Überblick: Weiterbildung Arbeitsmedizin

Kommt die Weiterbildung in der Arbeitsmedizin für mich in Frage? Dieser Überblick stellt das Aufgabengebiet des Facharztes für Arbeitsmedizin vor und nennt alle Eckdaten der Ausbildung, von der Dauer bis zu den Inhalten.

Arbeitsmediziner sind für die Gesundheit von Angestellten zuständig. | Robert Kneschke

Das Fachgebiet Arbeitsmedizin stellt die Wechselbeziehungen zwischen Arbeit/Beruf und Gesundheit/Krankheiten in den Fokus. In dem präventivmedizinischen Fach geht es um die Förderung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit des arbeitenden Menschen. Weitere Punkte sind

  • die Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Begutachtung arbeits- und umweltbedingter Erkrankungen und Berufskrankheiten,
  • die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefährdungen einschließlich individueller und betrieblicher Gesundheitsberatung sowie
  • die Vermeidung von Erschwernissen und die berufsfördernde Rehabilitation.

Zum täglichen Aufgabengebiet gehören die Gestaltung der Arbeitsplätze, des Arbeitsablaufs und der Arbeitsumgebung, die Eingliederung von Behinderten in den Arbeitsprozess, Untersuchungen, Unterweisungen, die Organisation der Ersten Hilfe im Betrieb sowie die Auswahl von Körperschutzmitteln und Sicherheitsausrüstung. Insgesamt gilt die Arbeitsmedizin als familienfreundlich, weil man den Arbeitsplatz am Nachmittag in der Regel verlassen kann und am Wochenende und an Feiertagen frei hat. 

Kein fester Arbeitsplatz

Statt in einer Klinik oder Praxis angestellt zu sein, ist der Arbeitsmediziner für die Arbeitsplatzbegehungen in Betrieben unterwegs – die Spannbreite reicht hier von kleinen bis großen Unternehmen. Die wechselnden Arbeitsumfelder bringen immer wieder neue Begebenheiten mit sich, sodass die Arbeit in diesem Fachgebiet sehr abwechslungsreich ist. Eine Arbeitsplatzbegehung kann auch mal in einem Tanklager einer Tankstelle stattfinden oder in einem so großen Unternehmen, dass es einen eigenen Ortsteil bildet, wie Siemensstadt in Berlin. Auch Fluggesellschaften, Automobilzulieferer und Eisengießereien gehören zu den möglichen Kunden. Eine Begehung geht immer auch mit einer Beratung einher. Es wird ein Betreuungskonzept und eine Gefährdungsbeurteilung erstellt.

Fakten zur Weiterbildung

Die Dauer der Weiterbildung

60 Monate Arbeitsmedizin unter Befugnis an Weiterbildungsstätten, davon

  • müssen 24 Monate in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung abgeleistet werden

360 Stunden Kurs-Weiterbildung in Arbeitsmedizin/Betriebsmedizin

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Arbeitsmedizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Duales Arbeitsschutzsystem durch den Staat und die Träger der Gesetzlichen Unfallversicherung
  • Betriebliche Organisationsstrukturen und Ablaufprozesse
  • Beratung von Arbeitgebern, Beschäftigten und deren Interessenvertretungen im Fall arbeitsbedingter Gefährdung der Gesundheit einschließlich psychischer Belastung und Beanspruchung
  • Berufskunde
  • Konzepte der Arbeitsmedizin, z. B. Belastungs-Beanspruchungs-Konzept und Dosis-Wirkungs- Beziehungen
  • Grundlagen der Epidemiologie und Statistik
  • Arbeitsphysiologie
  • Grundlagen der Sozialmedizin
  • Sozialmedizinische Beratung
  • Grundlagen der Reise-, Tropen- und Flugmedizin
  • Beratung über gesundheitsgerechtes Verhalten im Ausland einschließlich der Expositionsprophylaxe, bei gesundheitlichen Einschränkungen sowie bei Reisen während der Schwangerschaft
  • Grundlagen hereditärer Krankheitsbilder
  • Indikationsstellung für eine humangenetische Beratung
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung (Richtzahl: 10)

Funktionsstörungen und Erkrankungen von Organsystemen

  • Differentialdiagnose und Therapieoptionen bei Funktionsstörungen und Erkrankungen
  1. des Auges
  2. des Blutes und der Blutgerinnung
  3. des Endokriniums und Stoffwechsels
  4. des Gastrointestinaltraktes
  5. von Hals, Nase und Ohren
  6. der Haut
  7. des Herzkreislaufsystems
  8. der Lunge
  9. des Muskel-Skelettsystems
  10. des Nervensystems
  11. der Psyche
  12. des Urogenitalsystems einschließlich Niere
  • Differentialdiagnose und Therapieoptionen bei nichtinfektiösen, infektiösen, toxischen und neoplastischen sowie von allergischen, immunologischen, metabolischen, ernährungsabhängigen und degenerativen Erkrankungen
  • Berufsbezogene Risiken
  • Berufsanamnese mit Erhebung von berufsbezogenen Risiken und Symptomen
  • Bewertung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit sowie der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit anhand von
  1. EKG (Richtzahl: 100)
  2. Lungenfunktionsprüfung (Richtzahl: 50)
  3. Ergometrie (Richtzahl: 50)
  4. apparative Techniken zur richtungsweisenden Untersuchung des Hörvermögens (Richtzahl: 50)
  5. apparative Techniken zur richtungsweisenden Untersuchung des Sehvermögens (Richtzahl: 50)
  • Indikationsstellung zu und Befundinterpretation von radiologischen Untersuchungen

