der Frührehabilitation einschließlich frührehabilitativer Komplexbehandlung im multiprofessionellen Team (Richtzahl: 50)
  • Strukturierte Überwachung des frührehabilitativen Verlaufs und Überleitungsmanagement
  • Weiter- und Nachbehandlung der zur Frührehabilitation führenden Krankheit oder Verletzung, der Begleitkrankheiten und Komplikationen
  • Frührehabilitative Assessments (Richtzahl: 50)
  • Dysphagiemanagement
  • Ernährungsmanagement
  • Trachealkanülenversorgung

Postakute und Anschlussrehabilitation sowie intermittierende Heilverfahren

  • Rehabilitationsdiagnostik und -assignment
  • Rehabilitationsplanung und rehabilitative Interventionen
  • Therapieevaluation und -modifikation
  • Überleitungsmanagement und sozialmedizinische Beurteilung
  • Planung, Koordination und Beurteilung postakuter Rehabilitation und intermittierender Heilverfahren (Richtzahl: 50)

Rehabilitative Langzeitversorgung und ambulante rehabilitative Krankenbehandlung

  • Rehabilitative Langzeitversorgung und Nachsorge
  • Auswahl und Einleitung von Leistungen zur Teilhabe in der Langzeitversorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten bzw. Behinderungen (Richtzahl: 10)
  • Einleitung von Funktionstraining bzw. Rehabilitationssport (Richtzahl: 20)

Konservative und operative Akutversorgung

  • Assistenzen bei Operationen (Richtzahl: 50)
  • Wund- und Infektionsmanagement sowie Verbandlehre
  • Gerinnungsmanagement sowie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Thrombosen
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von Abdomensonographien, Dopplersonographien der Gefäße, Echokardiographien, endoskopischen Verfahren
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von Elektroenzephalographien, Elektromyographien, Nervenleitgeschwindigkeiten, evozierten Potenzialen
  • Grundlagen der Botulinumtoxintherapie

Quellen: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik 2018, MEDIZIN STUDIEREN 2/2015, Foto: francescoridolfi.com

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.