Primärprävention

  • Verhältnisprävention und Verhaltensprävention einschließlich Arbeitsplatzgestaltung, Ergonomie, Arbeitshygiene und Unfallprävention
  • Betriebs- und Arbeitsplatzbegehung, Arbeitsplatzbeurteilung, Gefährdungsbeurteilung einschließlich psychischer Belastungen, Risikobeurteilung, z. B. für besondere Beschäftigungsgruppen wie Jugendliche, Schwangere, leistungsgewandelte Beschäftigte
  • Beratung und Gefährdungsbeurteilung im Rahmen des Mutterschutzgesetzes
  • Beratung zu Maßnahmen der Verhaltensprävention, Präventionsberatung
  • Beurteilung von Messergebnissen verschiedener Arbeitsumgebungsfaktoren, z. B. Lärm, Klima, Beleuchtung, Gefahrstoffe
  • Beratung zur Auswahl von persönlichen Schutzausrüstungen, z. B. beim Umgang mit Gefahrstoffen
  • Durchführung von Maßnahmen der Infektionsprophylaxe im Betrieb
  • Organisation der Ersten Hilfe im Betrieb
  • Grundzüge der Pandemieplanung im Betrieb

Sekundärprävention

  • Früherkennungsuntersuchungen bei Risikofaktoren und arbeitsbedingten Erkrankungen
  • Vorsorge gemäß Verordnung arbeitsmedizinischer Vorsorge
  • Eignungsuntersuchungen und Eignungsbeurteilungen nach entsprechenden Rechtsverordnungen einschließlich verkehrsmedizinischer Untersuchungen

Tertiärprävention

  • Medizinische, arbeitsplatzbezogene, betriebliche und soziale Rehabilitation
  • Beratung zum betrieblichen Eingliederungsmanagement einschließlich individueller Einzelmaßnahmen
  • Beratung zur Arbeitsplatzgestaltung bei Beschäftigten, z. B. mit chronischen Erkrankungen und bei leistungsgewandelten Beschäftigten

Arbeitsbedingte Erkrankungen einschließlich Berufskrankheiten

  • Berufskrankheiten gemäß SGB VII und gemäß Berufskrankheiten-Verordnung, insbesondere
  1. durch chemische Einwirkungen verursachte Krankheiten
  2. durch physikalische Einwirkungen verursachte Krankheiten
  3. Infektionskrankheiten und Tropenkrankheiten
  4. Atemwegserkrankungen
  5. Hautkrankheiten
  • Arbeits(mit)bedingte Erkrankungen
  • Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Volkskrankheiten
  • Meldung des Verdachts von Berufskrankheiten gemäß SGB VII
  • Beteiligung am Feststellungsverfahren für Berufskrankheiten
  • Finale und kausale Gutachtenerstellung einschließlich Zusammenhangsgutachten bei Berufskrankheiten

Arbeitstoxikologie

  • Toxikologische Grundlagen
  • Grundlagen der Kanzerogenese
  • Biomonitoring am Arbeitsplatz
  • Ambient Monitoring
  • Beurteilung chemischer Belastungen und Beanspruchungen
  • Beratung beim Umgang mit Gefahrstoffen

Arbeit und psychische Gesundheit

  • Grundlagen psychischer und psychosomatischer Krankheitsbilder und Symptome
  • Grundlagen der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie einschließlich betrieblichem Konflikt- und Stressmanagement
  • Beurteilung psychischer Belastungen und Beanspruchungen
  • Beratung und Begleitung im Rahmen betrieblicher Suchtprävention
  • Psychologische und psychometrische Analyseverfahren und Fragebögen zur Gefährdungsbeurteilung
  • Auswirkungen kultureller Faktoren und Einflüsse auf den Zusammenhang von Arbeit und psychischer Gesundheit

Umweltmedizinische Risikofaktoren

  • Erfassung, Beschreibung und Beurteilung von Umweltfaktoren hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Relevanz am Arbeitsplatz
  • Umweltmedizinische Beratung, z. B. bei umweltassoziierten Belastungen, umweltbezogenen Syndromen, umweltbedingten Erkrankungen

Betriebliches Gesundheitsmanagement

  • Grundlagen der Förderung der Gesundheit der Beschäftigten
  • Beratung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement in Unternehmen und Organisationen
  • Grundsätze der Salutogenese
  • Grundsätze gesunder Führung
  • Instrumente der Gesundheitsförderung
  • Koordination von Präventionsdienstleistern im Betrieb

Quelle: (Muster-)Weiterbildungsordnung 2018

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.